Aus Tier-Dokus über Serengeti und Kalahari kennt man die Bilder: Tüpfelhyänen zermalmen Knochen. Löwen springen mit gefletschten Zähnen Zebras in den Nacken. Afrikanische Wildhunde hetzen ihre Beute im Rudel und reissen sie in Stücke. Nur der Schakal lauert im Hintergrund auf das, was übrig bleibt.

Für Afrikas Raubtiere sind jede Jagd und jeder Riss mit einem mehr oder weniger hohen Risiko behaftet. Wenn sie Pech haben, beschädigen sie sich die Fangzähne und verlieren damit die Fähigkeit, auch künftig noch den tödlichen Biss zu setzen – und laufen dadurch in Gefahr, selber den Hungertod zu erleiden.

Forscher aus Grossbritannien, den USA und Südafrika haben sich der Frage gewidmet, wie sich die Konkurrenz zwischen den Arten, das Beuteangebot, das Geschlecht und das Klima auf den Zustand der Zähne von Löwe, Gepard und weiteren Raubtieren auswirkt.

Dazu hat das Team um Samuel Antony Mann von der Bangor University in Wales Zähne und Gebisse von zehn verschiedenen Arten afrikanischer Fleischfresser untersucht. Neben Raubkatzen betrachteten sie Hyänen und Hundeartige wie Schakal und Wildhund. Weil das Einfangen von Löwen und Hyänen in freier Wildbahn der Gesundheit der Forscher nicht zuträglich gewesen wäre, verlegten sie sich darauf, sich aus afrikanischen Museen und wissenschaftlichen Instituten die Gebisse toter Raubtiere zu beschaffen.

Probleme bei Löwe und Leopard

Im Fachmagazin «Journal of Zoology» stellten sie kürzlich ihre Ergebnisse vor: 35 Prozent der untersuchten Raubtiere litten vor ihrem Tod unter einer oder mehreren Zahnfrakturen. Insgesamt waren etwa 3 Prozent aller knapp 26'000 untersuchten Zähne gebrochen, meist Reiss- oder Schneidezähne.

Vor allem die Raubkatzen Löwe und Leopard sowie Tüpfel-, Streifen- und Schabrackenhyäne hatten arg ramponierte Gebisse. Insbesondere bei Löwen ist dies der enormen Grösse vieler Beutetiere – seien es Gnu, Zebra oder Kaffernbüffel, die weit über eine halbe Tonne schwer sein können – und der Wucht der Angriffe geschuldet.

Der Gepard als dritter Raubkatzenvertreter wies dagegen nur selten Zahnbrüche auf. Die grazilen Sprinter, die meist einzeln und nicht im Rudel jagen, haben es förmlich verinnerlicht, dass gebrochene Reisszähne den eigenen Hungertod nach sich ziehen.

Hervorragender Eckzahngesundheit erfreuten sich zu Lebzeiten auch die untersuchten Exemplare von Streifenschakal und Afrikanischem Goldwolf, recht gut sah es zudem beim Afrikanischen Wildhund und beim Schabrackenschakal aus. Das hat anatomische Gründe: Sie alle zählen zu den Hundeartigen und haben – anders als etwa ein Leopard – keine konisch zugespitzten Eckzähne, die den tödlichen Biss ermöglichen.

Deshalb stehen auf ihrem Speiseplan vermehrt Tiere ohne Knochen und Pflanzliches. Allerdings wiesen Wildhunde und Schakale in der Studie mit fortgeschrittenem Alter eine starke Abnutzung der Backenzähne auf.

Hyänen wiederum sind als malmende Aasfresser und Knochenbrecher bekannt – ein starker Verschleiss sowohl der Backen- als auch der Eckzähne ist programmiert, wie die untersuchten Exponate zeigten.

Die Forscher trugen auch Daten zu weiteren Fragen zusammen: Mit welchen anderen Raubtieren konkurriert die jeweils untersuchte Art in den verschiedenen Gegenden Afrikas? Welches Klima herrscht dort vor und wie ist das Beutetierangebot? Die Temperatur, so die Studie, wirkt sich auf den Zahnverschleiss kaum aus, wohl aber die Niederschlagsmenge. Vor allem mit Blick auf Leopard und Wildhund gilt laut der Studie die Formel: Mehr Regen führt zu mehr Biomasse – und das verbesserte Futterangebot zur Schonung der Gebisse.

Der Zusammenhang ist aus der Forschung zu Orang-Utans bekannt: Sind weiche, reife Früchte nicht mehr verfügbar, gehen Indonesiens Menschenaffen zu unreifen, harten Früchten über und verschleissen die Mahlzähne. Das lässt sich offenbar auch auf Fleischfresser übertragen, die sich bei einem grossen Futterangebot auf zartere Fleischstücke konzentrieren und dadurch die Zähne schonen.

Konkurrenz schadet den Zähnen

Wildhunde wiesen in der afrikanischen Studie an denjenigen Orten schlechtere Zähne auf, wo die Raubtierkonkurrenz gross war. Dabei spielt Kleptoparasitismus eine Rolle – das Phänomen, dass ein Raubtier dem anderen die Beute abjagt. Wildhunde haben dabei meist das Nachsehen. Wo es wenig Beutetiere gibt oder viele Beuteräuber unterwegs sind, so die Forscher, fressen Wildhunde erlegte Beute hastiger oder gründlicher «bis auf die Knochen» – zum Schaden ihrer Zähne.

Eine weitere Frage war, ob es beim Zahnverschleiss geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Der Befund: In der Regel nicht, ausgenommen bei Tüpfelhyänen, bei denen die Weibchen im Rudel und bei der Jagd dominant sind und daher mehr Zahnbrüche aufwiesen.

Wenn ein gebrochener Reisszahn den Jagderfolg einschränkt, kann dies für ein Raubtier lebensbedrohlich sein. Kaputte Zähne sind zudem in Konkurrenzkämpfen ein Nachteil. Dass Raubkatzen unter widrigen Bedingungen den Verlust von Reisszähnen riskieren, war aber schon vor Zehntausenden Jahren so. Funde in Kalifornien zeigten, dass die damalige Knappheit an Beute sowie Jagdkonkurrenz zum Beispiel den namengebenden Beissern der Säbelzahnkatzen stark zusetzten – was ihr Aussterben beschleunigte.