Kleider

Jackie trug das rosa Kostüm von Chanel – oder die Kulturgeschichte der Kleidung

«Love Field» heisst das Flugfeld, der Ort ist Dallas. Das Kostüm der First Lady ist schon jetzt sichtbarer als der Körper des Präsidenten. Er wird den Tag nicht überleben. Das Kostüm irgendwie schon.

«Love Field» heisst das Flugfeld, der Ort ist Dallas. Das Kostüm der First Lady ist schon jetzt sichtbarer als der Körper des Präsidenten. Er wird den Tag nicht überleben. Das Kostüm irgendwie schon.

Sie machen Leute, sagt man. Manchmal machen Kleider vielleicht auch Geschichte – sicht- und erinnerbar. Erst die Kleider machen den menschlichen Körper «lesbar». Sie sind die Zeichen, welche Status, Habitus und Selbsteinschätzung sichtbar machen.

Es gibt viel zu entdecken. Nein, nicht fremde Länder. Weisse Flecken auf den Landkarten gibt es nicht mehr viele. Denn erforscht worden ist weit mehr als entdeckt. Warum das? Weil «ent-decken» eben auch das Gegenteil von «be-decken» ist. Irgendwelche Bedeckungen entfernen kann man immer.

Die am häufigsten vorkommenden Bedeckungen heissen allerdings nicht so, sondern Kleider. Kleider be-decken so gut, dass man fast vergessen hat, dass sie das tun. Sie haben auch den Menschen «gemacht», behaupten zwar nicht Paläoanthropologen, aber Theologen.

Als die Kleider in die Welt kamen, war das verbunden mit verbotenem Obstverzehr und dem Erkennen der eigenen Nacktheit, der Scham. Eine nicht gerade rühmliche Geschichte. Aber nichtsdestotrotz bleibt der Mensch das einzige Tier, das sich bedeckt. Ihm reicht die eigene Haut nicht. Deshalb wünscht er sich ein Fell. Oder er wünscht sich wenigstens das Fell herunter, wie der Affe Rotpeter in Franz Kafkas Geschichte «Bericht für eine Akademie». Natürlich, damit er Kleider tragen kann, wie man das in der kultivierten Menschenwelt tut.

Was du anhast, sagt, wer du bist

«Kleider machen Leute», behaupteten der Volksmund und Gottfried Keller in seiner berühmten Novelle. Mittlerweile stimmt nur noch der Umkehrsatz: Leute machen Kleider. Die Textilindustrie ist aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte nicht wegzudenken. Die Baumwolle verhalf England zum Grossmachtstatus, vielleicht sogar zum Empire. Ohne Baumwolle wahrscheinlich keine Industrie, kein Kapitalismus; die Textilindustrie machte mindestens indirekt auch uns Schweizer reich: Wir bauten die besten Spinn- und Webmaschinen und verkauften sie überall hin. Und mittlerweile sollten wir uns schämen, unter welch unwürdigen Bedingungen irgendwo auf der Welt, die wir meist die Dritte nennen, Kleider produziert werden.

Der Umkehrsatz war unumgänglich, aber er lenkt auch ab. Zurück zu den Kleidern. Erst die Kleider machen den menschlichen Körper «lesbar». Sie sind die Zeichen, welche Status, Habitus und Selbsteinschätzung sichtbar machen. Kleider machen nicht mehr Leute, aber ohne Kleider ist man nichts. Wobei «ohne Kleider» «keine Kleider» explizit ausschliesst. Auch nackt ist man «angezogen». Gegen das Pelztragen demonstriert man nackt.

Das ist eine der vielen Aporien, in die uns das Kleidertragen führt. Es gibt noch viele andere. Die 50 Kurzessays, unter dem Titel «Von Kopf bis Fuss» zusammengefasst, lassen weitere entdecken. Die vielleicht überraschendste Ent-deckung, die das kurzweilige Buch bietet, ist die: Schmücken kommt vor Bedecken. Also nichts mit funktional und Schutz vor Kälte und Unbill. Urvölker in allen Gegenden hätten bestätigt, dass der Trieb, den Körper zu schmücken, dem Menschen fundamentaler sei. Das Tätowieren dürfte dafür sprechen. Aber der Beweis wirkt seltsam plump. Weil ja Kleider wirklich (fast) immer mehr sind als nur eine Bedeckung oder etwas Wärmendes oder Schützendes.

Hätte es den Schuh gebraucht?

Bevor Kleider irgendetwas anderes sein können, sollten sie «schön» sein. Das behauptet wenigstens das Märchen. Aschenputtel liefert den Archetyp. Aschenputtel hätte das Zeug zu mehr, aber es muss schmutzige Kleider tragen und die Linsen aus der Asche klauben. Ein kleiner Vogel und ein Bäumchen verhelfen Aschenputtel zu einem so schönen Kleid aus Silber und Gold, dass Stiefmutter und -schwestern das Aschenputtel gar nicht erkennen.

Kleider machen im Märchen nicht Leute, sondern einen Identitäts-Shift. Schliesslich kriegt Aschenputtel seinen Prinzen. Wie der Hauptmann von Köpenick kurzfristig die Staatskasse kriegte. Wobei es bei ihm nicht die Schönheit war, welche die Kleider eigentlich ja nur von aussen her sichtbar machten. Die «schönen Kleider» machten nur offenbar, dass Aschenputtel auch von innen «schön» war. Denn der Prinz erkannte es auch ohne Garderobe, obwohl er nicht ganz ohne Behelf auskam. Immerhin musste der Schuh passen. Wilhelm Voigt, dem Schuster, verhalf die Hauptmannsuniform eben gerade nicht dazu, seine «innere Schönheit» zu offenbaren, sondern sie machte ihn zum Kleiderständer. Es war die Uniform, welche die 20 Mann dazu brauchte, das Rathaus zu besetzen, nicht das «Fluidum», welches Voigt eben gerade nicht ausstrahlen konnte.

Gagarin vor dem Kleiderkasten

Während die Szene sprichwörtlich ist, bei der die junge Frau vor dem Kleiderkasten verzweifelt, weil sie nicht weiss, was sie anziehen soll – es wird dann manchmal «das kleine Schwarze» sein müssen –, verschwendete man kaum einen Gedanken, wie man den ersten Mann im Weltraum anziehen sollte. Er bekam schliesslich einen komischen Pyjama mit einem so unpraktisch angeschraubten Helm, dass er aus seiner Kapsel fast nichts sah. Von wegen majestätischer Erscheinung. Und damit er nach der Landung auch nicht der Lynchjustiz irgendwelcher «Leute vom Lande» zum Opfer fiel – schliesslich war kurz zuvor der amerikanische Pilot Gary Powers mit seiner U-2 abgeschossen und gefangen genommen worden –, pinselte man noch schnell «CCCP» mit roter Farbe auf seinen Helm.

Frauen trugen immer Chanel

«Das kleine Schwarze» stammt von Coco Chanel. Wobei man hier nicht fragen darf, wer es erfunden hat, denn es lag gewissermassen «in der Luft». Ebenfalls von Chanel stammt auch das rosa Kostüm, das Jackie Kennedy am 22. November 1963 in Dallas trug. Wie ein Lichtpunkt bewegte es sich durch die turbulenten Ereignisse jenes Tages.

Jackie trug rosa

Man sieht es auf den Bildern, die das Präsidentenpaar beim Eintreffen in Dallas zeigen; man sieht es – als Farbfleck fast nur –, wenn Jackie nach den Schüssen auf das Hinterdeck des Autos kriecht; man sieht es auf dem berühmten Foto der Vereidigung von Lyndon B. Johnson in der Air Force 1 – eine wirkungsvollere visuelle Klammer gibt es fast nicht. Das Blut des Ehemanns und Präsidenten auf dem – sieht man von der Farbe ab – eher schlichten Kostüm; eigentlich wäre es gar nicht mehr nötig.

Christine Kutschbach/Falko Schmieder (Hg.): Von Kopf bis Fuss. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Kadmos Verlag Berlin 2015. 335 S., Fr. 32.40.

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