Rund 11 000 Schwangerschaftsabbrüche werden seit Inkrafttreten der Fristenregelung im Jahr 2002 in der Schweiz pro Jahr registriert. Über das Profil der betroffenen Frauen ist einiges bekannt: Die Kantone müssen Datum und Methode des Abbruchs erfassen und Angaben zur Dauer der Schwangerschaft bis zum Abbruch, zum Alter der Frau und zum Wohnkanton an das Bundesamt für Statistik (BFS) schicken.

So lässt sich das Klischee leicht entkräften, dass vorwiegend ganz junge, unbekümmerte Frauen ungewollt schwanger werden und abtreiben: Nur 9 Prozent der Abtreibungen gingen im Jahr 2012 auf das Konto der 15- bis 19-Jährigen. Die meisten Abtreibungen werden an Frauen zwischen 20 und 35 vorgenommen (siehe Tabelle). Ab dem 40. Geburtstag werden Schwangerschaftsunterbrüche seltener: 8 Prozent der Abtreibungen betrafen Schwangerschaften bei 40- bis 44-jährigen Frauen.

Die 18 Eingriffe, die im Jahr 2012 an unter 15-jährigen Mädchen durchgeführt wurden, erscheinen in der Statistik als «0 Prozent».

Ein Drittel ist verheiratet

Einige Kantone erheben freiwillig zusätzliche Merkmale wie Bildungsstand, Nationalität oder Zivilstand. Letztmals im Jahr 2011 hat das BFS diese Zusatzangaben auf die ganze Schweiz hochgerechnet und publiziert. Diese Daten geben Einblick in die Lebenssituation der Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschliessen. Knapp die Hälfte von ihnen lebt mit einem Partner oder Freund zusammen. Fast ein Drittel ist verheiratet. Die Hälfte hat einen Schweizer Pass.

Wenige Kantone erfassen auch Daten zu bereits vorhandenen Kindern der Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch machen. Gemäss Hochrechnung des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2010 betrug der Anteil der Mütter unter den betroffenen Frauen 48 Prozent. Dieser Anteil sei stabil geblieben, sagt Sylvie Berrut vom BFS.

Neuere Zahlen dazu sind aus dem Kanton Bern verfügbar, der schon seit 1981 eine detaillierte Statistik zu den Abtreibungen führt. Der Anteil der Mütter lag im Kanton Bern in den vergangenen Jahren stets bei knapp 50 Prozent. Die meisten hatten mehr als ein Kind (siehe Tabelle).

Ein weiteres Kind geht nicht

Christian Fiala, der in Wien eine Abtreibungsklinik führt, spricht ebenfalls von «50 bis 60 Prozent» Müttern unter den betroffenen Frauen in Österreich. Der Arzt sagt, dass sich diese Frauen eben gerade wegen ihrer konkreten Erfahrung mit Kindern und weil sie wissen, was das Leben mit Kind bedeutet, für einen Abbruch entscheiden. «Frauen treffen die Entscheidung zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft, weil sie sich nicht imstande sehen, ein (weiteres) Kind verantwortungsvoll ins Leben zu begleiten», sagt Fiala.

Häufig spielt auch der grosse Altersabstand zu den anderen Kindern eine Rolle, wie Paar- und Familientherapeut Thomas Hüni ausführt. Der Co-Leiter der aargauischen Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität sagt: «Sind die anderen Kinder schon relativ gross, stehen die Eltern in ihrer Lebensplanung an einem ganz anderen Punkt. Sie müssten ganz von vorne anfangen.» Auch die finanzielle Situation und der Zustand der Paarbeziehung können die Entscheidung beeinflussen. «Ohne grosse Not entscheidet sich niemand für eine Abtreibung», hält Hüni fest.

Psychischer Konflikt

Für die Befürworter der Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache», über die im Februar abgestimmt wird, gehören die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch nicht in den Leistungskatalog der obligatorischen Krankenversicherung, weil Schwangerschaft keine Krankheit sei. Therapeut Hüni legt den Fokus anders: «Schwangerschaft ist
keine Krankheit. Aber ein Schwangerschaftskonflikt ist ein tiefer psychischer Konflikt und deshalb auch behandlungsbedürftig wie ein Burnout.»