Social-Media-«Jööö»

Kaum auf der Welt, schon auf Facebook

Eltern sind stolz auf ihre Sprösslinge. Deswegen posten immer mehr Mamis hemmungslos Kinderfotos in sozialen Netzwerken. Aber der Baby-Exhibitionismus nervt und kann für die Kinder gefährlich werden.

Emma mit Windeln, Emma ohne Windeln. Emma mit rot-weiss gepunktetem Sommerkleidchen, Emma mit Schaum auf dem Kopf in der Badewanne. Emma mit verschmiertem Schoggi-Mund, Emma mit Bruder Luis auf dem Rücken eines dicken Ponys.

Nein, das sind nicht Bilder aus einem persönlichen Fotoalbum, das in passenden Momenten der Familie und den engsten Freunden präsentiert wird. Es sind Bilder, wie wir sie auf Facebook und anderen sozialen Medien tagtäglich antreffen. 

Die kleine Emma ist fiktiv und steht für all die Babys und Kinder, die von ihren Müttern in unterschiedlichsten Posen fotografiert und deren Bilder ins Netz gestellt werden.

Kinderfotos zu posten liegt bei jungen Eltern im Trend. Laut einer aktuellen Studie des US-Softwareherstellers AVG mit dem bezeichnenden Titel «Digital Birth» (Digitale Geburt) stellen acht von zehn Müttern ihre Babyfotos ins Netz. Bei der Online-Befragung nahmen international über 6000 Eltern teil.

Experten beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis. «Es findet ein Exhibitionismus des Intimbereichs einer Familie auf Kosten der Kinder statt», sagt Olivier Steiner vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Beinahe das komplette Leben des Kindes findet sich in dem Profil der Eltern wieder.

Auf Mamis Profil

Sie sind ja reizend und oft auch witzig. Daher halten die Eltern auch jeden Schritt ihrer Sprösslinge mit der Kamera fest. Aber dem nicht genug, soll gefälligst auch noch jede und jeder sehen, wie süss das kleine Würmchen ist. Kein Problem, nur nach wenigen Klicks strahlen die Kinderaugen auf dem Bildschirm.

Durch unzählige «Jööö»-Kommentare erhalten Erwachsene das erwünschte Lob. Übereifrige staffieren die Knirpse gar mit Requisiten wie Kissen oder Haustiere aus. Es scheint fast, als ob die Mamis sich mit der Inszenierung Angebote von Kinderkatalogen und Mini-Model-Agenturen erhoffen.

Die Inflation der «Guck-Mal-mein-herziges-Baby»-Posts kann nerven. Kinderlosen Social-Media-Nutzern werden die Bilder aufgezwängt; und der Grossteil der anderen Nutzer interessiert sich einfach nicht für die Posen des Kindes von Frau Mustermann.

Meist finden sie ohnehin nur die eigenen schnucklig, vielleicht noch die von Verwandten und von guten Freunden (die eben, von denen sie sich gerne ein privates Fotoalbum angucken), nicht aber die sabbernden Kids der Masse.

Sie tun es trotzdem. Einerseits, weil sich das Posten der Schnappschüsse zu einem richtigen Wetteifern zwischen den Müttern entwickelt hat, andererseits ist das Onlinestellen von personenbezogenem Bildmaterial durch die Verbreitung von Smartphones mit Kamera und direktem Internetzugang heute extrem niederschwellig. Zudem ist die Generation, die jetzt Kinder hat, medienaffin und nutzt soziale Netzwerke oft täglich.

Das Recht am eigenen Bild

Doch neben dem Stolzsein, der daraus folgenden Inszenierung und den virtuellen Streicheleinheiten, fehlt den meisten das Problembewusstsein. Die Publikation von Bildern verletzt ohne das explizite Einverständnis der Person das Persönlichkeitsrecht. Dies gilt auch für Kinder, doch sie werden bis zur Volljährigkeit von ihren Eltern vertreten.

Pro Juventute-Medienexperte Laurent Sédano hält fest: «Sobald Kinder sprechen oder gar Zeichen geben können, müsste man sie um Erlaubnis fragen. Spätestens mit zwölf Jahren aber, weil sie dann strafmündig sind.»

Auch Steiner findet es «sehr problematisch, Fotografien von kleinen Kindern zu publizieren, die sprachlich und kognitiv noch nicht einmal in der Lage sind sich zu äussern.»

Und wenn sie das sind, werden wohl die wenigsten Kleinkinder nach dem Blitz fordern: «Mama, stell das doch auf Facebook, dass ich ganz viele «Likes» und «Wie-süss-Kommentare» kriege.»

Nacktbilder sind absolut tabu

Wenn eben nicht nur Oma und Tante Maja die Baby-Fotos im Familienalbum bestaunen, sondern die breite Öffentlichkeit im Netz, können sie leicht in falsche Hände geraten.

Pädophile sammeln Fotos aus illegalen, aber auch aus legalen Quellen im Internet – unter anderem in sozialen Netzwerken.

Mit wenigen Klicks können sie die Kinderbilder nicht nur anschauen, sondern auch speichern und weiterschicken. «Die Eltern sollten sich bewusst sein, dass sich Pädophile an den Bildern ihrer Kinder aufgeilen können», sagt Sédano.

Die Bloggerin Kathrin Buholzer adressiert auf ihrem Portal elternplanet.ch zurecht folgende Frage an Erziehungsberechtigte: «Würdet ihr die Bilder auch ausdrucken und in den grössten Bahnhofsunterführungen des Landes aufhängen, sodass sie jeder anschauen, kommentieren oder mitnehmen kann?»

Auch Nadia Garcia von der Website elternet.ch proklamiert äusserste Zurückhaltung und warnt vor Übergriffen: «Nacktbilder sind sowieso absolut tabu.»

Die Initiantin der Website hat zwei Kinder und stellt keine Fotos ihrer Töchter ins Netz. Anderen aber bleibt dies nicht erspart.

Teenager nehmen es später übel

So beschreibt ein Jugendlicher in einem Forum, dass es ihm sehr peinlich ist, frühere Kinderfotos im Internet zu finden.

Er klagt, dass die Eltern nur an die Gegenwart denken, nicht aber daran, dass die eigenen Kinder in der Pubertät sehr pingelig sein können. Oder auch angreifbar, da (vermeintliche) Freunde oder auch Fremde mit den Fotos Cyber-Mobbing betreiben können.

Wie können die Eltern ihren Kindern den immer wichtigeren sorgsamen Umgang mit persönlichen Daten im Internet beibringen, wenn sie das Leben des Kindes schon vorher beinahe lückenlos online gestellt haben und somit die Vorbildfunktion radikal missachten? Eine wahrhaft schizophrene Einstellung.

«Eltern fragen uns vermehrt, wie sie mit heiklen Bildern, die ihre Kinder verschicken, umgehen sollen. Und sie selber vergessen manchmal, dass sie es genau gleich machen», erzählt Sédano.

Was wird wohl Teenager-Emma sagen, wenn sie später cool und erwachsen wirken will und dann von ihren Mitschülern ausgerechnet mit der blutten, sabbernden Schoggi-Mund-Emma aufgezogen wird? Sicherlich nicht: «Gefällt mir».

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