Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Man könnte ergänzen: Erst recht, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen. Macht macht sichtbar. In einer Welt der Bilderflut fehlt es nicht an Stimmen, die sich mit der Kleidung von Politikern befassen. Man kann so etwas als oberflächlich oder sogar als sexistisch bezeichnen.

Doch die Kleiderwahl von Politikerinnen und Politikern sorgt auch in der Schweiz regelmässig für Schlagzeilen. Zuletzt im vergangenen Dezember: SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Chef Roger Köppel schrieb über seine SVP-Ratskollegin Céline Amaudruz, er habe sie «noch nie ohne kurzen Rock oder hautenge Bluse gesehen». 47 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts ist es offenkundig noch immer Thema, was öffentlich exponierte Frauen anziehen.

Gleichzeitig sind Kleider hervorragende Träger von politischen Botschaften, das konnte man am gestrigen Donnerstag mal wieder beobachten: Um für die Gleichstellung von Frau und Mann zu demonstrieren, erschien fast die gesamte SP-Fraktion in Schwarz im Bundeshaus. Von solchen bewusst gesetzten Akzenten abgesehen, scheint es, als dominiere das Prinzip «Nur nicht auffallen». Warum kleiden sich Politiker so, wie sie sich kleiden? Diese Frage wurde hierzulande bisher kaum beachtet, schon gar nicht wissenschaftlich.

Schickliche Kleidung als Vorschrift

Nun haben Forscher der Universität Bern einen Anfang gemacht: Ein Team um den Politologen Alexander Arens untersuchte, inwiefern sich Kleidung auf das Repräsentationsverständnis von Parlamentariern auswirkt. Dabei gehe es keinesfalls um Voyeurismus, sagt Arens im Gespräch. «In der Bevölkerung gibt es so etwas wie ein allgemeingültiges Bild, welches Auftreten für einen Politiker repräsentativ ist.» Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Berner Wissenschafter im Rahmen einer Themenreihe von «Année Politique Suisse».

Kleidung gebe nicht nur Auskunft über den persönlichen Geschmack, so Arens, sondern repräsentiere auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Im Fall der Bundespolitiker könnte man die Uniform wie folgt umschreiben: dunkler Anzug, schlichte Krawatte, dezente Anstecknadel. Die Heilige Dreifaltigkeit. Zu viel Eleganz wirkt da rasch verdächtig.

Analysiert wurden die offiziellen Profilfotos der Parlamentarier bei der Bundesversammlung; diese erscheinen auch vielfach in den Medien. Wie kommunizieren die männlichen Parlamentarier über Textilien? Die drei wichtigsten Erkenntnisse:

Ständeräte kleiden sich ausnahmslos schicklich, während knapp jeder fünfte Nationalrat auf lockere Kleidung setzt. Das heisst: Er trägt den Hemdkragen offen oder setzt lieber auf Pullover. Überraschend ist das nicht. Denn im Ständerat gibt es im Gegensatz zum Nationalrat formale Kleidervorschriften. Laut Geschäftsreglement ist «schickliche Kleidung» vorgeschrieben. Doch was heisst das genau, «schicklich»? In einer Weisung steht: Ständerätinnen tragen dem «offiziellen Charakter des Ortes angemessene Kleidung, die auf jeden Fall» die Schultern bedecke. Ständeräte tragen «mindestens Hemd, Veston und Krawatte oder Fliege». «Die Ständeräte sind nur schon institutionell eingeschränkt, wie sie mit Kleidern kommunizieren», sagt Arens.

Wer zählt zu den locker gekleideten Nationalräten? Vor allem Mitglieder des linken Lagers, womit sich ein Klischee bestätigt. In den Fraktionen von SP und Grünen fallen 64 Prozent der Parlamentarier in die Kategorie «lockere Kleidung». Bei der GLP und der FDP beträgt der entsprechende Anteil jeweils noch rund ein Viertel. CVP und die BDP bilden die Schlips-Fraktionen – ihre Mitglieder tragen allesamt Binder. Bei der SVP schliesslich präsentieren sich immerhin noch 5 Prozent ohne Krawatte auf dem offiziellen Profilfoto.

Sie sind ein an die Brust geheftetes Bekenntnis: Anstecknadeln und Pins. Gut jeder vierte Parlamentarier setzt auf ein solches Accessoire (siehe Grafik links). Häufig sind das Schweizer Kreuz, Kantonswappen oder Embleme von Service Clubs wie Rotary, Kiwanis oder Lions. In der Tendenz ergebe sich ein Muster nach ideologisch-parteilichem Lager, schreiben die Berner Forscher: «Je weiter rechts eine Partei, desto höher der prozentuale Anteil der Parlamentarier, die eine Anstecknadel tragen.»

Frauen nicht unter der Lupe

Bleibt noch die Frage, warum eigentlich nur männliche Parlamentarier unter die Lupe genommen wurden. Wegen der «objektivierbaren Grössen», halten die Forscher fest. Ihre Kleidung hätte einfacher nach Kriterien wie Krawatten oder Hemden eingeteilt werden können.

Oder anders formuliert: Frauen, noch immer die Hauptträgerinnen von Mode, unterwerfen sich vermeintlich weniger oft den informellen oder formellen Normen des politischen Dresscodes. Ihre Kleiderwahl lässt sich deshalb auch nicht so leicht vermessen.