Arbeiterführer und SP-Nationalrat Robert Grimm (1881–1958) war 1918 Stratege des Landesstreiks, zuvor Weggefährte und zugleich Kritiker Lenins, als sozialistischer Internationalist Veranstalter der «welthistorischen» Konferenzen von Zimmerwald und Kiental, 1917 an der Seite von Bundesrat Hoffmann geheimer Aussenpolitiker, später Berner Baudirektor und Direktor der Bern–Lötschberg-Bahn, dazu als charismatischer Redner fast lebenslanger Präsident der Berner SP.

Wie Christoph Blocher, der den gebürtigen Zürcher Oberländer aus Wald dieser Tage auf seine Weise würdigte, verkörperte Grimm über Jahrzehnte das Feindbild seiner politischen Gegner. Gegen die Wahl des Jahrhundertpolitikers zum Nationalratspräsidenten wurde 1925 ähnlich erfolgreich intrigiert, wie es der SVP-Politiker bei seiner Abwahl aus dem Bundesrat selber erlebte. Und für die oberste Landesbehörde kamen Schweizer Linke mit revolutionärer Vergangenheit, wie Robert Grimm oder Schaffhausens Stadtpräsident Walther Bringolf (der 1959 scheiterte, als Hans-Peter Tschudi gewählt wurde), schon gar nicht infrage.

Bestseller aus dem Gefängnis

Wie im 19. Jahrhundert der liberale Revolutionär Jakob Robert Steiger (1801– 1862) gingen Grimm und Bringolf für ihre politischen Überzeugungen ins Gefängnis. Bringolf in den Badener Stadtturm, Grimm in die Festung Blankenburg. Als Gefangener vollendete er an Weihnachten 1919 eine der bis heute besten populären Darstellungen unserer nationalen Geschichte, nämlich die «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen». Trotz weltanschaulicher Einseitigkeiten ist dies eine grosse Erzählung der Schweiz, wie sie in dieser Anschaulichkeit seit dem grossen Schulbuchverfasser Heinrich Zschokke (1771–1848) nicht mehr geleistet worden war. Dabei hatte sich Zschokke als helvetischer Kommissar 1798 genau so wie 1830 und noch bei der Klosteraufhebung im Aargau 1841 ebenfalls als Revolutionär betätigt.

Dass in der Schweiz der revolutionäre Weg nicht der richtige ist, bestätigte sich wahrscheinlich nie so deutlich wie 1918 beim Landesstreik. Es stimmt wohl: Die Schweiz kann Revolutionen nicht gebrauchen. Sehr wohl aber Revolutionäre, wie den von Zschokke und Robert Grimm für die Schweizer Geschichte entdeckten politischen Erwecker Rousseaus, den 19 Jahre lang in Einzelhaft auf der Aarburg eingekerkerten Jacques Barthélemy Micheli du Crest (1690–1766), in Genf der Erfinder der direkten Demokratie bei der Landesverteidigung und grossen Bauvorhaben.

Robert Grimm? Wer ist das?

Dass den Schweizer Nelson Mandela fast niemand kennt, passt zu einem Gespräch, das ich vor 20 Jahren mit einer Aargauer SP-Grossrätin führte. «Wer ist Robert Grimm?», war ihre Frage, welche zur Zeit, als Kurt Wernli als gewählter Regierungsrat aus der SP ausgeschlossen wurde, einen Wechsel im Geiste andeutete. Regierungsrat Arthur Schmid, dessen Vater mit Grimm noch dem Oltner Generalstreik-Komitee angehört hatte, Verfassungsratspräsident Ernst Haller und Arbeiterschriftsteller Karl Kloter, hatten Robert Grimm noch persönlich gekannt.

Grimm seinerseits, der viel für Literatur übrig hatte, schrieb das Vorwort zum Roman «Barbara, die Feinweberin – Eine Lebensgeschichte aus dem Zürcher Oberland» aus der Feder seines Weggefährten Otto Kunz (später Redaktor der «Freien Innerschweiz»). Otto Kunz war wie der spätere Zürcher SP-Regierungsrat Jakob Baumann im Textilarbeitermilieu von Wald aufgewachsen. Dort wurde am 16. April 1881 auch Robert Grimm geboren, als Sohn eines Schlossers und einer Textilarbeiterin.

Der Autodidakt Robert Grimm trat in jungen Jahren eine Lehre als Typograf an. Wegweisend wurde auch die Begegnung mit der um sechs Jahre älteren geschiedenen jüdischen Kommunistin Rosa Schlain, mit der er sich um die Zeit ihrer zweiten Scheidung auch politisch stritt. Die Russin Schlain hatte schon 1891 als eine der ersten Studentinnen in Bern Philosophie studiert, propagierte nach der Trennung von Grimm aber im kommunistischen «Vorwärts» die Linie von Lenin und Trotzki, während sich Grimm in der Berner «Tagwacht» zunehmend von der leninistischen Linie entfernte. Lenin beschimpfte ihn deswegen als «Canaille». Insofern scheint es doch daneben, wenn Blocher Grimm die unsäglichen Menschenopfer des Sowjet-Kommunismus und dessen katastrophale Folgen anlasten will.

Im Zusammenhang mit dem Generalstreik hätte Blochers Redenschreiber zumal die Studien von Willi Gautschi (trotz dessen Fehleinschätzung des keineswegs senilen Generals Ulrich Wille) genauer konsultieren müssen. Gautschi zeigte auf, dass für Grimm und das Oltner Komitee mit dem ebenfalls besonnenen Arthur Schmid sen. sich die Frage stellte, ob man bei der Ausrufung des Generalstreiks das Heft in der Hand behalten oder das Gesetz des Handelns den radikaleren Zürchern überlassen solle. Dass Moskau die Hände im Spiel gehabt hätte, war eine verschwörungstheoretische Spekulation und ist historisch so gut wie ausgeschlossen.

Revolutionäre Situation?

Es bleibt freilich richtig, dass Grimm und Genossen im Spätherbst 1918 die Machtfrage stellten. Dabei konnten sie sich durchaus auf eine Basis in der Masse stützen. Hintergrund war eine kriegsbedingte Teuerung von gegen 230 Prozent, die nicht mit Lohnerhöhungen kompensiert worden war und die zu einer starken Spannung zwischen Arbeiterschaft und Bauernsame geführt hatte. Grimm war sich dieser während der Streikaktionen durchaus bewusst. Was das Militär betraf, so erwiesen sich Grimms Hoffnungen auf eine Solidarisierung der Soldaten mit den Streikenden früh als Illusion: «Die Truppen waren gegen uns feindselig gesinnt. Aufgrund unserer Berichte mussten wir feststellen, dass die Truppen nicht auf unserer Seite standen.»

Robert Grimm und auch die damals noch nicht endgültig voneinander getrennten Sozialisten und Kommunisten gelangten aufgrund der drohenden Verelendung der Arbeiterschaft zur Meinung, es sei nun auch für die Schweiz – wie damals für Deutschland – eine revolutionäre Situation gegeben. Der Zeitpunkt für eine wesentliche Wende schien gekommen. Es würde die bedeutendste sein seit 1848. Allerdings wurde die damals keineswegs durch die anarchisch-revolutionären Freischarenzüge herbeigeführt.

Sterben oder nach Hause gehen?

So konnten denn Grimm und Genossen die Losung durchgeben: «Kämpfend zu sterben oder sterbend unterzugehen. (. . . )  Nun geht der Kampf nicht mehr bloss um den Achtstundentag und Zurückziehung des Militäraufgebots, es geht um die grossen politischen Forderungen. (. . .) Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte der schweizerischen Demokratie, dessen Bedeutung nicht hinter derjenigen des Jahres 1830 und 1848 zurücksteht. Diesmal steht, zum erstenmal in der Geschichte – die Arbeiterschaft, der vierte Stand, als einzig vorwärts treibende Kraft im grossen Strom der Ereignisse und der politischen Erneuerung. Die Zeit ist für uns! Wir sind unüberwindlich!»

Die Gemässigten von damals, so der Walliser Karl Fellberg und der spätere Bundesrat Ernst Nobs (Zürich), sahen es indes kritisch: «Das Aktionskomitee hat seinen Streikaufruf mit den Worten geschlossen: ‹Kämpfend siegen oder sterbend untergehen› – nach zwei Tagen haben die Genossen den Kampf abgebrochen, sie haben weder kämpfend gesiegt, noch sind sie sterbend untergegangen, sondern sie sind lebend nach Hause gefahren. (. . .) Das Aktionskomitee hat uns mit seinem Streikaufruf in die Sackgasse geführt. Sie glaubten, es gehe aufs Ganze. Und nun dieser Ausgang!»

Politische Gedenkveranstaltungen, seien es solche mit Christoph Blocher oder 1.-Mai-Feiern, eignen sich schlecht zur Demonstration historischer Wahrheit und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit blieb aber durchaus ein Anliegen von Robert Grimm, zum Beispiel in seinem epochalen Buch «Geschichte der sozialistischen Ideen in der Schweiz» (1931). Er erweist sich hier nicht bloss als Marx-Anhänger. Ganz im Gegensatz zu Lenins rechthaberischer Schreibweise werden liberale, linksliberale und sogar christlich-soziale Ideen als anregend referiert, zum Beispiel die Gedanken des französischen Priesters Félicité de Lamennais, dem wohl bis heute bedeutendsten katholischen Sozialdenker aus der Zeit von Marx.

Über alles gesehen gebührt – unter Berücksichtigung der historischen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg und im Vorfeld der Hitlerzeit – Robert Grimm als einem der bedeutendsten und besonnensten Sozialdemokraten ein Ehrenplatz in der Geschichte der schweizerischen Freiheit.