Sollen Kirchenglocken des Nachts schweigen oder nicht? Diese Frage wird morgen Mittwoch vor dem Bundesgericht verhandelt. «Ja», sagen die Lärmgeplagten und verweisen auf ihren gestörten Schlaf. «Nein», sagen die Glockenliebhaber und verweisen auf die Tradition. Welche Tradition aber hat das Glockengeläut in der Schweiz überhaupt?

Seinen Anfang nahm der Aufstieg der Glocken in der Schweiz im frühen siebten Jahrhundert, als der aus Schottland angereiste Mönch Gallus sich in Steinach am Bodensee niederliess und im Jahr 612 die erste Glocke ins Gebiet der heutigen Schweiz brachte. Die «Gallusglocke» kann man noch heute im Kloster St. Gallen bewundern.

Ihren eigentlichen Aufschwung erlebte die Glocke als kirchliches Symbol hierzulande aber erst rund zweihundert Jahre später. Kaiser Karl der Grosse förderte mit mehreren Erlassen das kirchliche Morgengeläut als Zeichen der Auferstehung Christi. Über die Jahre hat sich dieser Gebetsruf von einem komplizierten Aufbau verschiedener Glockenrhythmen – man sprach vom «Vorlüte», dem «Wisilüte», dem «Warne» und dem «Zämelüte» – zu einem einzigen Glockengeläut verdichtet, das vielerorts bis heute die Gottesdienste ankündigt.

«In der Kirche soll man ruhig sein – dann soll sie das auch gegen aussen präsentieren»

«In der Kirche soll man ruhig sein – dann soll sie das auch gegen aussen präsentieren»

In der Sendung TalkTäglich im August 2016 diskutierten Nancy Holten, Vorstandsmitglied IG Stiller, und Thomas Stössel, Anwalt der Kirchenpflege Wädenswil ZH, mit Moderator Hugo Bigi über das Dafür und Dawider von Kirchenglockengeläut.

«Wiberglogge» und «Munotglöggli»

Vor rund tausend Jahren entstand die Tradition des Reihenläutens, das heute nur noch an wenigen Orten (zum Beispiel im Kloster Einsiedeln) praktiziert wird. Dort wird sowohl der Laudes-Gottesdienst um 5.15 Uhr als auch die Vesper um 16.15 Uhr mit einem Geläut angekündigt, das je nach liturgischer Wichtigkeit des Tages länger oder kürzer ausfällt. Mehrere Glocken in aufsteigender Grösse klingen nacheinander für 15 bis 30 Minuten.

Einen kirchlichen Ursprung hat auch das Tötenglöcklein (vielerorts als «Änd-Lüte» bekannt). Im Appenzell etwa gibt es dafür bis heute eine separate «Manne-», bzw. eine «Wiberglogge».

Der Unmut der lärmgeplagten Glockengegner richtet sich aber nicht primär gegen diese kirchliche Tradition, sondern gegen den weltlichen Glockenhabitus.

Einen kirchlichen Hintergrund haben die Glockenschläge, die die Zeit angeben, nicht. Genauso wenig wie die Tradition, wichtige Ereignisse (etwa das Kriegsende am 8. Mai 1945, das schweizweit mit Geläut gefeiert wurde) mit Glocken anzugeben. In Schaffhausen gibt es bis heute das «Munotglöggli», das täglich um 21 Uhr geläutet wird. Ursprünglich gab der Glöckner damit die Schliessung der Stadttore und der Wirtshäuser bekannt.

Ebenfalls nichts mit der Kirche zu tun hat das «Über-e-Ryff-Lüte» in Solothurn, mit dem in der ersten Maihälfte jeweils abends von 19 bis 19.19 Uhr mit Glockengeläut der Spätfrost vertrieben werden soll.