Recycling

Kein Mist, unser Pipi wird zu Dünger für unsere Blumenbeete

Schon bald könnte Urin zu Dünger verarbeitet und in der Landwirtschaft eingesetzt werden.Urs Flüeler/Keystone

Schon bald könnte Urin zu Dünger verarbeitet und in der Landwirtschaft eingesetzt werden.Urs Flüeler/Keystone

Unser Urin ist gut für die Landwirtschaft und sollte besser nicht in die Kanalisation. Schweizer Forscher stellen ein neuartiges Recyclingverfahren vor.

Zugegeben, der Gedanke ist eklig. Sollen wir doch laut Schweizer Wasserforschern bald Gärten und Blumen mit unserem eigenen Urin – und notabene dem von vielen anderen – düngen. Und die grossen Traktoren grossflächig menschlichen Urin verspritzen. Ganz so, wie sie es mit der Gülle tun, dem braunen Kot-Geschmier der landwirtschaftlichen Nutztiere.

Die Forscher sind überzeugt, dass sich unser Pipi gut als Dünger eignet, dass durch die Urin-Separierung unsere Kläranlagen entlastet und erst noch weniger Mikroverunreinigungen wie etwa Antibiotika ins Abwasser gelangen. Heute stellt das ETH-Wasserforschungsinstitut Eewag in Luzern ein neuartiges Recycling-Verfahren vor, das aus Urin Dünger macht.

Das Kostbare des Urins sind die Nährstoffe – hochkonzentriert taugen sie als Dünger. Dafür muss das Wasser im Urin (fast 97 Prozent des Urin-Volumens) von den Nährstoffen getrennt werden. In den restlichen drei Prozent Wasser sind alle Nährstoffe enthalten. Auf diese Weise haben die Mitarbeitenden des Eawag im Selbstversuch ihren Urin aufbereitet und aus 1000 Litern Pipi 30 Liter eines hochkonzentrierten Flüssigdüngers hergestellt.

«Nein, es stinkt nicht»

In ersten Tests hat sich der Urindünger bereits bewährt. Er enthält alle für das Pflanzenwachstum nötigen Substanzen wie Stickstoff, Phosphor und Kalium. Wer jetzt denkt: Da kann ja jeder selber seinen eigenen Harn sammeln und damit à la «do it your self» den Rasen daheim bearbeiten, irrt. Denn in verschiedenen Prozessen wie Nutrifikation und Pasteurisierung müssen Bakterien und Viren abgetötet werden. Urinprodukte, so haben die Forscher nachgewiesen, wirken ähnlich gut wie Kunstdünger. Der Pipi-Dünger könnte dereinst 15 bis 37 Prozent davon ersetzen. Erste Umfragen haben auch gezeigt, dass Landwirte und die Bevölkerung Urindünger als positiv erachten. Aber stinkt das nicht? «Nein», sagt der Projektleiter vom Eawag Kai Udert. «Nach der Verarbeitung stinkt der Urin nicht mehr. Er riecht salzig, etwa so wie Maggi.» Ja genau, die Gewürzbrühe, die wir in die Suppe träufeln.

Der Urin hat noch einen anderen Vorteil: Wird er separat gesammelt, können die Kläranlagen entlastet werden. Denn obwohl Urin nur zirka ein Prozent des Abwasservolumens ausmacht, ist er wegen seiner Nährstoffe für einen Grossteil der Verschmutzung verantwortlich. Die Nährstoffe sind gut für die Landwirtschaft, nicht aber für die Gewässer. Sie müssen in den Kläranlagen aufwendig abgebaut werden.

Dieses Recycling-Verfahren ist insbesondere für Schwellenländer interessant. So arbeitet das Eawag beispielsweise mit der südafrikanischen Stadt Durban zusammen. In der Stadt ist das Wasser knapp, Toiletten mit Spülungen würden Durbans Wasserressourcen zu stark strapazieren, das Kanalisationssystem ist zu schlecht ausgebaut. Deswegen wurden in rund 90 000 Haushalten Trockenklos eingebaut. Sie funktionieren ohne Spülung und trennen Fäkalien und Urin, damit diese weiterverwertet werden können.

«Aber die Urin-Separierung hat auch für die Schweiz grosses Zukunftspotenzial. Dieses Prinzip macht unsere Abwasserreinigung flexibler», sagt Udert vom Eewag. Die Technik funktioniert auch mit unseren Spül-Klos. In sogenannten Trenntoiletten fliesst der Urin nicht ins Wasser, sondern wird separat gesammelt. Das geht ganz einfach: Sitzt Mann oder Frau auf dem WC, wird der Urin vorne aufgefangen und in einen separaten Tank geleitet, während die Fäkalien ganz normal hinten weggespült werden. Es handelt sich also quasi um ein WC mit vorne eingebautem Urinal.

Das neue Sanitätskonzept könnte gerade in Gegenden, in denen ein hoher Bevölkerungsdruck (schnell wachsende Städte wie Zürich etwa) zu einer Nährstoffüberlastung der Gewässer führt, eine gute Ergänzung zum bestehenden System sein. Und auch in abgelegenen Gebieten, wo sich ein Anschluss an die Kanalisation schwieriger gestaltet.

Grosses Interesse an Anlagen

Es haben sich schon Wohnbaugenossenschaften und Firmen beim Eawag gemeldet, die solche Anlagen einbauen möchten. Udert ist der Meinung, dass die Urin-Separierung schon bald in die Praxis umgesetzt werden kann und der Pipi-Dünger vielleicht in zwei, drei Jahren auch grossflächig in der Landwirtschaft eingesetzt wird.

Das hat noch einen weiteren Vorteil: Es gelangen weniger Medikamentenreste und andere Mikroverunreinigungen ins Abwasser. Diese Verunreinigungen sind für den Verband der Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) ein zentrales Thema. Die Abtrennung des Urins und dessen Kommerzialisierung als Dünger packen dieses Problem an.

Der Dünger hat bereits eine provisorische Bewilligung des Bundesamtes für Landwirtschaft (BFL) erhalten. Er darf als Blumen-, Rasen- und Zierpflanzendünger verwendet werden.

«Wir begrüssen Bestrebungen, die zum Ziel haben, Kreisläufe zu schliessen und natürliche Ressourcen zu schonen», sagt Nicolas Foresti vom BFL auf Anfrage. Die Studien hätten gezeigt, dass der Dünger mit klassischen Produkten mithalten kann. Das BFL will aber weitere Untersuchungen. Ob wir also bald daheim und in der Landwirtschaft mit Urin düngen, hängt von weiteren Forschungsresultaten ab. Zugegeben, der Gedanke ist gar nicht so eklig.

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