Ethik

Keine Einzelkämpfer mehr: Wie der Tierschutz massentauglich geworden ist

Tierschützer – hier bei einer Protestaktion in Genf – sind nicht mehr einsame Kämpfer.

Tierschützer – hier bei einer Protestaktion in Genf – sind nicht mehr einsame Kämpfer.

Das «Nein» zum Ozeanium in Basel passt zum gesellschaftlichen Wandel: Tiere sollen heute nicht mehr bloss dem Menschen dienen.

Tierschützer jubilieren: Das geplante Ozeanium in Basel – ein Grossaquarium mit Meerestieren – wird nicht realisiert. Zwar hat der Zoo Basel sein Projekt als Beitrag zur Umweltbildung angepriesen, mit dem auf die Bedrohung der Meere aufmerksam gemacht werde. Doch weite Teile der Bevölkerung nahmen dies anders wahr. In ihren Augen hätten im Ozeanium Tiere, die nicht in die Schweiz gehören, der Belustigung der Menschen gedient.

Eine solche Zurschaustellung von Tieren kommt in heutigen Zeiten nicht mehr gut an. Das hatte vor zwei Wochen schon der Zirkus Knie erfahren: Model Tamy Glauser hatte in den sozialen Medien zum Boykott des Nationalzirkus’ aufgerufen, während Moderatorin Gülsha Adilji zumindest den Verzicht auf Shows mit Tieren forderte. Dies, obwohl der Zirkus Knie längst keine Raubtiere mehr zeigt und seit 2016 auch keine Elefanten mehr in der Manege präsentiert. Es ging vielmehr um Pferde, Schweine, Papageien.

Weg vom Aussenseiter-Image

Nun geben also junge, schöne Menschen dem Tierschutz ein Gesicht, gerade auch in den sozialen Medien.

Tiere hinter Scheiben, in der Manege oder im Labor – der Widerstand dagegen nimmt zu:

In früheren Jahrzehnten hatten Tierschützer dagegen in der Schweiz das Image von Aussenseitern gehabt, der bekannteste Exponent ist Erwin Kessler. Eine Erklärung für diesen Wandel sieht der Basler Philosophieprofessor Markus Wild in der Informationsgesellschaft. «Wer sich heute für Tierschutz einsetzt, merkt, dass er nicht allein ist, und kann sich mit anderen vernetzen.»

Dank der digitalen Vernetzung sind auch Informationen über Tierhaltung rasch und umfassend verfügbar. Skandale wie derjenige um einen tierquälerischen Pferdehalter im thurgauischen Hefenhofen verbreiten sich innert Stunden übers ganze Land. Auch die Haltungsbedingungen von Pferden in Übersee werden greifbar – mit Folgen: Seit der Zürcher Tierschutzbund 2013 von «Qualproduktion» in Nord- und Südamerika berichtete, ist der Pro-Kopf-Konsum von Pferdefleisch in der Schweiz auf rund die Hälfte eingebrochen.

Auch die Protestmethoden verbreiten sich rasch über Landesgrenzen hinweg. Nach dem Vorbild ausländischer Aktivisten werden neuerdings auch in der Schweiz öfters Mahnwachen vor Schlachthöfen abgehalten. Wiederum sind es soziale Medien wie Facebook, über die sich die Tierschützer organisieren und über die sie auch Bilder von den Aktionen verbreiten. Diese Mahnwachen sind in der Regel bewilligt und laufen friedlich ab. Doch auch militante Tierschützer machen vermehrt von sich reden.

Im November waren über hundert Tierschützer aus der Schweiz, England, Belgien, Frankreich und Italien in ein Gebäude des Fleischverarbeiters Bell im solothurnischen Oensingen eingedrungen. Sie blockierten den Betrieb und einige ketteten sich gar an, um der Polizei die Räumung zu erschweren.

In derselben Nacht wurden in der Stadt Bern Scheiben von Metzgereien eingeschlagen. Auch in der Westschweiz kam es im vergangenen Jahr zu Anschlägen auf Metzgereien sowie auf eine McDonalds-Filiale. Bei einer Aktion in Rüdlingen im Kanton Schaffhausen kamen im April gar Tiere zu schaden: Unbekannte Täter hatten fast hundert Schweine aus einem Stall getrieben. Laut der «Bauernzeitung» wurde ein Schwein tot aufgefunden, vermutlich wegen Herzversagens aufgrund der Aufregung.

Während derartige militante Aktionen grosse Aufmerksamkeit erhalten, ist eine kritische Einstellung gegenüber der Nutztierhaltung in sehr viel weiteren Kreisen als nur bei radikalen Tierrechtlern zu finden. Die Hornkuh-Initiative wurde zwar abgelehnt, erhielt aber immerhin 45 Prozent Ja-Stimmen. Derzeit läuft die Unterschriftensammlung für eine Initiative gegen Massentierhaltung, die unter anderem von Greenpeace unterstützt wird. Markus Wild: «Tierschutz wird heute vermehrt im Zusammenhang mit Umwelt- und Naturschutz gesehen. Die Konsumenten sind sich bewusst, dass die Nutztierhaltung zum Klimawandel und zum Verlust der Biodiversität beiträgt.»

Naturschutz statt Eisbären

Es gehört heute zum Allgemeinwissen, dass Kühe Methan ausstossen und dass sie mit Soja gefüttert werden, für dessen Anbau in Brasilien Regenwald abgeholzt wird. So kommen zum Mitleid gegenüber Tieren weitere Argumente, die gegen Fleischkonsum sprechen. Es ist auch einfacher geworden, den Überzeugungen Taten folgen zu lassen: Das Angebot an vegetarischem und veganem Essen ist sowohl in der Gastronomie als auch im Detailhandel in den vergangenen Jahrzehnten massiv gewachsen.

Auch die Schweizer Zoos versuchen bereits seit längerem, nicht nur mit herzigen Tieren zu punkten, sondern sich daneben im Dienste des Natur- und Artenschutzes zu präsentieren. Die Tiere kriegen immer grössere Gehege, und auf Arten wie Eisbären wird ganz verzichtet. Mit einem Teil der Erlöse werden weltweit Naturschutzprojekte unterstützt, so im Zolli mit einem Franken pro Eintrittskarte.

Beim gescheiterten Projekt Ozeanium ist es dem Zoo Basel aber nicht gelungen, die Natur- und Umweltschützer auf ihre Seite zu ziehen. Im Gegenteil: Es gab vor der Abstimmung heftige Kritik, da viele der Meerestiere nicht zu züchten seien und deshalb aus der Wildnis entnommen werden müssten – und weil das Aquarium grosse Mengen an Energie geschluckt hätte. Der Zeitgeist sprach gegen das Projekt. «Ich denke, vor zehn Jahren wäre das Ozeanium angenommen worden», sagt Markus Wild.

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