Es war der schönste 1. August seit langem! So oder ähnlich äusserten sich viele Menschen im ganzen Land. Während die Waldbrandgefahr und die damit einhergehenden Feuerwerksverbote den einen das Feiern verdarben, freuten sich andere eben gerade darüber, dass heuer am Nationalfeiertag kaum geknallt wurde.

Dass Ruhe ein Bedürfnis ist, zeigte sich auch in einer repräsentativen Befragung des Marktforschungsinstituts GFS Zürich im vergangenen Jahr: 46 Prozent der Bevölkerung schätzte die Lärmbelastung in der Schweiz als hoch bis sehr hoch ein. Viele sind denn auch bereit, für Ruhe zu bezahlen. Sie lösen Fitnessabos, nicht nur um Sportgeräte zu benutzen, sondern auch um im Ruheraum zu entspannen. Sie buchen bei Meditationszentren Schweigeseminare für Hunderte Franken. Oder sie kaufen Kopfhörer, welche die Umgebungsgeräusche nicht nur dämpfen, sondern aktiv herausfiltern. Die Nachfrage nach Noise-Cancelling-Kopfhörern sei in den letzten zwei Jahren stark gewachsen, heisst es etwa bei Interdiscount und Microspot.ch. Im Vergleich zum Vorjahr habe man im laufenden Jahr fast doppelt so viele Noise-Cancelling-Geräte verkauft.

Auslöser für Herzinfarkte

Lärmquelle Nummer eins ist unbestritten der Strassenverkehr. Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) leben 1,6 Millionen Schweizer mit Strassenlärm, der die Grenzwerte überschreitet. Die Anzahl eingelöster Motorfahrzeuge hat sechs Millionen überschritten, zudem sind sie tendenziell schwerer als früher, was ebenfalls zu mehr Lärm führt.

Aber auch in Gebäuden ist es über die vergangenen Jahrzehnte lauter geworden. Die Spannteppiche der Siebziger und Achtziger sind verschwunden, schallschluckende Elemente wie Vorhänge werden nur noch spärlich eingesetzt. Hinzu kommt der Trend zu Grossraumbüros, in denen die Gespräche der Kolleginnen und Kollegen zum Schallpegel beitragen.

Maximal 45 Dezibel dürfe der Geräuschpegel in Grossraumbüros betragen, hält das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) fest. Allerdings zeigten Forscher um Martin Röösli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut im vergangenen Jahr, dass bereits Lärm ab 40 Dezibel schädlich ist. Und dabei geht es nicht nur um subjektives Wohlfühlen: Lärm erhöht auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Die Gefahr, an einem Herzinfarkt zu sterben, steigt pro 10 Dezibel Verkehrslärmbelastung um vier Prozent. Hinzu kommt, dass Lärm müde, nervös und aggressiv macht und die Konzentration stört.

Fristen nicht eingehalten

Zwar geben die Behörden Gegensteuer: Mit Lärmschutzwänden, Dreissigerzonen und Flüsterbelägen soll die Bevölkerung geschützt werden. Doch es geht nur langsam voran. Die Lärmsanierungen der Strassen hätten 2002 abgeschlossen werden sollen. Dieses Ziel war zu ambitioniert, nur knapp ein Drittel der Arbeiten waren rechtzeitig abgeschlossen. Die Frist wurde dann für Nationalstrassen bis zum 31. März 2015 und für übrige Strassen bis zum 31. März 2018 verlängert. Beides wurde nicht eingehalten, nach wie vor ist die Bevölkerung nicht genügend vor Strassenlärm geschützt.

Die Lärmliga lancierte deshalb im März einen Klagepool mit dem Ziel, notfalls bis vor Bundesgericht für die Rechte von Hauseigentümern und Anwohnern zu klagen. Sie rannten damit offene Türen ein: In der GFS-Umfrage im vergangenen Jahr waren mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass mehr für die Verminderung der Lärmbelastung getan werden müsste.

Das Parlament hat inzwischen die Lärmschutzverordnung nochmals angepasst, wie dies CVP-Ständerat Filippo Lombardi in einer Motion gefordert hatte. Nun werden bis Ende 2022 Bundesbeiträge für die Strassensanierungen gewährt. Entspannung für die Ohren ist zudem mit dem Aufkommen der Elektrofahrzeuge zu erwarten, deren Anteil in den kommenden Jahren voraussichtlich massiv zunehmen wird.

Bis dahin bleibt es den Einzelnen nur, sich selber ihre Ruhe zu suchen. Dabei muss zwischen zwei Arten von Belastung unterschieden werden: Da sind einerseits jene Geräusche, die direkt als Belästigung empfunden werden. Kornel Köstli, stellvertretender Leiter der Sektion Flug-, Industrie- und Schiesslärm beim Bafu, sagt dazu: «Die Einstellung spielt dabei eine wichtige Rolle.» Wer bereit ist, gewissen Lärm zu akzeptieren, wird also weniger gestört. So erklärt sich auch ein scheinbar widersprüchliches Ergebnis der GFS-Umfrage: Landbewohner fühlen sich häufiger durch Musik- und Partylärm gestört als Stadtbewohner. Gegen derartige Gefühle von Belästigung kann sich also jeder Mensch selber schützen, beispielsweise indem er Kopfhörer mit seiner Lieblingsmusik aufsetzt – oder indem er sich zur Party gesellt und mittanzt.

Doch auch wer gewissen Lärm nicht als Störung empfindet, wird früher oder später Ruhe benötigen. Denn der physische Effekt des Schalls, der auf das Ohr trifft, ist da, unabhängig davon, ob sich jemand gestört fühlt. «Das Ohr muss sich erholen vom Schall, auch wenn es sich nicht um Lärm handelt», erklärt Köstli. Während der Partygänger zu diesem Zweck nach Hause gehen kann, ist es tagsüber oft schwieriger, sich vom ständigen Geräuschpegel zurückzuziehen. Einige Arbeitgeber stellen deshalb ihren Angestellten Ruheräume zur Verfügung, sei es auch nur ein kleines Sanitätszimmer. Bleiben die Menschen dadurch gesünder, lohnt sich die Investition.

Städtebauliche Konflikte

Für längere Lärmpausen braucht es dagegen die Natur oder zumindest Grünflächen in der Stadt. Solche Ruhe- und Erholungsräume will der Bund fördern, wie er in seinem «Nationalen Massnahmenplan zur Verringerung der Lärmbelastung» vor einem Jahr festhielt. Laut Köstli vom Bafu liegt die Herausforderung darin, Kompromisse mit anderen Zielen der Raumplanung zu finden – so führt der Trend zu verdichtetem Bauen tendenziell in die andere Richtung.

Wie schwierig es ist, tatsächliche Ruhe zu schaffen, haben die SBB bereits vor zehn Jahren erfahren. 2008 führten sie Ruheabteile in der zweiten Klasse ein, ein Jahr später schafften sie diese wieder ab. Es hatte in der Praxis nicht geklappt: Die einen Kunden wollten sich unterhalten, die andern störten sich an den nicht eingehaltenen Ruhegeboten. Seither finden sich nurmehr in der ersten Klasse Ruhezonen, wo sie dank kleinerer Abteile einfacher durchgesetzt werden können.

Kleiner Trost: Auf Dauer ist auch Stille nicht einfach zu ertragen. Schweigeretreats eignen sich vielmals nicht für Menschen mit psychiatrischer Vorgeschichte, schreibt das Meditationszentrum Beatenberg auf seiner Website.