Passiert nicht noch ein Wunder, verschwindet nach dem 21. Juli die Westschweizer Tageszeitung «Le Matin». Die Verlegerin Tamedia stellt die gedruckte Ausgabe ein. Zurückbleiben wird noch eine abgespeckte Online-Redaktion.

Der Aufschrei in der Romandie ist gross. Rund 1400 Personen unterschrieben im Internet eine Petition für den Erhalt der Zeitung, Politiker protestierten gegen die Ausdünnung des französischsprachigen Zeitungsmarkts durch den Deutschschweizer Konzern, und die Redaktionen von «Le Matin», «24 heures» und «Tribune de Genève» traten letzte Woche für drei Tage in den Streik.

Gäbe es eine Abstimmung über die Zukunft von «Le Matin», das Westschweizer Publikum würde mit grosser Wahrscheinlichkeit für die Erhaltung des bunten und fröhlichen Boulevardblattes mit dem orangen Zeitungskopf stimmen. Eine andere Abstimmung verliert die Zeitung aber jeden Morgen: die mit dem Portemonnaie.

Tägliche moralische Prüfung

Die welsche Zeitungslandschaft hat eine Besonderheit. Die Verlage bieten ihre Printprodukte nicht nur an Kiosken und im Abo nach Hause geliefert an. Sie halten ihre Zeitungen auch an Zeitungsautomaten feil – und dies, nachdem die meisten Deutschschweizer Verlage diese Vertriebsart aufgegeben haben.

Im Unterschied zu den Automaten, in denen früher die Deutschschweizer Zeitungen an Bus- und Tramstationen feilgeboten wurden, lassen sich die Zeitungen in der Westschweiz auch entnehmen, ohne dass man vorher Münzen in den Geldschlitz gelegt hätte. Es handelt sich also nicht um Zeitungsautomaten im eigentlichen Sinne, sondern eher um Zeitungsboxen, die man von Gratisblättern her kennt. Nur dass sie noch mit einem Kässeli ausgestattet sind.

Lausanner und Genfer stehen also jeden Tag vor der Entscheidung, ob sie für ihren «Le Matin» bezahlen wollen oder nicht. Zwar sind einige Anbieter dazu übergegangen, Kontrolleure um die Zeitungsboxen schleichen zu lassen und Schwarzleser mit bis zu 100 Franken zu büssen, in den allermeisten Fällen hat die Nonchalance an der Zeitungsbox keine Konsequenzen.

Für den Zeitungsleser wird der Gang zur Busstation zur täglichen moralischen Prüfung. Noch verschärft wird sie durch die Tatsache, dass direkt neben den «Le Matin»-Boxen mit Kässeli die Pendlerzeitung «20 Minuten» gratis aufliegt. Sie stammt nicht nur aus dem gleichen Verlag, sondern kommt auch ähnlich daher. «Le Matin» ist zwar etwas knalliger, wird aber seit 2001 ebenfalls im Tabloidformat produziert.

Die allermeisten «Le Matin»-Leser, die ihre Zeitung über eine Zeitungsbox beziehen, bestehen die Prüfung nicht. Nur gerade jeder zehnte Kunde legt auch den korrekten Betrag ins Kässeli. Die Diebstahlrate von «Le Matin» beträgt ganze 86 Prozent, wie Tamedia auf Anfrage offenlegt. Das dürfte ein neuer Rekord sein.

Vor 15 Jahren platzte den damaligen Besitzern von «24 heures» der Kragen, weil bis zu 70 Prozent der Exemplare aus den Boxen geklaut wurden. Zuvor hatte es Edipresse mit Kontrolleuren versucht. Bei 3800 Kontrollen pro Monat wurden damals 1100 Schwarzleser ertappt, sagte der damalige Vertriebsleiter Jean-Paul Chassot zur Presseagentur SDA. Schon damals war «Le Matin» die meistgestohlene Zeitung. 45 000 Exemplare verschwanden jeden Tag.

Kampagnen nutzten nichts

Mit Kampagnen versuchten die Verleger immer wieder, die Zahlungsmoral zu erhöhen. Eine Zeit lang sahen die Zeitungsboxen so aus, als hockten Redaktoren samt Laptop darin. Eine Werbeagentur liess für die entsprechenden Aufdrucke Personal von «Le Matin dimanche» in der prekären Position ablichten.

Die Botschaft war klar: Hinter der Zeitung stehen Menschen, die auch von etwas leben müssen. Gebracht hat die Aktion wenig. Auch frühere Aktionen entfalteten kaum Wirkung. Bereits 2003 druckte «Le Matin» ein grosses Fragezeichen auf die Front und liess aus Protest gegen den Zeitungsklau vier Seiten praktisch leer. Die Zahlungsmoral sank trotzdem weiter.

Ein Versuch, auf das Deutschschweizer Modell zu wechseln, scheiterte 2008. Probeweise stellte Edipresse für ihre Titel Zeitungsautomaten auf, welche die Ausgabe erst freigaben, wenn der entsprechende Geldbetrag eingeworfen wurde. Die Zeitungen blieben im Kasten liegen, der Versuch wurde abgebrochen.

Der Automatenverkauf ist für westschweizer Zeitungen von unterschiedlicher Bedeutung. Während «24 heures» nur noch 700 Exemplare auf diesem Weg loswird, sind es bei «Le Matin dimanche» 45 000 Exemplare. Über Abos beziehen nur rund 3000 Haushalte die Sonntagsausgabe. Obwohl umfangreicher und teurer, wird die Sonntagszeitung weniger gestohlen als die Tagesausgabe. Das zeigt, dass die westschweizer Leser nicht besonders viel kriminelle Energie haben. Die teurere Sonntagsausgabe wäre ja die attraktivere Beute.

Der Zeitungsklau war letzte Woche auch beim Streik Thema. Die Redaktoren kritisierten, dass Tamedia ihre alternativen Sparvorschläge nicht prüfe. Einer ist die Abschaffung der Zeitungskästen. Allerdings wird der grösste Teil der Ausgaben von «Le Matin» nach wie vor am Kiosk oder per Abo verkauft. Schuld am Defizit des Blattes sind die Zeitungsdiebe also zumindest nicht alleine. Über alle Titel gerechnet, sei der Verkauf über die Boxen gemäss Tamedia sogar profitabel.

Zurzeit finden Gespräche zwischen der Redaktion, Tamedia und der Waadtländer Regierung statt. Gegenüber Radio RTS äusserste Regierungspräsidentin Nuria Gorrite (SP) die Hoffnung, dass bei den Gesprächen mehr herausschaut als nur soziale Abfederungen für die 36 entlassenen Journalisten. Damit schürt sie die Hoffnung auf ein Wunder, das die gedruckte Ausgabe des «Le Matin» doch noch retten könnte.