Bevor es in den Untergrund geht, stösst der Wachmann noch eine letzte Warnung aus: «Wer klaustrophobisch veranlagt ist, kann jetzt noch umkehren.» Das Blitzlicht, die Dunkelheit und der donnernde Sound liessen den Tunnel noch enger erscheinen, als er ohnehin schon sei, gibt der 1,90-Meter-Hüne vor dem Eingang von «Portal» zu bedenken. Schottischer Humor? Oder ist es wirklich so schlimm? «Nein. Ja. Ihr werdet sehen», sagt der Wachmann. Zuletzt erklärt er noch, wie die inzwischen leicht verunsicherten Touristen im Falle eines Blackouts zurück an die Oberfläche gelangen. Dann macht er den Weg in eine andere, düstere Welt frei.

Der Multimedia-Designer Robbie Thomson und der Komponist Alex Menzies haben die knapp 800 Meter lange Fussgänger-Röhre des Clyde-Tunnels im Westen Glasgows zu einem Science-Fiction-Kunstwerk umgebaut – anlässlich des 55. Geburtstages des Bauwerks. Inspirieren liessen sie sich vom Schweizer Künstler H. R. Giger, der die Grusel-Atmosphäre im Horror-Klassiker «Alien» schuf.

«Portal»: Der Horror-Tunnel unter dem Fluss Clyde.

«Portal»: Der Horror-Tunnel unter dem Fluss Clyde.

Für die Augen, für die Ohren, für den Sinn für Skurriles: Glasgow empfängt seine Besucher mit einer Fülle an Aussergewöhnlichem. Dabei dürften wohl die wenigsten die grösste Stadt Schottlands zuerst mit Kultur verbinden. Eher mit rauchenden Fabrik-Schornsteinen, grauen Regentagen und Kneipenschlägern. Ein Trugbild, wie sich rasch herausstellt. Denn die Stadt, gespickt mit viktorianischen Prachtbauten, hat sich von der Industriemetropole von einst zum Hotspot für Künstler und Events aller Art gemausert. Vergangene Woche gastierten die «European Games»; das Radrennen führte mitten durch die City. 130 Musikveranstaltungen finden hier statt – pro Woche.

Die Unesco führt die Metropole als «Stadt der Musik». Glasgow, so heisst es, ist die letzte Stadt in Schottland, in der man als Kneipenmusiker noch einen Lebensunterhalt verdienen kann. Das zeigt sich besonders abends, in den Bars der «Merchant City», dem Ausgehviertel im Stadtzentrum, genau wie in den Hipster-Lokalen im Westend.

Whisky-Stadt und ...

Westlich der Innenstadt ist in den vergangenen Jahren ein wahres Szeneviertel entstanden. Eröffnet ein neues, hippes Restaurant in Glasgow, dann hier. Dabei wird schottische Tradition ebenfalls hochgehalten. Im «Ubiquitous Chip» zum Beispiel, um das herum sich viele der neuen Lokale ansiedeln. Dem Kultrestaurant, unscheinbar in einer schmalen, mit Lichterketten behangenen Kneipenmeile gelegen und im Innern dank reicher Begrünung an einen botanischen Garten erinnernd, ist es zu verdanken, dass der Autor dieser Zeilen seine anfängliche Abscheu gegenüber der schottischsten aller schottischen Mahlzeiten direkt am zweiten Abend abgelegt hat. Die Rede ist von Herz, Niere, Lunge – kurz: Haggis. Das «Chip» serviert den nach Schwarzbrot, Blutwurst und scharfen Gewürzen schmeckenden Innereien-Knödel in Perfektion. Der Ekelfaktor verschwindet bereits nach dem ersten Bissen gänzlich. Haggis, man muss es so sagen, ist grosse Klasse. Und das nicht nur geschmacklich. Ein unterstützenswerter Trend, das geschlachtete Tier in Gänze zu verspeisen und eben nicht nur das Filet, findet im Haggis seine Vollendung. Wer also kein Problem mit Leberwurst hat: Nur Mut! Und für alle anderen: Haggis gibt es auch in der Vegi-Version.

Essen lässt es sich in Glasgow wunderbar, trinken aber auch. Die Clydeside-Distillerie verkauft zwar noch keinen eigenen Whisky – sie hat erst kürzlich den Betrieb aufgenommen. Ein Besuch lohnt sich trotzdem, allein schon wegen des atemberaubenden Herzstücks der Brennerei: ein gläserner Raum mit den beiden Brennblasen und einem sagenhaften Ausblick auf den Fluss Clyde. Degustieren lässt sich das schottische Wahrzeichen Whisky überall in Glasgow; die grösste Auswahl hat man wohl im «The Pot Still» im Stadtzentrum. Über 700 verschiedene Whiskys werden hier ausgeschenkt.

Für den Kater am nächsten Morgen haben die Schotten übrigens vorgesorgt. Das heimliche Nationalgetränk, hinter Whisky versteht sich, heisst «Irn Brew» und folgt ein wenig dem Rivella-Prinzip: Trinken kann es eigentlich nur, wer damit aufgewachsen ist. Das Gebräu leuchtet so knallig orange, dass man es für radioaktiv halten könnte. Jede Menge Eisen soll zumindest drin sein – perfekt nach einem durchzechten Wochenende. Die Schotten konsumieren «Irn Brew» in grösseren Mengen als Coca-Cola und horteten es literweise, als der Hersteller ankündigte, die Zuckermenge von rund 10 Gramm pro 100 Milliliter (!) auf die Hälfte zu reduzieren.

Vor den Drinks (und weit vor dem Kater) kommt aber erst noch der «Afternoon Tea» – schliesslich sind wir in Grossbritannien. Besonders stilvoll kann der wieder aufblühenden britischen Tradition in den «Willow Tearooms» gefrönt werden. Das mehrstöckige Lokal ist schon rein optisch etwas Besonderes. Sämtliche Räumlichkeiten, inklusive der Einrichtung, wurde vom berühmtesten Sohn der Stadt gestaltet: Charles Rennie Mackintosh. Die Bedeutung des Künstlers, Designers und Architekten lässt sich am einfachsten mit einem Vergleich erfassen, den die meisten Einwohner der Stadt am Clyde wohl unterschreiben würden: Was Gaudí für Barcelona ist, ist Mackintosh für Glasgow. Mehrere Gebäude designte er in der Stadt; seine Architektur prägt Glasgow bis heute. Vielleicht noch berühmter als seine Gebäude: die Mackintosh-Stühle mit den hohen Lehnen.

... Golf-Eldorado

Mackintoshs Schaffen lässt sich nicht nur in den Willow-Teeräumen erleben – gleich mehrere Ausstellungen widmen sich dem Künstler. Im «Lighthouse», einem Geschäftsgebäude und Museum in der Innenstadt, lässt sich sein Wirken bewundern, genau wie in der «Kelvingrove Art Gallery», in Fussweite der Clydeside-Brennerei.

Musik, Kulinarik, Streetart und -food an jeder Ecke – in Glasgow selbst kann man sich kaum langweilen. Wer zwischendurch auf etwas Erholung aus ist, findet das entsprechende Gebiet gleich vor der Tür. Loch Lomond, ein malerischer See, dessen nördlicher Teil bereits in den Highlands liegt, ist nur gerade eine halbe Autostunde von Glasgow entfernt. Ein Stück weiter liegt ein Spielplatz der besonderen Art: Schiessen, Falknerei oder Golf auf einem von gleich drei 18-Loch-Plätzen – alles möglich auf dem Anwesen «Gleneagles». Der offizielle Turnierplatz ist der wohl berühmteste der insgesamt rund 550 Golfplätze in Schottland. 2014 wurde hier der «Ryder Cup» zwischen den USA und Europa ausgeputtet, zuletzt war er Schauplatz des Golfturniers der «European Games».

Bevor es ans Essen, Trinken oder Golfspielen geht, wartet aber noch der Horror-Tunnel. Nach ein paar vorsichtigen Schritten hinein in die Dunkelheit flackern die ersten Lichtblitze auf. Lautsprecher dröhnen; dann rauscht ein Roboter heran, an Schienen an der Decke befestigt – und verschwindet sogleich wieder in der Dunkelheit.

Weiter gehts durch blaues, grünes, dann gelbes Licht. Auf einem Tisch schnappt ein abgetrennter Kopf nach Luft. Das Präparat aus Silikon würde täuschend echt wirken – wäre da nicht der Elektromotor, der gut sichtbar unten aus dem Hals herausguckt. Gleich daneben spult ein mit hautfarbenen Lappen behangener Roboterarm sein Programm ab. Was das soll, erschliesst sich im ersten Moment nicht. Auch nicht im zweiten. Eine junge Mutter mit ihrem Säugling auf dem Arm kann allerdings kaum genug bekommen und starrt gebannt auf die von lautem Dröhnen untermalte Choreografie. Nett gemacht – aber so richtig gruseln muss sich hier niemand. Vom Blackout ganz zu schweigen.

Zurück an der Oberfläche lässt sich eines zweifelsfrei konstatieren: Von seinem ursprünglichen Charme hat Glasgow durch die vielen hippen Bars, Restaurants und Ausstellungen nichts verloren. Denn das Tunnelende liegt im alten Arbeiter-Stadtteil Govan. Die beiden Damen mit Pint in der Hand, durchgescheuerten Trägertops und wenigen Zähnen, die es sich bei strahlendem Sonnenschein vor der Bar gegenüber gemütlich gemacht haben, können das bezeugen.

Die Reise wurde ermöglicht von Visit.Britain, Visit.Scotland und People make Glasgow.