Tattoos

Jeder fünfte Schweizer ist tätowiert – doch eine Kehrtwende zeichnet sich ab

Die Generation der Tätowierten: Inzwischen ist hierzulande jeder Fünfte tätowiert, bei den jüngeren sogar jeder zweite. Die Stars dienen als Inspiration. Über 700 Studios gibt es im Land. Doch das lang anhaltende Massenphänomen reisst bald ab.

Surrend gräbt sich die Nadel ins Schulterblatt und sticht die Kontur eines Büffels. Die durchtrainierte Kundin Dani liegt im Bikini auf einem roten Bett, unter der ruhigen Hand von Ralf Hungerbühler. Er hat ihr bereits einen Totenkopf, Rosen und ein flammendes Herz auf den Torso tätowiert. Nun soll es ein Bisonschädel mit Indianerfedern sein. «Den finde ich einfach schön», sagt Dani, die in einem Zürcher Tonstudio arbeitet und auf den trashig-nostalgischen 50er-Jahre-Stil steht.

Genau wie ihr Tätowierer Ralf Hungerbühler. An den Wänden seines St. Galler Studios hängen Adler, Meerjungfrauen und Matrosenanker. «Ich mag traditionelle Motive», sagt der 42-Jährige, auf dessen Hals ein Tiger faucht. Und auf seinem Handrücken schlägt ein Frauengesicht die Puppenaugen auf. Aus ihrem Schmollmund schlüpft eine kleine Schlange. «Meine Schlangenbeschwörerin», sagt er grinsend.

Hungerbühler tätowiert seit 18 Jahren. In den 80ern gab es in der Schweiz etwa 15 Studios, in den 90er gegen 80 Shops. «Heute gibt es hierzulande über 700 offizielle Tattoo-Shops – und etwa 1400 weitere, die privat tätowieren», sagt Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizer Berufstätowierer.

Ein Tiger wie bei Angelina

Jeder fünfte Schweizer, jede fünfte Schweizerin ist tätowiert, bei den Jüngeren fast jeder zweite. Manche gehen zum Tätowierer wie zum Coiffeur. Anstatt die gleiche Frisur wie ein Filmstar wünschen sie Engelsflügel auf dem Nacken wie Justin Bieber oder einen Bengalischen Tiger, wie ihn Angelina Jolie auf dem unteren Rücken trägt.

Der weltweite Tattoo-Boom hat eine ganze Industrie hervorgebracht. Eine Ausbildung gibt es nicht, die Berufsbezeichnung «Tätowierer» ist nicht geschützt. Luc Grossenbacher sagt: «Früher hiess es, wer nichts wird, wird Wirt. Heute wird man Tätowierer.»

Hungerbühler staunt, wie salopp ihn heute manche Leute auf Instagram anfragen, ob er sie ausbilden könne – als würde eine Schnellbleiche genügen. Der gelernte Schlosser tätowierte jahrelang in St. Gallen, bevor er bei XXX in Luzern seinen «Meister» fand: Den Amerikaner Rob Koss, der so bekannt ist, dass man ein Jahr für einen Termin bei ihm warten muss.

Jeder kann sich im Internet ein Tattoo-Set bestellen. Auch Tattoo-Partys, an denen sich angeheiterte Besucher etwas stechen lassen, sind beliebt. Das war noch undenkbar, als Ralf Hungerbühler mit 21 Jahren in Miami sein erstes Tattoo stechen liess und ein volltätowierter Oberarm als krass galt. Heute verziert er mit Nadel und Tinte oft einen ganzen Rücken, was einige Sitzungen erfordert und gegen 4000 Franken kostet. «Ich finde es schön, wenn mir jemand ein solch grosses Stück Haut zur Verfügung stellt.»

Schweizer gehören zu den besten

Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren nur Knastbrüder, Zuhälter, hartgesottene Seeleute und Prostituierte tätowiert. «Das ist vorbei», sagt der deutsche Psychologe Erich Kasten. Der Hamburger erforscht seit Jahren die Motive für Body-Modifications wie Piercing, Tattoos und Implantate. «Der Fakt, dass Tätowierungen in Mode und teuer sind, hat den Ruch des kriminellen Aussenseiters längst vom Körperschmuck entfernt.» Für gut gemachte Tattoos bei einem angesagten Tätowiermeister zahle man heute sogar fünfstellige Summen. Je bekannter der Künstler und je detailreicher das Bild, desto teurer. Tattoos sind ein Prestigeobjekt wie ein teures Auto. Kasten sagt: «Professionell saubere Tattoos kann man vorzeigen und stolz darauf sein wie auf ein echtes Gemälde von Salvador Dalí an der Wand.»

Die Schweiz hat eine Vielzahl an namhaften Tätowierern hervorgebracht, zu denen Fans aus aller Welt pilgern. Zu den Stars der Szene gehört der Lausanner Maxime Plescia-Büchi, der in seinem Londoner Studio Sang Bleu schon Rapper Kanye West tätowiert hat. Er zeichnet ausschliesslich Schwarz, kombiniert griechische Säulen, Raubvögel, Heiligenfiguren und geometrische Formen. «Ein Tattoo ist die extremste Art des Besitzes», sagte Plescia-Büchi einmal in einem Interview. «Man kann es nicht verkaufen. Nur wenn du stirbst, stirbt es auch.»

Der ehemalige Theatermaler Mick Schraner hat sich auf japanische Drachen spezialisiert, die verblüffend echt aussehen. Er lebt und arbeitet in einem Appenzellerhaus in Rehetobel. Schraner gehört zu den Schweizer Tätowierkünstlern, die sich international einen Namen geschaffen haben – mit seinem Feingefühl für Proportionen, Plastizität, Farbe und Stil.

Auch der Lausanner Filip Leu ist eine lebende Legende. Sein Vater führte ihn mit elf Jahren ins Handwerk ein. Bekannt für sein irrwitziges Arbeitstempo, sein Können und seine Geduld, hat sich Leu als Experte für asiatische Tätowierungen westlicher Stilprägung etabliert. In seinem Studio «The Leu Family’s Family Iron» in Sainte-Croix hat er auch viele Talente ausgebildet. Inzwischen hat der gelernte Grafiker und Psychologe auch ein Studio in Zürich, um das ein Hype entstanden ist.

Der Chicagoer Grafikdesigner Rob Koss hat sich mit 26 Jahren in Luzern niedergelassen. Seine weltweit bekannte Arbeit ist beeinflusst von Art déco, Jugendstil, Gotik, balinesischen Ornamenten, Biomechanik und auch vom Realismus. In Luzern hat sich auch die ausgebildete Grafikerin Jacqueline Spoerlé etabliert. Sie widmet sich in ihrem Studio «Corazon Tattoo» dem Tribal- und Ethno-Tattoo. Spoerlé greift auf Tätowier-Erfahrungen zurück, die sie in Neuseeland, Samoa und Tahiti gesammelt hat. In schnelllebigen Zeiten sind die Bilder auf der Haut zudem etwas Beständiges. «Du musst es dir verdienen, Schmerz erleiden, aus der Komfortzone ausbrechen», ergänzt Tätowierer Hungerbühler. «Es ist für immer. Das braucht Mut.»

Liegende Acht für die Verliebten

Die Motive unterliegen Modeströmungen. In den Neunzigern waren Tribals über dem Steissbein beliebt. Darauf folgten fernöstliche Schriftzeichen. Zurzeit sind Maori-Tattoos angesagt. Ein weiterer Trend sind Micro-Tattoos, die sehr klein und filigran gestochen werden. Schriften, Kindernamen und Sprüche sind ebenfalls beliebt. «Und Pusteblumen mit stäubenden Sämchen. Sowie Bäume, aus denen Vögel flattern», sagt Verbandspräsident Luc Grossenbacher. Auch Blackworks sind ein Thema – Tattoos in Schwarz, zum Teil mit feinen Grau-Schattierungen und Vintage-Touch. Liebende wählen je eine liegende Acht als Zeichen ihrer Liebe. Zu den Klassikern, die immer gefragt sind, gehören Rosen, Herzen und Schwalben. Auch sie stehen für die Liebe. Tattoos dienen dazu, das Unaussprechliche mit einem Symbol zum Ausdruck zu bringen.

Totenköpfe sieht man ebenfalls sehr oft. «Ein Totenschädel auf dem Oberarm kann ein Zeichen für Gewaltbereitschaft sein, aber auch an die Endlichkeit des Lebens gemahnen und daran erinnern, sein Leben nicht untätig zu verschwenden», sagt Psychologe Erich Kasten. Die Interpretation sei aber immer individuell, wie bei der Traumdeutung. Tattoo-Motive können Wünsche repräsentieren. Manche versuchen, sich durch Bilder von Raubtieren wie einem Löwen einen Begleiter auf die Haut zu bannen, der Eigenschaften hat, die man selber gern hätte.

Nicht selten würden Frustrationen mit einer schönen Tätowierung kompensiert. Es können aber auch erfreuliche Zeitpunkte sein, etwa die bestandene Matura. Manche Eltern lassen sich Bilder ihrer Kinder eintätowieren. «Oft reift die Entscheidung, sich tätowieren zu lassen, über Jahre», sagt Erich Kasten. Zum 18. Geburtstag, wenn man selbst entscheiden kann, und auch nach der Trennung vom Partner gehen viele Menschen zum Tätowierer. In beiden Fällen zeigt man: «Das ist mein Körper, ich kann nun allein darüber bestimmen und ihn gestalten, wie es mir gefällt.» Psychologen sehen das Phänomen auch als Teil des Körperkults, den viele mit fast religiösem Eifer betreiben. Mit Ernährung, Fitness und eben auch Tattoos modelliert und schmückt man seinen Körper. Und man ist froh, in Zeiten des Umbruchs und der Ungewissheit wenigstens in diesem Lebensbereich alles unter Kontrolle zu haben.

«Ewig so weitergehen wird das Massenphänomen aber sicherlich nicht», meint Erich Kasten. Tattoos seien aus dem Bedürfnis hervorgegangen, anders zu sein, und auch aus Protest gegen die spiessbürgerliche Gesellschaft. Da Millionen Menschen bereits eine Tätowierung tragen, fallen diese Gründe weg. Wer damit noch provozieren will, muss extreme Motive an exponierten Körperstellen wählen. Darum werden heute auch Zonen tätowiert, die früher tabu waren: Hände, Hals und sogar Gesicht und Schädel.

Probleme im Beruf

Verbandspräsident Luc Grossenbacher, der seit über 30 Jahren einen Tattoo-Shop betreibt, beobachtet eine Kehrtwende: Die Nachfrage habe nachgelassen. Auch seien Tattoos in diversen Branchen nach wie vor nicht gern gesehen. Kassiererinnen und Banker müssten die bebilderte Haut bedecken. «Es steht leider fest, dass Bewerber mit sichtbaren Tattoos auch heute in vielen Berufssparten noch schlechtere Chancen haben, den Job zu bekommen, insbesondere, wenn sie Kundenkontakt haben», sagt auch Erich Kasten, der kürzlich eine Studie dazu verfasst hat.

Mit sichtbaren Tattoos solle man vorsichtig sein. Menschen entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit weiter; wer weiss schon mit 20, wo er mit 50 steht? «Die Frau von Christian Wulff hatte ein Tattoo; konnte sie ahnen, dass sie eines Tages die Gattin des Bundespräsidenten wird?», sagt Kasten.

Niemand kann in die Zukunft schauen. Das spielt für Kundin Dani keine Rolle. Der Büffel auf ihrem rechten Schulterblatt nimmt bereits Konturen an, die Nadel surrt. «Geht es?», fragt Tätowierer Ralf Hungerbühler. Sie nickt, lächelt unter Schmerzen. Es ist bestimmt nicht ihr letztes Tattoo.

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