Die Zahlen sind erschreckend. Jeder fünfte Mitarbeiter hat in seiner beruflichen Laufbahn eine – meist leichtere – psychische Krankheit. Ein Drittel gibt an, dass deshalb ihre Produktivität am Arbeitsplatz reduziert ist. Das Problem: Oft erkennt man eine psychische Störung nicht. Der Mensch kann trotzdem funktionieren, trotzdem arbeiten. Und plötzlich kann ein Ereignis (Chefwechsel, schwierige Situation) ihn in eine Krise stürzen.

Die Folgen sind fatal. Für den betroffenen Mitarbeiter und auch für die Chefs und das Team des Betriebes. Zudem nehmen die psychiatrischen IV-Renten zu, und die Folgekosten von psychischen Krankheiten belaufen sich in der Schweiz laut Schätzungen auf 20 Milliarden Franken. Und trotzdem sind psychische Störungen von Mitarbeitern bisher zu wenig Thema.

Man spricht zwar über Stress auf der Arbeit, nur selten aber über psychische Krankheiten.
Aus diesem Grund hat die Hochschule Luzern und die Psychiatrie Baselland eine grosse Untersuchung durchgeführt. Gestern stellten sie die Ergebnisse den Medien vor.

In «Der tägliche Wahnsinn» schildern erstmals Deutschschweizer Führungskräfte, wie sie psychisch auffällige Mitarbeiter erleben, wie sie damit umgehen und was sie daraus lernen. Es wurden 1524 Führungskräfte befragt, und nahezu jede Führungsperson kennt solche belastenden Situationen.

Bei den Ergebnissen zeigt sich, es geht nicht um Bagatellen, sondern um schwerwiegende und manchmal sogar dramatisch verlaufende Geschichten. In 80 Prozent der Fälle wird das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Bei 2,5 Prozent führen die Probleme zum Tod, fast immer durch Suizid. Die psychischen Probleme: Depressionen, Impulsivität, fehlende Kritikfähigkeit, Ängste.

Auf die Frage, ob die Probleme erst durch eine Überbelastung durch Arbeit auftauchten, sagt der Basler Psychologe und Haupt-Studienautor Niklas Baer: «Drei Viertel aller psychischen Störungen beginnen vor dem 25. Lebensjahr und somit nicht selten vor dem Eintritt ins Erwerbsleben.» Die Gesellschaft sehe das Thema Burnout verkürzt, ein Burnout entstünde nicht bloss wegen der Arbeit.

Erst Eskalation, dann Erkenntnis

Um es den Führungskräften zu erleichtern, sollten sie die Geschichte teilweise mit Begriffen aus der Filmwelt beschreiben. So sollten sie ihren Mitarbeitern etwa Spitznamen geben. «Angry Bird, Mr. Chaos und Koksi, und viele mehr.» «Diese sind nicht sehr freundlich», sagt Baer. «Sie zeigen deutlich die Belastung für die Führungskräfte.»

Es handle sich oft nicht um Probleme am Arbeitsplatz, sondern von zu Hause. Ehe, Familie, Sucht. Ein Hauptproblem sieht Baer im zu späten Erkennen des Problems: «Chefs werden sich des Problems erst bewusst, wenn es eskaliert.» Nach einem Konflikt oder sogar erst nach der Krankschreibung des Mitarbeiters. Die Hauptlösung: Kündigung.

Er schildert ein Dilemma: Die Chefs geben zwar an, dass es ihnen helfe, wenn der Mitarbeiter die Probleme offenlegen würde (über 90%). Doch gleichzeitig sagen 60 Prozent, sie würden Mitarbeiter sicher oder eher ablehnen, wenn sie beim Vorstellungsgespräch auf ihre psychischen Probleme hinweisen. «So kann man nicht verlangen, dass sich die Mitarbeiter mit Problemen outen», sagt Baer. «Diese Geheimnistuerei um psychische Krankheiten müssen wir ändern.»

Neben der Tabuisierung gibt es weitere Erkenntnisse: Einerseits würden Fachpersonen wie Psychiater, Personalverantwortliche, Case Manager von Krankentaggeld-Versicherungen und IV-Stellen zu selten involviert werden. Und wenn, dann zu spät. Dann, wenn die Geduld schon erschöpft sei. Andererseits würden Chef und Mitarbeiter alleine gelassen.

Chefs sind überfordert, haben zu wenig Hilfestellungen. Baer glaubt, freiwillige Massnahmen und Appelle genügen nicht. Arbeitgebeber sollen sich stärker an den Krankentaggeldkosten beteiligen und das Problem nicht einfach abschieben. Zudem solle es für Betriebe verpflichtend sein, dass HR und Führungspersonen geschult werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen.

Als positives Beispiel stellte der Personalchef der SBB, Peter Jordi, die Gesundheitsstrategie seines Betriebes vor. Mit 33'000 Mitarbeitern ist die SBB die viert- grösste Arbeitgeberin in der Schweiz. Gemäss Studienautoren zeigt sie grosse Verantwortung im Bereich «Gesundheit der Mitarbeiter». Die SBB hat pro Jahr 1600 Langzeitausfälle, das sind 5 Prozent aller Mitarbeiter. Ein Langzeitausfall ist, wer länger als drei Monate ausfällt.

Psychische Probleme hätten insbesondere die jüngeren Mitarbeiter (bis 40), bei den Älteren nähmen die körperlichen Ursachen zu, die psychischen ab. «Nachdem wir Mitarbeitern iPhone und iPad zur Verfügung stellten, nahm der Erschöpfungszustand zu», gibt Jordi ehrlich an.

Auch er sieht die Arbeitgeber mehr in der Pflicht. Und bemängelt, dass das HR oft nicht präsent sei. Seine Erkenntnisse: Führungspersonen müssen keine Therapeuten sein, sondern schnell Hilfe holen. Er will eine Enttabuisierung – man solle über psychische Probleme so reden können, wie über einen Beinbruch.