Psychologie

Je häufiger Kinder umziehen, desto mehr leiden sie später

Es wirkt entwicklungshemmend, wenn Kinder ständig umziehen müssen. Sie werden immer wieder von neuem entwurzelt.

Es wirkt entwicklungshemmend, wenn Kinder ständig umziehen müssen. Sie werden immer wieder von neuem entwurzelt.

Eine neue Studie zeigt, wie belastend Umziehen für die Psyche der Kinder wirklich ist.Mit jedem Umzug in jungen Jahren steigt das Risiko, als Erwachsener psychische Probleme zu haben.

«Da haben wir auch mal gewohnt», sagt der Freund. Eine Strasse weiter: «Dann sind wir in diese Wohnung gezogen.» Schliesslich verliess die Familie die Stadt komplett, um sich 300 Kilometer weiter südlich niederzulassen. Sechs Mal ist die Familie insgesamt umgezogen, bis der Freund dann selber auszog. In sein siebtes Zuhause.

Leute, die seit ihrer Geburt immer am selben Ort gelebt haben, in derselben Strasse, im selben Haus, können das nicht nachvollziehen. Sie haben den Nachbarn beim Altern zugeschaut, kennen jeden Riss an der Decke und erachten jede Veränderung im Haus als Angriff auf die vergangene Kindheit. Ihre Eltern leben noch da. Und sie kehren immer wieder in das Heim zurück, das sie einst mit Babybrei bekleckert haben.

Vielleicht ist Umziehen ein Stadt-Land-Phänomen. Will heissen: In ländlichen Gebieten, in denen Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser mehr verbreitet sind, bleibt man eher am selben Ort wohnen als in Städten. Aber vor allem ist es eine Frage der Zeit. Die Zeiten, in denen Menschen ihr ganzes Leben an dem Ort verbrachten, wo sie geboren wurden, sind vorbei. Im Zuge der Globalisierung der Arbeitswelt müssen Familien zunehmend mobil und flexibel sein. Wir wechseln öfters den Job, ziehen für eine Liebe in eine andere Stadt oder glauben, dass es woanders besser ist.

Sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden, bedeutet Stress. Insbesondere für Kinder. Denn sie müssen mit, ob sie wollen oder nicht. Was kennen wir für dramatische Filmszenen: Ein Kind sitzt traurig auf der Rückbank eines mit Koffern vollbepackten Autos und seine Freunde winken und fahren dem verlorenen Freund mit dem Velo hinterher.

Belastung massiver als gedacht

Psychologen wissen schon länger, dass häufiges Umziehen für viele Kinder gravierende Einschnitte sind und sich das im Erwachsenenalter negativ auswirken kann. 2010 zeigte eine Studie unter 7108 erwachsenen US-Amerikanern, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen häufigem Ortswechsel in der Kindheit und dem Wohlbefinden später. Kinder, die häufig umziehen, kommen in der Schule nicht so gut mit und haben mehr Verhaltensschwierigkeiten. Sie hatten weniger enge soziale Beziehungen. Dies unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildungsstand.

Nun zeigt eine aktuelle Studie mit einem enormen Datensatz, wie massiv die Belastung wirklich sein kann und welche psychischen Probleme daraus folgen können. Die Forscher um Roger Webb von der University of Manchester haben bewiesen: Mit jedem Umzug im Kindesalter erhöht sich das Risiko, als Erwachsener gewalttätig, psychisch krank oder drogenabhängig zu werden.

Ihre Studie veröffentlichten sie im «American Journal of Preventive Medicine». Die Wissenschafter haben die Daten von knapp 1,5 Millionen dänischer Kinder gesichtet, die zwischen 1971 und 1997 geboren wurden. Sie setzten die Anzahl der Umzüge im Kindsalter in Verhältnis zum Wohlbefinden als Erwachsener – wie oft wurde es später gewalttätig, als drogenabhängig registriert oder als psychisch krank diagnostiziert.

Die Kinder litten umso mehr, je öfter sie umgezogen und je älter sie waren. «Das höchste Risiko für spätere psychische Probleme hatten jene, die im Alter von 12 bis 14 Jahren umgezogen sind», schreiben die Autoren. Mit jedem Umzug und dem Alter der Kinder stieg das Risiko im Erwachsenenalter durch einen Unfall oder durch gesundheitliche Probleme zu sterben. Gemäss den Forschern machte das Verhältnis (sozialer oder finanzieller Stand der
Eltern), in denen das Kind lebte, keinen Unterschied. Der Zusammenhang zwischen Umzügen und späteren psychischen Problemen war immer gleich stark.

Hans-Peter Schmidlin vom Schulpsychologischen Dienst des Kantons Aargau glaubt, dass es sicherlich auch auf den Grund des Umzugs ankommt: Jobwechsel, Trennung oder soziale Gründe. Aus kinderpsychologischer Sicht weiss er, wie schwierig ein Wechsel sein kann. Die Kinder würden entwurzelt, gehörten nicht von Anfang an dazu, hätten ein anderes Schulsystem, neuen Stoff und müssten sich immer wieder anpassen.

Dass es Kinder im Pubertätsalter besonders hart trifft, kann er gut nachvollziehen. Es geht in diesem Alter nicht nur um die Identitätsfindung, sondern auch um die Berufsfindung. «Oft ist man in dem Alter orientierungslos und möchte sich nicht alles von den Eltern sagen lassen. Wenn dann eine ‹Peergroup› (eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen) fehlt, ist es umso schwerer», sagt Schmidlin. Die Gefahr, später psychisch darunter zu leiden, ist laut dem Psychologen gegeben.

Eltern und Schule sind gefragt

«Wenn der ausserhäusliche Raum unsicher wird, haben Kinder und Jugendliche Mühe, selbstbewusst zu werden», sagt auch der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming. Eine Entwicklung bleibe unfertig. «Wichtige Grundlagen fehlen ihnen dann, um soziale Situationen im Erwachsenenalter zu bewältigen», sagt der Leiter der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP). Kinder, die häufig umziehen, müssen viel Energie in die Anpassung stecken.

«Eltern sollten den Kindern so viel Sicherheit und Zuverlässigkeit wie möglich garantieren», erklärt Schmidlin. Sie sollten sich darum kümmern, dass die Kinder sich integrieren – in der Freizeit einen Verein finden, neue Freunde. Aber auch die Schule müsse sich Zeit nehmen, die Integration der Kinder zu unterstützen. Lehrer sollten die Willkommenskultur von neuen Schülern auch in der Klasse thematisieren. Sodass es dem «Neuling» so leicht wie möglich gemacht wird.

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