Nach dem Besuch der Siple-Insel fahren wir mit unserem Forschungsschiff weiter entlang der Antarktischen Küste. Das Meer ist glatt und für das ungeübte Auge gibt es wenig mehr zu sehen als einige Eisberge und Eisschollen.

An Deck stehen aber die drei Walbeobachter, ausgestattet mit Feldstechern und enormen Fotoobjektiven. Über ihre Funkgeräte geben sie sich gegenseitig Hinweise durch wie: „Wale bei 3 Uhr“ oder: „Wale nähern sich der Steuerbordseite“. Dann schauen die Walbeobachter intensiv in die jeweilige Richtung und tatsächlich, meistens sieht man in der Ferne Wasserfontänen, die die Tiere in die Luft prusten. Schnell füllt sich das Deck mit Neugierigen und erwartungsvoll halten wir alle unsere Kameras bereit.

Julia Schmale ist Atmosphärenwissenschafterin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen, Aargau – wenn sie nicht gerade auf Forschungsreise ist. An dieser Stelle berichtet sie wöchentlich von der Antarktischen Umrundungsexpedition, bei der sie als eine von mehr als fünfzig Forschenden mitreist.

Die Autorin

Julia Schmale ist Atmosphärenwissenschafterin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen, Aargau – wenn sie nicht gerade auf Forschungsreise ist. An dieser Stelle berichtet sie wöchentlich von der Antarktischen Umrundungsexpedition, bei der sie als eine von mehr als fünfzig Forschenden mitreist.

Das Forschungsprojekt zur Walbeobachtung arbeitet mit einem sehr ausgeklügelten System, um Wale im Ozean zu erforschen. Sie platzieren Bojen im Meer, die mit Unterwasser-Mikrofonen ausgestattet sind und die Geräusche per Funk zu unserem Schiff senden. Alle paar Seemeilen wird eine neue Boje ausgesetzt, um möglichst flächendeckend in die Tiefe lauschen zu können. Wale geben ganz besondere Geräusche von sich, die man von anderen Tönen, die durch Wind, Regen, Eis, Fische oder unser Schiff erzeugt werden, unterscheiden kann. Brian Miller, der Projektleiter, sitzt für die Identifizierung der Wale mit grossen Kopfhörern vor einem Bildschirm. Auf dem Bildschirm werden die Töne in Mustern sichtbar gemacht. Brian hat über die Jahre ein ganz besonderes Gehör für Wale entwickelt: Er kann die Tiere nicht nur orten, sondern auch feststellen, wie viele es sind, und was sie gerade tun.

Im Ozean rund um die Antarktis leben etliche Walarten, darunter Finnwale, Schwertwale, Buckelwale und Blauwale. Für Blauwale interessiert sich die Forschungsgemeinde besonders, denn sie waren fast ausgestorben: Während es Anfang des 20sten Jahrhundert noch rund 250'000 Blauwale gab, ging ihre Zahl durch den Walfang bis auf einige wenige Tiere zurück. Erst 1960 wurde ihr Fang verboten, seither erholt sich die Tierart; allerdings sehr langsam. Schätzungen kommen derzeit auf maximal 4500 Blauwale. Brian und sein Team arbeiten in einer internationalen Arbeitsgemeinschaft, die Karten rund um die Antarktis mit den Lebensräumen der Blauwale erstellt.

Die Antarktis-Route

Die Antarktis-Route

Während Brian und seine Kollegen vom Walforschungsprojekt im Labor unter Deck dem Konzert aus dem Wasser lauschen, schauen wir anderen wie Walbeobachtungs-Touristen intensiv auf die Wasseroberfläche. Wer genug Geduld hat, wird belohnt: Eine Gruppe von Finnwalen nähert sich dem Schiff und schwimmt verspielt neben uns her. Die Tiere sind genauso neugierig wie wir. Nur die Fotoapparate – die sind einseitig verteilt.