Küssen

Küssen ist das perfekte Schmieröl in der Beziehung

Küssen ist gesund. ho

Küssen ist gesund. ho

Morgen ist der internationale Tag des Kusses. Ein guter Anlass, zu untersuchen, woher die Zärtlichkeit kommt und wie wichtig sie ist. Nicht immer wurde so viel geküsst wie heute. Einst herrschte gar päpstliches Kussverbot.

Wenn Clark Gable Vivien Leigh im Film «Vom Winde verweht» in seine starken Arme zwingt und leidenschaftlich küsst, bleibt kein Zuschauerherz unberührt. Auch heute noch. Und auch kein Männerherz. Obwohl diese das Küssen viel peinlicher und schwieriger finden als Frauen. Das jedenfalls stellte der Philosoph Alexandre Lacroix fest, der kürzlich ein Essay über das Küssen veröffentlichte.

Noch ganz anderes hat er darin aufgedeckt. Zum Beispiel, dass es kein besseres Barometer für den Zustand eines Paares gibt als den Kuss. Der, so Lacroix, sei das Schmieröl für die Mechanik einer Ehe. «Es ist der Anfang vom Ende einer Beziehung, wenn man das Küssen vergisst.»

So bedeutungsvoll war der Kuss freilich nicht immer. «Himmel, was muss das für ein Narr gewesen sein, der das Küssen erfunden hat», soll der irische Satiriker Jonathan Swift ausgerufen haben. Voltaire hielt das Küssen für eine theatralische, gekünstelte, verlogene Geste der Aristokraten. Und Papst Innozenz III. auferlegte gar ein Kussverbot.

Vielküsser leben länger

Tempi passati. Heute wird das Küssen geradezu inflationär angewandt. Kaum kennt man jemanden ein paar Stunden, wird er schon ins Wangenküsschen-Programm aufgenommen. Schliesslich ist das Küssen auch lebensverlängernd. Wer oft küsst, lebt laut Forschern der University of California bis zu fünf Jahre länger.

Gemäss der amerikanischen Anthropologin Helen Fisher kommt beim Küssen auch ein ganzer Chemiecocktail zum Einsatz. Das Geheimnis eines guten Kusses liegt Fisher zufolge in der Spucke – wobei Männer und Frauen sich offenbar nicht auf eine angemessene Menge einigen können.

Schliesslich möchten die Männer damit die Lust der Frauen entfachen, während Frauen die Männer auf ihre Tauglichkeit testen. Was die Partner beim Küssen schmecken und riechen, ist somit für beide Seiten eine Art Qualitätskontrolle, ob es sich lohnt, Zeit, Geld und Gefühle in eine Beziehung zu investieren.

Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt sieht dagegen den Kuss nicht als Test, sondern als ritualisierte Fütterung: Mütter kauten früher die Nahrung für ihren Nachwuchs vor und gaben sie über den Mund weiter. Dieses «Kussfüttern» soll der Ursprung unseres heute bekannten Küssens sein. Charles Darwin kam auf seinen Reisen zum Schluss, dass es sich beim Küssen um einen natürlichen Instinkt handeln müsse. Einen Instinkt, der besonders den Frauen wichtig ist: Mehr als 65 Prozent behaupten, sie würden eher auf Sex verzichten als aufs Küssen.

Der Grund, weshalb sich Alexandre Lacroix so intensiv mit dem Thema beschäftigte, war übrigens eine Frau – seine eigene, die monierte: «Du küsst mich viel zu selten!» Inzwischen ist Lacroix selbst zum Schluss gekommen, dass Küssen die sanfteste und mächtigste Waffe des Menschen ist. Deshalb: Küssen Sie mal wieder!

Alexandre Lacroix Kleiner Versuch über das Küssen, Verlag Matthes & Seitz, 2013. 175 S., Fr. 24.40.

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