Der Garten des Ehepaars Stampfli im solothurnischen Etziken ist das Reich der Wallabys Billabong, Wilpena und Barossa. Die Mini-Kängurus hüpfen hier in der Abenddämmerung durch die Landschaft – eine Szenerie, die ansonsten nur auf der anderen Seite der Welt zu bestaunen ist.

Im Stall im Garten des Ehepaars Gerald und Esther Stampfli leben drei Mini-Kängurus mit Wurzeln in Tasmanien.

Im Stall im Garten des Ehepaars Gerald und Esther Stampfli leben drei Mini-Kängurus mit Wurzeln in Tasmanien.

Heu liegt verstreut auf der aufgeweichten Wiese, der Regen hat nachgelassen, dafür stürmt es umso heftiger. Ausser den Beuteltieren erinnert so gar nichts an Down Under, wo die Australier heute ihren Nationalfeiertag begehen. Esther Stampfli kämpft sich mit Gummistiefeln über den matschigen Boden und nähert sich mit kleinen Schritten einer Holzhütte. Die «Kängis», wie das Ehepaar Stampfli ihre Tiere liebevoll nennt, haben hier vom peitschenden Wind Zuflucht gefunden. «Sie orientieren sich mit dem Gehör, deshalb ist der starke Wind für sie besonders unangenehm», erklärt Gerald Stampfli. Seine Wallabys sind scheu, näher als fünf Meter kommen Fremde nicht an sie heran. Selbst wenn Gerald und Esther mit ihren Lieblingen alleine sind, bleibt das zweijährige Männchen Billabong mit seinen Gefährtinnen Wilpena (zehn Monate) und Barossa (17 Jahre) meist auf Abstand. «Wir haben sie bewusst nicht gezähmt, unsere Kängis sollen so wild wie möglich durchs Leben gehen», sagt Gerald.

Der Schweizer Winter ist für Bennett-Wallabys kein Problem. Die Tierart kommt ursprünglich aus Tasmanien, einer Insel südlich von Australien. Dort herrschen ähnliche klimatische Verhältnisse wie in Mitteleuropa, was die Haltung dieser Tiere auch in unseren Breitengraden ermöglicht. «Sie kennen den Schnee aus ihrer Heimat», sagt Esther Stampfli, während sie durch den Dreck zurück zum Eingang des Geheges stapft.

In Australien gibt es etwa 60 Arten von Wallabys, die zur Familie der Kängurus gehören, aber wesentlich kleiner sind als ihre grossen Brüder. Das rote Riesenkänguru zum Beispiel wird bis zu 1,80 Meter gross. Es ist das grösste Beuteltier der Welt. Im Gegensatz dazu bringen es die Bennett-Wallabys ausgewachsen gerade mal auf rund 80 Zentimeter Körpergrösse.

Fünf Monate im Beutel

Der Wind hat etwas nachgelassen. Esther Stampfli holt Futter aus dem Keller. Die Wallabys erhalten einmal pro Tag Karotten, harte Brotstückchen, Sonnenblumenkerne und Getreidewürfel. Mittlerweile haben sie sich aus der Hütte gewagt. Billabong steht hinter Wilpena, bewegt seinen Schwanz hin und her. «Er hat anderes im Kopf als das Essen», sagt Gerald Stampfli und lacht. Doch Wilpena scheint nicht in Stimmung zu sein, lässt ihren Freund im Regen stehen.

Obwohl das Weibchen erst im März des vergangenen Jahres auf die Welt kam, trägt es bereits Nachwuchs in seinem Beutel. Die ersten fünf Monate bleibt das Wallaby-Baby im Beutel seiner Mutter – ein idealer Ort, die Welt langsam und in sicherer Umgebung kennen zu lernen. Esther Stampfli: «Wir haben uns riesig gefreut, als ein kleiner Kopf aus dem Beutel schaute und uns mit grossen Knopfaugen musterte.»

Begonnen hatte alles im Jahr 1999, als die Stampflis ihr Haus gekauft hatten und noch Tiere suchten, um den grossen Garten zu beleben. Dabei dachten sie auch an ihre neuen Nachbarn: Es sollten Tiere sein, die keinen Lärm verursachen und niemanden mit Gestank belästigen. Zufällig seien sie auf die wintertaugliche Wallaby-Art gestossen, erzählt Esther Stampfli. «In diesem Moment war uns dann sofort klar: Wir holen ein Stück Australien in die Schweiz, wir werden Wallaby-Halter.» Das Ehepaar Stampfli verbindet viele schöne Erinnerungen mit dem roten Kontinent. 1991 reisten sie erstmals nach Down Under, seither kamen fünf weitere Trips hinzu. «Wenn uns das Fernweh plagt, erinnern uns die Kängis an diesen ‹happy place›.»

Die Bewilligung für die Haltung von Wallabys mussten die Stampflis beim kantonalen Veterinäramt beantragen. Die Auflagen sind von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Im Kanton Solothurn muss das Gehege mindestens 250 Quadratmeter gross sein, Billabong und Co. steht aber rund das Doppelte zur Verfügung.

Wie viele Wallabys in Schweizer Gärten gehalten werden, ist unbekannt. Recherchen der «az Nordwestschweiz» zeigen aber, dass es in keinem Kanton mehr als vier Wallaby-Haltungen gibt. Gerald Stampfli sagt: «Man kennt sich und hilft einander bei Problemen oder Engpässen aus.» Zum Beispiel wenn in einer Haltung das letzte Weibchen sterbe und ein Bekannter aus der Community eines «überzählig» habe.

Die Attraktion im Dorf

Die Stampflis kauften ihre ersten beiden Mini-Kängurus in Bern für zusammen rund 2000 Franken. Kurz darauf gab es Nachwuchs, zwischenzeitlich lebten gar bis zu sechs Wallabys in ihrem Garten. Von der ersten Generation ist heute lediglich Barossa mit dem Spitznamen «Grossmutter» übrig geblieben. «In Gefangenschaft werden sie normalerweise zehn bis zwölf Jahre alt – unsere Barossa ist also eine echte Ausnahme», sagt Esther Stampfli.

Zu Beginn war die Freude an den neuen Bewohnern im ländlichen Etziken nicht nur für das Besitzerehepaar gross. Gerald Stampfli erinnert sich, dass immer wieder Spaziergänger absichtlich an ihrem Haus vorbeigingen und nach den Wallabys Ausschau hielten. Mittlerweile sei das Interesse abgeflacht. Es komme nur noch selten vor, dass fremde Menschen vor ihrem Garten auftauchen. Das ist den Stampflis recht. Im Dorf blieben sie aber bekannt: «Wenn jemand nach uns fragt, sind wir die Känguru-Halter», sagt Gerald Stampfli.

Das kinderlose Ehepaar kann sich ein Leben ohne seine Wallabys nicht mehr vorstellen. Es gebe nur ein Problem, ereifert sich Esther. «Das Feuerwerk am 1. August und an Silvester.» Das sei ja nicht nur für ihre Wallabys schlimm, die sich mit dem Gehör orientieren, sondern auch für viele andere Tiere.

Der Nationalfeiertag wird aber auch in Australien traditionell mit viel Feuerwerk begangen. Billabong und seine «mates» dürften heute also froh sein, fernab ihrer Heimat zu leben – im Schweizer Winter.