Verständlichkeit

Leichte Sprache: einfach zu verstehen, aber nicht in jedem Fall anwendbar

Kürzer wird ein Gesetz in Leichter Sprache meist nicht. Hinzu kommt zudem eine Erklärung, worum es geht.

Kürzer wird ein Gesetz in Leichter Sprache meist nicht. Hinzu kommt zudem eine Erklärung, worum es geht.

Immer mehr Texte werden in die sogenannte Leichte Sprache übersetzt, damit auch Lernbehinderte sie verstehen. Sogar ein Gesetz wurde vereinfacht. Das funktioniert nur bedingt.

Dieser Text ist nicht in Leichter Sprache geschrieben. Obwohl man auch den Leser nicht überfordern soll. Deshalb sind kurze Sätze in der Zeitung ebenfalls beliebt. Aber Leichte Sprache ist extremer: Die Schrift soll gross sein, jeder Satz kommt auf eine neue Zeile und vieles ist tabu. Zum Beispiel Fremdwörter, Metaphern, Synonyme, Abkürzungen, der Genitiv. Sogar Nebensätze sind verboten.

Die Leichte Sprache soll lernbehinderten Menschen ermöglichen, Texte besser zu verstehen. Eigentlich ist das Sprachsystem schon alt: Bereits in den Sechzigerjahren wurde es erfunden und im englischen Sprachraum und im Norden von Europa verwendet. In Deutschland ist die Sprache in offiziellen Dokumenten auf staatlichen Websites bereits obligatorisch. Und der Duden-Verlag hat im Frühling ein Handbuch dazu herausgegeben.

Formulare werden übersetzt

Nun ist die Leichte Sprache auch in der Schweiz ein Thema. Bereits gibt es Übersetzungsbüros, die Texte nach den Regeln der Leichten Sprache vereinfachen. Und einen Verein, der sich für die Sprache einsetzt. Das Ziel: So wie Sehbehinderte eine Brille benutzen, sollen auch Lernbehinderte eine Hilfe bekommen, um einen Text lesen zu können.

Bei Pro Infirmis macht das Büro für Leichte Sprache seit Anfang 2015 Übersetzungen. Nach einem anfänglichen Boom und einer nachfolgenden Baisse ziehe die Nachfrage nun wieder an, sagt Leiterin Corina Bichsel. Die Kunden sind Behindertenorganisationen, Behörden oder auch Museen. Übersetzt werden Merkblätter, Leitbilder, Formulare und Fragebögen. Bereits seit 2014 macht die Institution WohnWerk in Basel solche Übersetzungen für Kunden. Sie beschäftigen zwei Übersetzer in Teilzeit und sechs lernbehinderte Prüfer. Auch sie verzeichnen eine steigende Nachfrage.

Das WohnWerk hat für den Bund das Behindertengleichstellungsgesetz in Leichte Sprache übersetzt. Sogar eine der schwierigsten Textformen, die Gesetze, wurde «leicht» gemacht. Eine solche Übersetzung ist juristisch nicht gültig. Sollten künftig dennoch selbst Gesetze zusätzlich in Leichter Sprache veröffentlicht werden? WohnWerk-Geschäftsleiter Uwe Armbruster relativiert: «Bei komplexen Texten wie Gesetzen oder wissenschaftlichen Texten muss man sich fragen, ob das Sinn macht.»

Dass nicht alles übersetzt werden müsse, findet auch Andreas Rieder, Leiter des eidgenössischen Gleichstellungsbüros: «Oft wäre es besser, man würde erklären, worum es in einem Text geht, statt ihn 1:1 zu übersetzen. Gerade bei Gesetzestexten. Damit wäre auch Menschen ohne Lernbehinderung gedient», sagt Rieder.

Beim Bund tönt es ähnlich kritisch. Markus Nussbaumer, Leiter Zentrale Sprachdienste bei der Bundeskanzlei, sagt: «Wir sind skeptisch. Man kann einen Gesetzestext nicht beliebig vereinfachen.» Gesetze seien zwangsläufig abstrakt formuliert, denn wenn man etwas mit anschaulichen Beispielen erkläre, sei es eben kein allgemein gültiger Gesetzestext mehr. «Wir haben die Leichte Sprache diskutiert. Sie funktioniert nicht für Gesetze.» Auch Nussbaumer findet, wenn schon, dann in Leichter Sprache erklären, worums im Gesetz geht.

Verständliche Gesetze – für alle

Gesetze sind allerdings selbst für durchschnittlich Begabte oft ein harter Brocken. Studieren Sie im Abstimmungsbüchlein jeweils den neuen Gesetzesvorschlag? Eben. Kein Wunder, denkt man, schliesslich sind die Legisten, also jene Personen welche Gesetze formulieren, Juristen, keine Schriftsteller. Im Studium lernen die Juristen das Lesen, Verstehen und Auslegen der Gesetzestexte, aber meist nicht das Formulieren. Legist wird man vor allem durch «learning by doing», einen speziellen Studienlehrgang gibt es nicht, lediglich Weiterbildungsveranstaltungen der Universitäten und des Bundes.

Doch der Ruf von Gesetzestexten ist zu Unrecht ein schlechter. Zwar können sie nicht in Leichter Sprache geschrieben werden, doch anderes als sonstige Behördentexte, wird jeder neue Gesetzesentwurf zuerst in der Bundeskanzlei von der verwaltungsinternen Redaktionskommission unter die Lupe genommen. Markus Nussbaumer, Leiter Zentrale Sprachdienste, kümmert sich darum. «Wir stellen zuerst viele sogenannte dumme Fragen», sagt er. Dann greifen die Sprach-Verbesserer rigoros durch. Sie schreiben die Gesetzesartikel um, entwirren die Sätze, ergänzen und streichen.

Vorbild für Deutschland

Die verwaltungsinterne Redaktionskonferenz besteht zur Hälfte aus Juristen, zur anderen Hälfte aus Sprachwissenschaftern. Es gibt sie seit 40 Jahren. Das Schweizer System ist in Europa ein Vorzeigebeispiel. Zwar ist Deutschland der Schweiz bezüglich Leichter Sprache weit voraus, doch das allgemein verständliche Schreiben von Gesetzen haben die Deutschen bei den Schweizern abgeschaut. Vor acht Jahren wurden Vertreter der Bundeskanzlei nach Berlin ins Bundesministerium eingeladen zu internen Tagungen. Und die deutschen Kollegen verbrachten mehrere Wochen in der Bundeskanzlei. Heute bauen die Deutschen Gesetze nach dem Berner Vorbild auf.

So strahlt die gut verständliche Juristensprache der Bundeskanzlei bis ins Ausland. Aber: Nicht beeinflussen kann der Bund die kommunalen Behörden im eigenen Land. Gemeinden formulieren Texte auf Verbotstafeln immer noch möglichst kompliziert. Dort steht beispielsweise: «Es wird das Mitführen, Laufenlassen und Versäubern von Hunden auf den Grundstücken XY, Parzellen Nr. 366 und 1255 unter Androhung von Bussen bis Fr. 2000.– (Art. 258 Abs. 1 ZPO) richterlich verboten.» Die «leichte» Botschaft: «Meiden Sie mit Ihrem Hund dieses Grundstück, sonst werden Sie gebüsst.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1