Der Schlittelhügel an der Kirchbühlstrasse, auf dem wir als Kinder mit unseren Plastikbobs stundenlang Spuren in den Schnee zogen – längst verbaut. Das Restaurant Rebstock, in dessen Lift meine beiden kleinen Schwestern einmal stecken blieben – abgerissen. Der Pflegifriedhof mit all seinen gruselig schief stehenden Holzkreuzen, auf dem wir uns im Dunkeln jeweils gegenseitig Angst einjagten – eine Parkanlage. Der Coop, hinter dem wir ein professionelles Schneckenrennen organisierten, und zu dem trotz flächendeckender Plakatierung kein einziger Zuschauer kam – ein grosses Einkaufszentrum.

20 Jahre habe ich in Muri gelebt. Seit 20 Jahren bin ich weg. Vieles wurde in dieser Zeit dem Erdboden gleichgemacht. Noch viel mehr wurde gebaut. 1977, als ich geboren wurde, zählte das Dorf im Oberfreiamt 4712 Einwohner. Heute sinds 7810. Vermutlich kenne ich mich in keiner Gemeinde so gut aus wie hier. Kenne noch fast jeden Strassennamen. Sämtliche Schleichwege. Vor allem kann ich mich gut daran erinnern, wie Muri früher ausgesehen hat. Derart anders als heute, dass mir der Ort mittlerweile ziemlich fremd vorkommt.

Und doch: Gemeinsame Erinnerungen halten zusammen. Für immer. Muri und ich, wir haben fürwahr Denkwürdiges erlebt. Schönes, Spannendes, Lustiges - und Schmerzhaftes. Ich weiss noch ganz genau, an welcher Stelle ich völlig übermüdet auf dem Velo eingeschlafen bin – beim Berg hochfahren. Wie ich auf einem Parkplatz zusammen mit meinem besten Freund in stundenlanger Arbeit die wahrscheinlich längste Schneehöhlenbar der Welt gegraben habe – mit Himbo im Kühlschrank. Wie ich es geschafft habe, als etwa 8-Jähriger unser Auto rückwärts auf die Hauptstrasse rollen zu lassen – ohne jeglichen Personen- oder Blechschaden. Wie wir in einer Holzhütte vor dem Kindergarten aus Alufolie und Tischtennisbällen selbst gebastelte Rauchbomben gezündet haben – und meine Mutter bis vor kurzem nichts davon gewusst hat.

Eines der prägendsten Erlebnisse trug sich aber an einem tristen Herbsttag Anfang der 1990er zu. Die Strassen waren nass und voller Laub, meine Bremsen gelinde gesagt nicht mehr ganz die Besten (also eigentlich funktionierten sie überhaupt nicht mehr), und der Platz zwischen der Bahnunterführung und den vielen Autos, die sich Richtung Dorfteil Egg stauten, war zu schmal, um sich mit dem Velo in flottem Tempo durchzuzwängen. Muri, wir haben ein Problem. Und nur zwei Lösungsansätze. Entweder versuche ich, mithilfe der Kolonne neben mir zum Stillstand zu kommen, auf die Gefahr hin, Auto um Auto zu zerkratzen. Oder ich knalle auf der leicht abfallenden Strasse nahezu ungebremst in das Schild, das vor der Unterführung steht.

Ich entschied mich für Variante zwei, drehte meinen Kopf kurz vor dem Aufprall noch zur Seite und fuhr unbeirrbar weiter bis zur Schule. Lange blieb ich dort nicht, denn als mich der erste Lehrer erblickte und sich seine Augen weiteten und weiteten, wusste ich, dass etwas nicht so recht stimmen konnte. Er schickte mich unverzüglich nach Hause. Meine ganze rechte Gesichtshälfte erstrahlte in sattem Dunkelblau.

Ich weiss nicht, ob das schwarz-weiss-gestreifte Schild noch immer dasselbe ist wie damals. Falls dem so wäre, würde man vielleicht sogar die Prägung noch sehen, die mein Kiefer hinterlassen hat. Und falls man sowieso vorhätte, diese Tafel vor der Unterführung gelegentlich zu ersetzen – ich würde sie gerne bei mir aufnehmen. Als Andenken an die Zeit, als ich mit Muri noch so richtig auf Tuchfühlung ging.

Nächster Halt: Waldenburg BL