Interview

Kinderarbeit im Kakao-Anbau: «Es hat sich nichts geändert»

Fällt der Kakaopreis, steigt die Gefahr, dass Kinder auf Plantagen arbeiten müssen.

Fällt der Kakaopreis, steigt die Gefahr, dass Kinder auf Plantagen arbeiten müssen.

Der Schokoriegel schmeckt nicht nach Kinderhänden. Dok-Filmer Miki Mistrati kämpft dafür, dass wir trotzdem ab und zu mit Kinderarbeit konfrontiert werden. Zurzeit dreht er seinen dritten Film zur Kinderarbeit. Er erzählt, was er auf Plantagen erlebt.

Herr Mistrati, wann waren Sie letztmals in der Elfenbeinküste?

Miki Mistrati: Im vergangenen September. Ich habe also aktuelle Informationen.

Gibt es immer noch Kinderarbeit auf Kakaoplantagen?

Oh ja, jede Menge. Meine Quellen vor Ort sagen, es hat sich nichts geändert. Wir besuchten eine zufällig ausgewählte Plantage. Sie war voller Kinder aus Burkina Faso. Es war 40 Grad heiss und sie ernteten Kakao.

Wie viele Plantagen besuchten Sie?

Drei. Wir reisten in den Norden des Landes. Überall sahen wir Kinder. Sie waren aus Burkina Faso. Ich nehme an, sie wurden verschleppt. Ich kann mir nicht vorstellen,  dass sie aus eigenem Antrieb in die Elfenbeinküste kamen. Es waren auch keine Geschwister. Es war herzzerreissend.

Wie alt waren die Kinder?

Zwischen 10 und 15 Jahren. Ein Kind kam verängstigt zu uns. Es hielt sich die Finger in den Mund, gab uns zu verstehen, dass es Hunger hat. Ich konnte nichts tun.

Hat sich überhaupt irgendetwas geändert seit Ihrem ersten Film?

Der grösste Wandel hat auf dem Niveau der Information stattgefunden. Heute wissen viele Leute über das Problem Bescheid. Das war vor meinem ersten Film noch anders. In Bezug auf Kinderarbeit und die Industrie ist es aber noch genau gleich schlimm wie damals.

Ein grosses Problem ist der Kakao-Preis.

Der Preis, den die Bauern für Kakao erhalten, sank und sank. Kürzlich erreichte er einen Tiefpunkt. Das sind sehr schlechte Nachrichten, denn so werden die Bauern gezwungen, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren. Kinder sind der günstigste Weg.

In Ihrem ersten Film sagten Sie, ein Kind koste 230 Euro.

Ein ortsansässiger Journalist sagte mir, diesen Preis habe man mir genannt, weil ich weiss bin. Wahrscheinlich bezahlt man weniger als 100 Euro für ein Kind.

Viele Bauern wenden sich vom Kakao ab.

Sie denken darüber nach, stattdessen zum Beispiel Kautschukbäume zu pflanzen. Das ist ein Problem, denn die Nachfrage nach Kakao wird grösser.

Ihr Dok soll auch als Beweis in einem Prozess gegen Nestlé dienen (siehe Box oben). Haben auch andere Firmen Kinderarbeit in ihren Lieferketten?

Es sind viele, etwa Barry Callebaut. Das Unternehmen kauft 30 Prozent des gesamten Kakaos in der Elfenbeinküste auf.

Hat Ihr Partner Terry Collingsworth eine Chance, den Prozess zu gewinnen?

Ich weiss es nicht. Wenn er ihn gewinnt, schreibt er Geschichte. Dann müssen die Firmen ein System aufbauen, das die Rückverfolgbarkeit des Kakaos gewährleistet. Damit könnte man 90 Prozent der Kinderarbeit auslöschen.

Und wenn er verliert?

Dann kann man sagen: "Das Geld hat gesprochen". Seine Gegner haben enorme Ressourcen und ein Heer an Anwälten. Aber die weltweite Aufmerksamkeit ist ein kleiner Gewinn.

Was müsste geschehen, damit es gelingt, Kinderarbeit zu eliminieren?

Die grossen Kakaoverarbeiter versuchen, den Plantagenbesitzern mit Geld zu helfen. Aber die Beträge sind zu klein. Besonders wenn man schaut, wie viel sie verdienen.

Stehen auch kleinere Schokoladenhersteller in der Verantwortung?

Alle haben Verantwortung. Aber den ersten Schritt müssen die Grossen machen. Sie haben die Macht, das schon morgen zu tun, wenn sie wollen. Ich hätte auch kein Problem, Vertreter dieser Firmen zu treffen. Aber sie haben Angst vor mir. Wenn sie zu einer Podiumsdiskussion eingeladen sind und meinen Namen auf der Liste sehen, kommen sie nicht. Ich finde das lächerlich. Wir sollten eine offene Diskussion führen und unsere Erfahrungen austauschen.

"Schmutzige Schokolade":

2010, englisch

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