Armut in der Schweiz

«Koks, Scheidung, Strasse»: Für eine Nacht mit den Obdachlosen in Pfarrer Siebers Pfuusbus

Was bleibt, ist der Traum vom Youtube-Star – eine Nacht in Pfarrer Siebers Pfuusbus im Zürcher Albisgüetli.

Die Nacht hat Zürich längst umarmt. Seine Sonnenbrille mag Ridvan trotzdem nicht absetzen. «Party, kiffen, Koks, Frauen, Scheidung, RAV, Sozialamt, Strasse.» Es ist die Kurzfassung seines sozialen Absturzes. Vor 31 Jahren ist Ridvan von Istanbul in die Schweiz gekommen. Er hat sich hier verliebt. Geheiratet. Er hat gearbeitet. Erst als Kellner, dann als Wirt. Das Geld floss. Der Wagen hatte ordentlich PS. In der Nase war immer genug Pulver. Alles prima. Und heute? Muss sich Ridvan mit 900 Franken pro Monat vom Sozialamt begnügen und sein Schlafzimmer mit 30 anderen teilen.

Albisgüetli, Zürich. Willkommen im Hotel der Sturzpiloten – Check-in ab 19 Uhr, Check-out spätestens um 9 Uhr morgens. Vom 15. November bis 15. April bietet der Pfuusbus der Sozialwerke von Pfarrer Sieber etwa 30 Schlafplätze für Obdachlose. Wobei der Pfuusbus kein Bus im eigentlichen Sinn, sondern ein 17 Meter langer Sattelschlepper mit eingebauter Küche und beheiztem Vorzelt ist. Jeweils zwei Freiwillige leisten Küchendienst. Und Aufsicht hat in dieser Nacht Monika Christen, die Pfuusbus-Leiterin, zusammen mit einer Freiwilligen.

Drogenverbot, Rauchverbot, Gewaltverbot, Alkoholverbot. Die Hausregeln sind nicht zu übersehen, prangen in sieben Sprachen an der Wand. Das Bier hat Ridvan vor dem Zelt deponiert. Und er ist ziemlich durstig. Also gehen wir raus in die Dunkelheit.

Ist es einzig Pech, dass du hier gelandet bist? «Nein», sagt Ridvan und zeigt seine erstaunlich intakten Zähne. Doch das nervöse Zucken um die Mundwinkel kann er nicht abstellen. «Ich habe zu viel Mist gebaut. Das Leben ist ein Auf und Ab. Ich bin überzeugt, dass ich da wieder raus komme.» Und wie? Ridvan zieht das Portemonnaie aus dem Hosensack, verteilt den halben Inhalt auf dem Boden, blättert durch die Visitenkarte und hält mir eine hin. Es ist eine Karte einer renommierten Immobilien-Firma. «Ein Freund von mir», sagt Ridvan. «Sehr reicher Mann. Morgen habe ich einen Termin bei ihm. Er hat einen Wohnblock an der Langstrasse gekauft. Unten will er eine Bar einrichten. Und ich soll diese Bar führen.» Ridvan trinkt wieder in kurzen, schnellen Schlucken und steckt sich eine Zigarette an.

Beelendet dich dein Dasein? «Nein, das Leben auf der Strasse macht mich nicht traurig. Das ist Charaktersache. Ich muss nur schauen, dass ich wieder auf die Beine komme. Dafür brauche ich erst eine Wohnung.» Und wo kriegst du die her? «Morgen habe ich einen Termin auf dem Sozialamt. Ich will ins Säuliamt. Mein Sohn wohnt dort. Er ist Möbelschreiner und Rapper.» Wenn er mit seinen Terminen bloss kein Durcheinander kriegt.

Die Menschen im Pfuusbus haben ihre Geschichte. Einiges ist erfunden, was aber nicht weiter schlimm ist. Denn es ist ihre Wahrheit, von der sie erzählen. Was haben sie denn, ausser ihrer Wahrheit, die ihnen Flucht, Trost, Erklärung oder Mut liefert?

Ausschnitte aus dem Gespräch mit Patrick im Pfuusbus – er spricht über seine Vergangenheit, seine Träume und darüber, wie er sich seinen Weg zurück ins Leben vorstellt.

Ausschnitte aus dem Gespräch mit Patrick im Pfuusbus – er spricht über seine Vergangenheit, seine Träume und darüber, wie er sich seinen Weg zurück ins Leben vorstellt.

Die hartnäckigen Rumänen

Eine halbe Stunde vor Check-in drängen zwei Rumänen in das Vorzelt. In gutem Italienisch fragen sie, ob sie hier schlafen können. Sie können nicht. Der Pfuusbus kennt zwar nicht viele Zugangscodes. Es braucht einzig eine Aufenthaltsbewilligung, um sich gratis verpflegen zu lassen und eine Matratze mit Schlafsack zu kriegen. Eine solche Bewilligung können die Rumänen nicht vorweisen. Doch sie bleiben hartnäckig. Draussen hoffen sechs weitere aus ihrer Gruppe auf Einlass.

Drinnen krallt sich einer wie selbstverständlich Nougat-Stangen und Wasserflaschen. Es habe immer wieder mal Probleme gegeben mit den Wanderarbeitern aus Osteuropa, sagt Pfuusbus-Leiterin Monika Christen. Aus diesem Grund haben die Sieber-Werke vor drei Jahren das Iglu in Seebach eröffnet. Dort können die Wanderarbeiter zehn Nächte bleiben, ehe sie eine neue Bleibe suchen müssen. Christen bleibt standhaft. Nach einer halben Stunde kapituliert die rumänische Clique und zieht ab.

Musik von Patricks Youtube-Kanal: GB 1.0 mit «Terminator-Mentalität»

Musik von Patricks Youtube-Kanal: GB 1.0 mit «Terminator-Mentalität»

Es ist nicht das einzige Mal in dieser Nacht, in der Monika Christen resolut auftreten muss. Sie muss weitere Rumänen abwimmeln. Und irgendwann schmeisst sie einen Junkie raus, weil dieser Stunk macht, zwei Stunden später aber reumütig zurückkehrt und es sich auf einer Matratze bequem macht. «Ich habe mit Menschen zu tun, die von der Gesellschaft als unnütz abgestempelt sind, die ich aber als höchst farbige und ehrliche Menschen kennen gelernt habe», sagt Christen, die bis vor sieben Jahren auf einer renommierten Privatbank gearbeitet hat.

In der Küche bereiten zwei Frauen das Nachtessen vor: Salat, Wienerli, Teigwaren. Ausserdem werden Früchte, Panettone, Nougat-Stangen und Sandwiches offeriert. Die Lebensmittel werden zum grössten Teil von Detailhändlern gespendet. Wobei immer wieder mal auch ein Nachbar eine Essensspende vorbeibringt.

Um 19 Uhr öffnen die Türen. Jeder, der rein kommt, wird registriert. Die meisten sind Stammkunden. Die anderen müssen sich ausweisen. Ein junger Mann Typ Latino drückt mir einen Euro-Millions-Schein in die Hand. Ich stutze. Auf dem Schein ist ein Youtube-Link notiert: Aissa Foster. «Hör mal rein. Das bin ich. Meine Musik. Voll fett.» Dann macht er sich daran, die gestapelten Matratzen im Vorzelt auszubreiten.

Kurz nach 21 Uhr liefert die «sip züri», die Stelle für Sicherheit, Intervention und Prävention, eine Frau im Pfuusbus ab. Aufgegriffen irgendwo in der Stadt. Die Frau ist Anfang 40, ziemlich verstrahlt, sehr wacklig auf den Beinen, in der Hand hält sie einen Jutesack. Ridvan eilt mit einem Becher voll Wasser herbei, hält ihn der apathischen Frau hin. «Piano», sagt er. Und die Frau nippt.

Die Frau hat hier nichts verloren. Die sollte ins Krankenhaus. Doch Monika Christen beschwichtigt: «Ich mache mir keine Sorgen um die Frau. Womöglich isst sie ein wenig, dann legt sie sich hin und vielleicht ist sie morgens um 2 wieder wach, steht auf und geht in die Nacht hinaus. Es gibt solche, die kommen im Winter in Sandalen und T-Shirt. Die spüren sich nicht mehr. Erst recht nicht, wenn sie Methadon nehmen. Methadon ist ein Mist. Denn die meisten konsumieren nebenbei weiter Drogen.»

Musik von Patricks Youtube-Kanal: «GB1.0 x gimma diss»

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Seit 17 Jahren 33 Franken pro Tag

Am Tisch sitzt Rinaldo, ein Innerschweizer. Ausgebeulte Manchester-Hose. Fleckige Jacke. 1976 gründete der Gipser in Luzern seinen eigenen Betrieb. «Acht Mitarbeiter. Wir hatten Aufträge vom Hotel Gütsch und vom Tivoli», erzählt er. Doch dann, 1999, fürsorglicher Freiheitsentzug. «Wegen Schlafproblemen», sagt er. 14 Monate ist Rinaldo in der psychiatrischen Klinik. Als er wieder raus kommt, ist sein Betrieb ruiniert. Er verkauft den Maschinen- und Fuhrpark, tilgt damit die Schulden. Ihm bleiben nur 12 000 Franken.

Rinaldo wankt, doch er fällt nicht. Er lässt sich als Gipser anstellen und erwirbt mit seiner Freundin, einer Lehrerin, eine Eigentumswohnung. Eineinhalb Jahre später hat die Lehrerin einen anderen Freund. Rinaldo stürzt und landet irgendwann auf den Strassen von Zürich. «Seit 17 Jahren lebe ich mit 33 Franken pro Tag. Aus einer solchen Situation kommt keiner mehr raus», sagt er und prophezeit wenig später trotzdem. «Nächsten Winter bin ich nicht mehr hier. Ich werde mit zwei Kollegen eine Wohnung in Agno mieten.» Monika Christen hört Rinaldos Pläne nicht zum ersten Mal. «Wenn es nach ihm geht, ist er nächsten Winter mal in Schweden, mal in Griechenland, mal in Italien. Fakt ist aber: Er ist jeden Winter wieder hier.»

«I'm the Prince of the City»: «Freestyle Sunday» mit Aissa Foster.

«I'm the Prince of the City»: «Freestyle Sunday» mit Aissa Foster.

Während es sich einige auf den Matratzen bequem machen und zur Ruhe kommen, wird die Türe des Vorzelts mit ziemlicher Wucht aufgestossen. «Wer bist du?», fragt mich der junge Mann. «Ah, Journalist. Ich habe viel zu erzählen.» Patrick ist 30. Die Flecken am Hals zeugen von einer wilden Nacht, die zappeligen Beine und der flackernde Blick von Amphetamin oder einem andern Teufelszeug.

Warum bist du hier? «Ich hatte eine Meinungsverschiedenheit, die in eine Schlägerei ausgeartet ist. Der andere hat die Nase gebrochen. Und ich musste aus der Wohnung raus, weil ich die Auflage hatte, dass ich mir nichts zuschulden kommen lassen darf.»

Patrick wächst in einem Kinderheim auf. Sinnvoll findet er die Schule nicht und geradezu absurd erscheint ihm eine Berufslehre. Stattdessen hängt er mit Kumpels rum, kifft, kokst und lauscht dabei aufmerksam den Texten der Gangsterrapper. Diese findet er zu cool. Raub, Diebstahl, Nötigung, Körperverletzung – Patrick verbringt fünf Jahre im Knast. Doch nicht die Vergangenheit im Gefängnis bezeichnet er als Tiefpunkt, sondern die Gegenwart. «Seit eineinhalb Jahren bin ich obdachlos und habe noch Anzeigen am Hals. Aber ich komme da raus. Denn ich bin gut. Auf Youtube habe ich meine Musik geladen. Ich habe das Zeug zum Star. Gangsterboss 1.0.»

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