Anja traut ihren Augen kaum. «Dort hinten sieht man tatsächlich die Hohe Tatra», ruft unsere Stadtführerin erfreut. Wir stehen auf dem Vorplatz der mächtigen Burganlage Wawel, die über der Stadt auf einem Kalkfelsen thront, und erblicken die Bergspitzen im Hintergrund.

Dass diese fast so selten zu erblicken sind, wie man im Lotto gewinnt, wird uns erst bewusst, als wir erfahren, dass Krakau die Smog-Hauptstadt Polens ist. Die zugelassene Luftverschmutzung wird hier an manchen Tagen um das 27-fache überschritten, die Sicht ist häufig dunstig. Der Grund: Wie im ganzen Land werden viele Altbauwohnungen noch mit Kohle beheizt.

Wir haben Glück. Die Stadt an der Weichsel im Süden Polens zeigt sich von ihrer schönsten Seite: Strahlend blauer Himmel und überall fröhliche und meist junge Menschen. Das fällt uns als Erstes auf, als wir vom Bahnhof Richtung Innenstadt spazieren.

Schon in der Planty, dem grünen Gürtel, der wie ein Ring um die Altstadt angelegt ist und wo im frühen 19. Jahrhundert die alte Stadtmauer stand, bekommen wir das mediterrane Flair zu spüren. Ein polnischer Rapper unterhält die Vorbeigehenden, Kinder spielen auf dem Rasen, Familien picknicken und Studentengruppen debattieren angeregt.

Päpstliche Cremeschnitte

Diese grüne Schleuse führt uns direkt vom moderneren in den historischen Teil der Stadt. Am beeindruckendsten ist der Weg vorbei an der Barbakane, einer Befestigungsanlage aus dem 15. Jahrhundert, durch das Florianstor. Schon steht man in der Altstadt, die 1978 zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurde. Wir werden von einer Folkloregruppe mit polnischer Musik empfangen. Gleich hinter dem Tor bieten Künstler an einer Wand ihre Bilder feil.

Vorbei an Kneipen und Boutiquen geht es zum vier Hektar grossen Marktplatz mit den Tuchhallen, Sukiennice genannt. Es herrscht hier ein richtiges Gewusel. Pferdedroschken warten auf müde Touristen, E-Mobils kurven durch die Gassen und Tramwagen quietschen um die Ecke. Freundinnen sind auf Shoppingtour und Schulklassen auf Ausflug, Mönche mit Aktentaschen und wehendem Talar fahren auf klapprigen Fahrrädern durch die Gassen.

Wir wollen zur Marienkirche, dem Wahrzeichen der Stadt mit dem weltberühmten Hochaltar von Veit Stoss. Gerade treffen wir zur vollen Stunde ein und hören den Trompeter aus dem Turmfenster. Der Legende nach wurde der Turmwächter beim Einfall der Tataren im 13. Jahrhundert von einem Pfeil tödlich getroffen, während er die Stadt warnte. Noch heute bricht deshalb die Melodie plötzlich ab.

«Jeder Stein in dieser Stadt erzählt eine Geschichte», sagt Stadtführerin Anja. Die grossgewachsene Krakauerin mit den langen, blonden Dreadlocks weiss vieles zu berichten und bombardiert uns mit weiteren Zahlen, Eroberungen und Schlachten.

Stolz führt sie uns weiter in die Franziskanska-Strasse, wo Karol Józef Wojtyla wohnte. Der spätere Papst Johannes Paul II. ist in der Stadt allgegenwärtig – als Statue, auf Postkarten und anderen Souvenirs. Auch kulinarisch nähern wir uns ihm an und kaufen in seiner einstigen Lieblingskonditorei Cukiernia Wadowice je ein Stück «Kremówka Papieska». Das ist eine Art Cremeschnitte aus Blätterteig mit einer leichten Creme-Pudding-Füllung und ganz viel Puderzucker.

«Die Stadt schläft nie», meint Anja schmunzelnd. Das spüren wir abends im Kazimierz, dem alten jüdischen Viertel südöstlich der Stadt. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier über 60 000 Juden. «Heute sind es noch ein paar hundert», weiss Anja. Einige Zeugnisse jüdischer Geschichte und Kultur, wie etwa die Synagogen, sind gut erhalten, und auch authentische jüdische Restaurants wie etwa das «Alef» oder «Ariel», wo man abends Klezmer-Musik hört.

Die jüdische Bücherei an der Jósefastrasse ist unbedingt einen Besuch wert. Seit hier Steven Spielbergs Film «Schindlers List» gedreht wurde, ist das Quartier hip. Manche finden auch, es wandle sich immer mehr zu einem herausgeputzten Freiluftmuseum. Junge Modedesigner, Künstler und Galeristen haben sich niedergelassen. Daneben gibt es charmante Cafés und Restaurants, wie etwa das Singer-Club Café, wo man an alten Nähmaschinentischchen sitzt.

Viele Lokale sind im angesagten Shabby-chic-Stil eingerichtet. Nur, dass er hier nicht inszeniert, sondern echt ist. Und fast überall bekommt man die köstlichen Piroggen, diese typisch polnischen Maultaschen mit verschiedenen Füllungen.

Erschütternde Erinnerungen

Das Feiern geht hier schon mal bis in die Morgenstunden, schliesslich werden die Polen auch die «Südländer des Ostens» genannt. Uns verschlägt es in den Club «Mercy brown» an der Straszewskiego 28, der versteckt durch schummrige Treppenhäuser erreichbar ist. Das Interieur ist im Stil der 1920er- und 1930er-Jahre eingerichtet, die Drinks heissen «Penicylin», «Dark Side of the Moon» oder «Have a Cigar» (mit echtem Zigarrenrauch serviert!).

Trotz aller Fröhlichkeit lässt sich ein Thema nicht ausklammern: die Gräuel des Zweiten Weltkrieges. Zu nah liegt Auschwitz, dieses Mahnmal der Unmenschlichkeit. Wer auf den Besuch vor Ort lieber verzichten möchte, sollte mindestens den Weg nach Podgórze auf sich nehmen. Dieses Quartier Krakaus war einst das Getto. Daran erinnert auf dem Hauptplatz nur noch eine Kunstinstallation: Riesengrosse Stühle, die über den Platz verstreut sind und an die Verlassenheit nach dem Massenmord erinnern.

Nicht weit davon entfernt liegt die restaurierte, schneeweisse Emaille-Fabrik von Oskar Schindler. Heute ist darin ein interaktives multimediales Museum eingerichtet, das die Besetzung Krakaus durch die Deutschen von 1939 bis 1945 dokumentiert.

Die Ausstellung ist wie eine Zeitreise durch die Stadt und auf drei Stockwerken aufgebaut. Sie erzählt die Geschichte von Schindlers Fabrik und sein Geschick, mit dem er seine Arbeiter aus und vor dem Konzentrationslager retten konnte. Fotos, Filme, Gegenstände und Interviews von Überlebenden sind so erschütternd, dass man am liebsten gleich wieder umkehren würde – und doch bis ans Ausstellungsende weitergeht. Auch diese Geschichte gehört leider zu dieser bezaubernden Stadt.