Herr Haller, am Samstag ging im Kanton St. Gallen schon wieder ein Mann auf unschuldige Menschen los. Warum diese Häufung an brutalen Taten?

Reinhard Haller: Es gibt derzeit tatsächlich eine Häufung von Terror- und Amok-Taten. Insbesondere in diesem Jahr. Das hat mit dem Nachahmungseffekt zu tun. Amokläufer inspirieren weitere Amokläufer und so weiter. Das ist mit dem «Werther-Effekt» bei Selbstmördern vergleichbar.

Kann man den Nachahmungseffekt vermeiden?

Nein, dieser Nachahmungseffekt ist unvermeidbar. In der Theorie gäbe es nur eine Lösung: Wir würden überhaupt nicht mehr darüber berichten. Aber das geht ja nicht. Übrigens ist es wichtig, dass wir zwischen Terror und Amok unterscheiden. Beim Terror wird aus einer Gruppe heraus gehandelt. Die Täter sind psychisch nicht auffällig, sie haben politische und ideologische Motive. Während Amokläufer Einzeltäter sind. Männlich. Sie sind psychisch gestört oder haben eine Persönlichkeitsstörung.

Und der 27-Jährige, der mit einem Messer auf Passagiere losging und sie anzündete, lief Amok?

Ja, aber man muss erst schauen, was kriminologisch herauskommt. Ich glaube, die Beamten schliessen Terror aus. Es muss nun geprüft werden, ob er in psychiatrischer Behandlung war. Ich denke, dass er psychisch krank war. Entweder war er ein Narzisst oder er hatte eine wahnhafte Störung. Aber nicht, dass man jetzt denkt: Alle psychisch Kranken sind gefährlich.

Nein. Dennoch ist das Täterprofil immer dasselbe.

Ja, aber wissen Sie, etwas ist neu beim Amok: Früher haben sich Anschläge gegen bestimmte Personen gerichtet. Gegen Politiker, gegen Wirtschaftsleute. Jetzt kommen komplett unschuldige Leute dran. Menschen, die dem Täter nicht bekannt sind. Im Fall von Salez in St. Gallen muss man herausfinden, ob er die Opfer kannte und aus Rache handelte oder ob er eben Unschuldige angegriffen hat. Bei den Fällen im Olympiapark in München und beim Axt-Täter im Zug in Bayern war das der Fall. Sie waren einfach da. Das ist das Tragische.

Sie sprechen von einer neuen «Art» von Amok. Wann hat das angefangen?

Für mich hat es beim Germanwings-Piloten angefangen, der 130 Menschen mit in den Tod riss.

Das war im März 2015. Aber in den letzten Monaten häuft es sich sehr.

Das klingt jetzt etwas absurd, aber Verbrechen haben durchaus etwas Modisches an sich. Flugzeugentführungen etwa hatten in den Achtziger-, Neunzigerjahren Hochkonjunktur. Das kommt heute kaum mehr vor. Überspitzt kann man sagen: Terror und Amok sind jetzt in Mode. Erst gab es Amokläufe in Amerika, lange dachten wir, das sei ein amerikanisches Phänomen. Dann hatten wir Fälle in Europa. Seit zwei, drei Jahren gibt es nun vermehrt Terroranschläge. Man sagt, es gehe etwa zehn Jahre, bis sich eine Gesellschaft auf so etwas einstellt und Gegenmassnahmen entwickelt werden. Wir werden in der nächsten Zeit mit Amok und Terror leben müssen.

Amok der neuen Art: Für Reinhard Haller hat es mit der Germanwings-Katastrophe angefangen. Im Bild das Trümmerfeld in den französischen Alpen.

Amok der neuen Art: Für Reinhard Haller hat es mit der Germanwings-Katastrophe angefangen. Im Bild das Trümmerfeld in den französischen Alpen.

Was sind das für Menschen?

Sie sind gekränkt und frustriert und gehen gegen die unbeteiligte Welt los. Sie gelten für den Täter als Symbol für die Leute, denen es gut geht. Als Symbol für die heile, schöne Welt, zu der der Täter nicht dazu gehört.

Warum merken wir es dem Menschen nicht an?

Weil es sich um Kleinigkeiten handelt. Es ist kein Trauma oder ein bestimmtes Ereignis, das jemanden dazu veranlasst. Es sind Kleinigkeiten, die jeder von uns mitmacht. Aber solche Menschen fressen diese Kränkungen in sich hinein. Dieses Phänomen habe ich in meinem Buch «Die Macht der Kränkung» beschrieben.

Was sind das für Kleinigkeiten?

Ein Beispiel: Ein Amokläufer wurde nach seinem Motiv gefragt. Wissen Sie, was er daraufhin geantwortet hat? Vor acht Jahren seien sie mit der Schulklasse nach Rom gefahren und keiner aus der Klasse wollte mit ihm ins Doppelzimmer.

Und diese kleinen Kränkungen kommen plötzlich alle auf einmal hoch?

Ja, es wird alles runter geschluckt. Das gibt einen innerlichen Stau. Aggressivere Leute lassen es raus. Sind vielleicht in Schlägereien verwickelt. Es sind aber nie Aggressive oder Spinner, die solche Taten begehen. Sie sind zwar unangenehm, aber sie lassen ihren Frust portionenweise raus. Während es bei den Gefährlichen eben unbemerkt bleibt.

Gibt es keinerlei Anzeichen dafür?

Nein. Diese Kränkungserlebnisse sind für uns Aussenstehende nicht sichtbar. Der Betroffene zeigt sie uns nicht. Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen der Aussenwelt und seinen inneren Vorstellungen.

Wer war Zug-Amokläufer Simon S.?

Wer war Zug-Amokläufer Simon S.?

Nur wenige kannten den Täter von Salez. Sie schildern ihre Sicht des Aussenseiters.

Harte Schale, kranker Kern.

Oft treten diese Menschen nach aussen cool auf. Ich nenne das «Die Maske der Coolness». Ich habe das Gutachten zum Amoklauf von Winnenden verfasst. Tim Kretschmer fiel niemandem negativ auf, seine Freunde und Bekannte konnten nichts über ihn sagen. Ausser etwas: Er sei der beste Pokerspieler an der Schule gewesen. Das passt zum «nach aussen nichts anmerken lassen».

Britta Bannenberg, Amokforscherin und Kriminologin an der Uni Giessen, sagt, dass Amoktäter meist aus einem guten familiären Umfeld kommen. Stimmt das?

Ja, das ist richtig. Wir haben herausgefunden, dass sie überwiegend aus guten sozialen Verhältnissen kommen. Oft haben sie Geschwister, die sehr erfolgreich sind. Vielleicht sind sie deshalb auch so sensibel und schnell gekränkt.

Bannenberg hat ein Telefon eingerichtet, wo Bürger Verdachtsfälle melden können. Bräuchten wir das auch?

Ja. Aber diese Notrufnummer ist vor allem für Schulen, also für Eltern, Lehrer und Schüler. Ein solches Präventionsangebot macht sicher Sinn. Schliesslich ist die Schule auch der Ort der häufigsten Kränkung. Wir hören ja auch nie davon, wenn Amokläufe verhindert wurden. Aber ich weiss von zwei Fällen in Vorarlberg, wo ein Amoklauf an einer Schule gestoppt werden konnte.

In einer Schule ist man in einem geregelten Setting, fällt vielleicht schneller auf. Aber in der gesamten Gesellschaft ist das sehr schwierig. Können wir denn gar nichts tun?

In der Theorie gibt es einige Massnahmen, aber das Wichtigste ist immer noch: mit den Leuten reden. Sie dürfen sich nicht isolieren. Bei den letzten Amoktätern war bekannt, dass sie niemanden hatten, dem sie sich anvertrauen konnten.

Überrascht es Sie, dass es nun auch in einem Zug in einem ländlichen Gebiet in der Schweiz zu einem Amok gekommen ist?

Nein. Wie gesagt, ich vermute, dass der Täter ein Einzelgänger ist und psychisch gestört. Dass es im Kanton St. Gallen war, ist reiner Zufall. Es kann überall passieren.

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