«In den fast drei Monaten, die wir mit unserem Forschungsschiff nun schon im Südpolarmeer unterwegs sind, haben wir kaum fremde Menschen gesehen. Wir sind in all dieser Zeit nur fünf anderen Schiffen begegnet – dreien davon auf der Insel Südgeorgien, die in dieser Region wohl schon als touristisch gelten kann. Dennoch ist das Südpolarmeer nicht von Menschen unberührt. Das wird mir wieder einmal klar, wenn ich mir die Ergebnisse
des südafrikanisch-australischen Forschungsteams hier an Bord ansehe: Es untersucht, wie viel Plastikabfälle im Südpolarmeer treiben.

Plastik zieht sich durch unseren Alltag: Joghurtbecher, Plastiktüten, Folien, Spülschwämme, Eimer, Synthetikkleidung sind alle aus Kunststoff. Plastik steckt in unseren Möbeln, Fahrzeugen und Smartphones. Andersherum gesagt: Nur die allerwenigsten Gegenstände beinhalten kein Plastik. Dieses Material wird leider noch immer nur selten fachgerecht entsorgt, und so findet es immer wieder seinen Weg in die Natur. Durch Wind, Regen und Flussläufe gelangt dieser Müll früher oder später in die Meere und Ozeane. Doch
wenn Meeresforschende von Plastikverschmutzung sprechen, dann denken sie nicht nur an im Meer schwimmende Plastiktüten oder -flaschen, sondern auch an deren Bruchstücke. Denn mit der Zeit zerbröselt alles Plastik. Die Gesamtheit der Stückchen, die kleiner sind als fünf Millimeter, nennt man Mikroplastik.

Die Mikroplastik-Forschungsgruppe hier an Bord geht der Frage nach, welche Menge dieser Plastikkörnchen sich schon im Südpolarmeer – also weit weg von menschlichen Siedlungen – befindet. Dafür sammeln die Forscher regelmässig Meerwasser, das sie mit Eimern an Bord tragen. Zusätzlich untersuchen sie Lebewesen wie Plankton, Krill, Fische und Vögel, welche andere der Forschungsgruppen an Bord holen. Denn das Mikroplastik ist längst in die Nahrungskette der Meerestiere gelangt. Die Mikroplastik-Forschenden wollen nun beurteilen, wie viel Plastik die Tiere hier im abgelegenen Südpolarmeer schon mit ihrer Nahrung aufgenommen haben. Drittens sammeln die Wissenschafter auch Bodenproben an den Stränden der Inseln, die wir anfahren. Mit einer einfachen Methode finden sie das darin vorhandene Plastik: Sie geben die Probe in einen Behälter mit Wasser – der Sand setzt sich auf dem Boden
ab, das Plastik schwimmt auf und kann entnommen werden. Unter dem Mikroskop und mittels sogenannter «spektroskopischer Verfahren» untersuchen die Forschenden das Mikroplastik und erhalten dadurch Hinweise auf seinen Ursprung.

Schon jetzt hat das Team herausgefunden, dass sich im Bereich rund um den antarktischen Kontinent viele kleine Plastikfasern in den Wasserproben befinden. Diese stammen wahrscheinlich von Fischernetzen. Auch die untersuchten Vögel und Fische tragen Plastik in ihren Mägen: kleinste blaue, grüne und gelbe Teilchen. Die Forschenden wollen bald mehr Antworten auf die Frage finden, welche genauen Wege das Plastik im Meer nimmt. Wie wir das Mikroplastik in Zukunft verhindern können, ist eine Frage, deren Antwort leider noch nicht gefunden wurde.»