Die Frühlingsluft lässt Remo Vetter noch ziemlich kalt. Auch wenn die Tage nun schon länger sind und die Temperaturen endlich steigen, verfällt der gebürtige Basler nicht in übermässigen Aktivismus. Gemächlich schreitet er durch den Garten im appenzellischen Teufen, beobachtet die mehrjährigen Pflanzen, wie sie den Winter überstanden haben, oder schneidet die Rosen und Sträucher. «Weil der Garten auf rund 1000 Metern über Meer liegt, schneide ich nicht schon im Herbst alles zurück», erklärt er. Eine wichtige Grundlage seiner Art zu gärtnern ist die Herangehensweise: «Ich beobachte die Natur und greife so wenig wie möglich ein und erst, wenn sie sich nicht mehr selbst zu helfen weiss.»

Nach diesem Prinzip hat er das «Lazy Gardening» entwickelt. Wer wünscht sich das nicht: Einen Garten zu haben, in dem man nicht dauernd hart arbeiten muss, aber Früchte und Gemüse ernten und eine wunderbar gedeihende Blumenpracht geniessen kann. «Das ist tatsächlich möglich», sagt er. Wie das geht, verrät er in seinem neuen Buch «The Lazy Gardener und seine Gartengeheimnisse».

Im Gespräch zeigt sich schnell einmal, dass bei Remo Vetter «lazy» nichts mit faul zu tun hat, sondern vielmehr mit clever. Denn nur auf der faulen Haut liegen kann auch der Fachmann nicht, mit dem 300 Quadratmeter grossen Garten. «Es ist wohl mehr eine innere Haltung», erklärt er. Gartenarbeit sei für ihn nicht körperliche Anstrengung oder mühsame Arbeit. «Im Gegenteil: Beim Hacken, Graben und Jäten kann ich komplett abschalten.»

Kurzeinsätze statt Plackerei

Natürlich hat der Gartenexperte, der während 36 Jahren Geschäftsführer des Naturheilprodukte-Unternehmens A. Vogel in Teufen AR war und dort mithilfe seiner Frau Frances und seinen drei Töchtern den Schau-Kräutergarten hegte, ein paar Tricks auf Lager, wie man zum entspannten Gärtnern findet. Proaktiv ist ein Stichwort, das im Gespräch mit Remo Vetter immer wieder fällt. «Ich warte nicht, bis die Beete mit Unkraut übersät sind, sondern handle vorher.» Auf seinen täglichen Rundgängen durch den Garten beobachtet er die Pflanzen ganz genau und kann so frühzeitig eingreifen, wenn dies nötig ist. Zum Beispiel mit seiner Pendelhacke. Auf dieses Garteninstrument schwört er. «Ich lockere damit regelmässig den Boden. Dadurch gebe ich dem Unkraut gar keine Chance zu keimen.» Und vor allem ist es lustvoller, in Kurzeinsätzen durch den Garten zu gehen, als stundenlang hacken und graben zu müssen.

Wer sich einen arbeitsarmen Garten schaffen will, muss allerdings gut planen. Das beginnt bei der Einteilung der Flächen und geht bis hin zur Wahl der richtigen Pflanzen. «Viele Gärtner machen den Fehler, dass sie am Anfang zu viel anpflanzen», weiss Remo Vetter. Und oft auch das Falsche. «Einheimische, langjährige und widerstandsfähige Gewächse erfordern weit weniger Pflege als exotische.» Zudem rät der Gartenfachmann, Bodendecker oder Mulch zu Hilfe zu nehmen, «so bleibt der Boden feucht, und Unkraut kann sich weniger gut verbreiten».

Chemie hat übrigens bei Remo Vetters Prinzip des Lazy Gardening nichts zu suchen. Aus zwei Gründen: Erstens wird bei ihm ohnehin wenig gedüngt und bewässert. «Nicht aus Faulheit, sondern weil es in unseren Breitengraden schlicht nicht nötig ist», erklärt Vetter. Er setzt auf Gründüngung, das heisst auf Pflanzen, die den Boden verbessern, indem sie ihn mit Stickstoff anreichern. Dazu gehören Ackerbohnen, Erdklee, Ringelblumen und vor allem die Bienenweide. Sie werden nicht geerntet, sondern geschnitten und als Mulch liegen gelassen oder leicht in den Boden verarbeitet.

Zweitens setzt Vetter auf Vielfalt und Nützlinge. Er sorgt dafür, dass Ohrwürmer, Meisen, Marienkäfer oder Igel Schlupf- und Nistmöglichkeiten haben. Damit habe er viel weniger Läuse, Schnecken und sonstige Schädlinge im Garten. «Denn auf einem gesunden Boden wachsen gesunde Pflanzen, sie erhalten uns gesund.»

Vierfache Ernte im Hügelbeet

Blättert man durch Vetters schön gestaltetes Gartenbuch, findet man viele Tipps, die einfach und verständlich beschrieben werden. Thematisch hält sich das Buch an die Jahreszeiten und zeigt, wann welche Gartenarbeiten anstehen.

Im Anhang findet man eine ausführliche Liste mit Gemüsesorten, Kräutern, Beeren und Obst samt Informationen zu Anbau, Düngung, Boden oder Pflege.

Interessant sind etwa seine Hügelbeete, dank denen er statt nur einmal gleich drei- bis viermal jährlich ernten kann. «Da bei uns Unmengen von Gartenabfällen und Baumschnitt anfallen, sind die Hügelbeete sozusagen unsere Kompostieranlage», sagt der 62-Jährige. Weil sich die Erde darunter auf 50 °C erwärmt, wachsen die Pflanzen fast explosionsartig. Dabei setzt er bewusst nicht auf Monokulturen, sondern auf Mischbepflanzung. Dies ist nicht nur optisch schöner, es beugt auch Schädlingsbefall und Pilzerkrankungen vor. «Ich pflanze zusammen, was ich auch zusammen esse, etwa Tomaten und Basilikum.»

«Der Garten ist ein Raum zur Selbstverwirklichung», schreibt Remo Vetter im Vorwort und ermutigt sowohl Einsteiger als auch Gartenerfahrene, ihre kühnen Ideen zu säen und zu pflanzen. Jeder könne zum Gartenkünstler werden, ist er überzeugt. Nicht zuletzt dank seinem Buch, in dem vierzig Jahre Gartenerfahrung stecken. Remo Vetter selbst hat gerade seinen langjährigen Job an den Nagel gehängt und denkt noch lange nicht daran, sich auf die faule Haut zu legen, sondern nochmals voll durchzustarten. Als freischaffender Gartengestalter und Buchautor gibt er auch Gartenkurse, oft im Hotel Hof Weissbad im Kanton Appenzell, wo er einen riesigen Kräutergarten angelegt hat. Kaum aus der Taufe gehoben, soll sein Buch auch bald auf Englisch übersetzt werden. Und wer weiss? Vielleicht wird man ihn auch im Fernsehen sehen. Trailer für eine neue Gartensendung sind jedenfalls schon im Kasten.

Ein Stichwort will er allen Gärtnern mit auf den Weg geben: «Tragen Sie bei der Gartenarbeit keine Uhr, schliesslich soll der Garten ja ein Ort der Entspannung und Musse sein.»