Kakao-Anbau

Ja, für uns arbeiten Kinder: Geständnis eines Schokolade-Riesen

Kinderarbeit ist wegen fallender Kakaopreise wieder vermehrt zum Thema geworden. (Symbolbild)

Kinderarbeit ist wegen fallender Kakaopreise wieder vermehrt zum Thema geworden. (Symbolbild)

Der grösste Kakaoverarbeiter der Welt gibt offen zu, dass er von Kinderarbeit betroffen ist. Kakaobauern leiden unter der grössten Preiskrise seit Jahren. Warum das Geschäft mit Schokolade noch immer ein schmutziges ist.

Es begann mit einer dramatischen Ankündigung. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schrieb im November 2014, uns gehe der Kakao aus: 2020 betrage das Defizit eine Million Tonnen. Sie bezog sich auf Zahlen grosser Hersteller wie Mars und Barry Callebaut, dem grössten Kakaoverarbeiter der Welt mit Sitz in Zürich. Das Thema beherrschte die Schlagzeilen. Einhellige Meinung: Sie müssen jetzt ganz stark sein. Uns geht der Kakao aus.

Die Panik ist geschmolzen wie ein Stück Schokolade auf der Zunge. In der Saison 2016/2017 fuhren die Kakaobauern eine Rekordernte ein: 4,748 Millionen Tonnen. Das sind 300'000 Tonnen mehr, als danach verarbeitet wurden. Die International Cocoa Organisation hat diese Zahlen vor kurzem publiziert. Auch für dieses Jahr rechnet sie mit einem Überschuss. Gleichzeitig ist der Preis für Kakao eingebrochen, was Bauern noch tiefer in die Armut und wohl mehr Kinder zur Arbeit auf Plantagen zwingt.

Geht uns der Kakao aus? "Quatsch"

So sehr wir Schokolade lieben – niemand hat einen höheren Pro-Kopf-Konsum als die Schweiz – so traurige Geschichten verstecken sich im Kakaogeschäft. Die Schokoladenindustrie muss sich unbequeme Fragen gefallen lassen: Wieso ist der Kakao-Preis kollabiert, obwohl uns der Kakao angeblich ausgeht? Warum müssen mehr Kinder denn je unter widrigsten Bedingungen im Kakaoanbau schuften? Und wieso helfen selbst Nachhaltigkeitslabels den Bauern nicht aus bitterer Armut?

"Das Szenario, dass uns der Kakao ausgeht, ist Quatsch", sagt Friedel Hütz-Adams. Der Kakao-Experte arbeitet beim deutschen Südwind-Institut, das sich für eine gerechtere Wirtschaft einsetzt. Die Zahlen geben ihm Recht. Entgegen allen Prognosen ist der Kakaobedarf zwischen 2012 und 2016 praktisch nicht gestiegen. Erst 2017 kam der Anstieg. Hütz-Adams kennt den Grund: "Die Firmen haben sich eingedeckt, weil der Kakao so schön billig war."

Der Preisverfall begann im Spätsommer 2016. Die Kurve kannte nur eine Richtung, bis sie 2017 auf tiefem Niveau stagnierte. Von etwas über 3000 Dollar pro Tonne rasselte der Preis in die Tiefe, lag zeitweise unter 2000 Dollar. Die Ernte war dank günstiger Wetterbedingungen massiv höher ausgefallen als erwartet.

Bauern im Elend

Minus ein Drittel – am Finanzmarkt spräche man von einem Crash. Das war selbst für den schwankungsanfälligen Kakaomarkt ein herber Ausschlag. 1000 Dollar weniger bei einer Jahresernte von rund 4,5 Millionen Tonnen ergeben einen Wertverlust von 4,5 Milliarden Dollar. Unter dem Druck des Weltmarktpreises musste die nationale Kakaobehörde der Elfenbeinküste, die für einen stabilen Preis im Land zuständig ist, den Mindestpreis auf umgerechnet 1,067 Euro pro Kilo senken. Eine Katastrophe für die Bauern im mit Abstand grössten Kakaoland.

Nicht, dass die Bauern vor dem Preiskollaps gutes Geld gemacht hätten. Vom Preis einer Tafel Schokolade erhält ein Bauer etwas mehr als sechs Prozent (siehe Grafik). In den 80er-Jahren waren es noch 16 Prozent.

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Der Anteil des Kakaos am Endverkaufspreis sinkt seit Jahrzehnten. Ein Grund: Unternehmen mengen ihren Süsswaren weniger Kakao bei. Toblerone hatte in Grossbritannien plötzlich drei Gipfel weniger. Nutella enthält seit letztem Jahr weniger Kakao, dafür mehr Milch und Zucker, fand die Verbraucherzentrale Hamburg heraus. Eine von Barry Callebaut in Auftrag gegebene Studie kam zum Schluss, dass Bauern in der Elfenbeinküste weniger als einen Euro pro Tag verdienen, was weit unter der Armutsgrenze ist. Das war vor dem Preisverfall.

Miki Mistrati kann sich denken, wohin das führt: zu mehr Kinderarbeit. "Bauern werden gezwungen, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren. Kinder sind der günstigste Weg", sagt der dänische Filmemacher, der 2010 mit dem Dok-Film "Schmutzige Schokolade" berühmt wurde. Hütz-Adams kennt das Problem. Er erzählt von einer Tagung über die Situation im Kakaosektor im Mai 2017 in der ivorischen Stadt Abidjan: Plötzlich erhob sich eine Frau im Publikum, eine Bäuerin. "Sie war wutenbrannt", erinnert sich Hütz-Adams. "Die Frau sagte: 'Ich kann das Gerede über Kinderarbeit nicht mehr hören. Wenn ich den Kakaopreis anschaue, werde ich nächste Saison keine Chance haben, erwachsene Helfer einzustellen. Ich muss die Kinder aus der Schule nehmen'."

Der Weltmarktpreis nimmt keine Rücksicht auf existenzsichernde Einkommen. Die Bauern sind machtlos: Gerade in den grossen Anbaugebieten in Westafrika sind sie schlecht organisiert. In der Schweiz sorgt der mächtige Bauernverband für das Wohl der Landwirte. In der Elfenbeinküste vermögen Bauern kurz vor der Ernte keine drei Mahlzeiten.

Wie hoch der Preis sein müsste

Wie viel Bauern in Westafrika verdienen müssten, um ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen, ist derzeit Gegenstand eines Forschungsvorhabens. Hütz-Adams sagt, in Unternehmerkreisen kursiere die Zahl von einem Ab-Hof-Preis von 3000 Dollar. Rechnet man Steuern, Transport- und Lagerkosten dazu, wäre man bei einem Weltmarktpreis von über 4000 Dollar.

Der Kampf gegen Kinderarbeit begann schon vor 17 Jahren. Die grössten Schokoladenproduzenten unterzeichneten 2001 das Harkin-Engel-Protokoll. Sie vereinbarten, gegen die schlimmsten Formen von Kinderarbeit in Ghana und der Elfenbeinküste vorzugehen. 2004 wurde das Abkommen verlängert, weil das Ziel nicht erreicht wurde. 2010 erneut. Darum formulierten sie ein neues Ziel: 70 Prozent weniger Kinderarbeit bis 2020. Und was ist passiert? Vier Jahre später arbeiteten laut einem Bericht der Tulane-Universität über 300'000 Kinder mehr im Kakaoanbau. Um das Ziel zu erreichen, müssten rund 1,5 Millionen Kinder aus der Kinderarbeit geholt werden.

Das Geständnis

Bezieht auch Barry Callebaut Kakao von Plantagen, auf denen es Kinderarbeit gibt? "Ja", gibt Mediensprecher Christiaan Prins zu. In diesem Punkt sei man sehr transparent. Er sagt, in den meisten Fällen hälfen die Kinder ihren Eltern auf den Plantagen. Die Situation habe sich aber gebessert. Er verweist auf den Tulane-Bericht: In der Elfenbeinküste und Ghana gehen mehr Kinder, die Kakao pflücken, zur Schule: 71 respektive 96 Prozent. Als Erfolg wertet er ausserdem, dass die Zahl arbeitender Kinder pro Kakao-Haushalt gesunken ist. Was wie ein Hohn klingt, wenn man bedenkt, dass es in absoluten Zahlen mehr sind.

Um das Übel zu bekämpfen, hat Callebaut die Initiative Forever Chocolate lanciert. Die Versprechen klingen hehr: keine Kinderarbeit und 500'000 weniger arme Bauern bis 2025. Jedes Jahr will das Unternehmen einen Bericht veröffentlichen. Der erste kam im Dezember. Bis jetzt hat Callebaut 247 Fälle von Kinderarbeit entdeckt und eliminiert. Es bleibt viel zu tun. Ein Budget hat Forever Chocolate nicht.

Warnung des Experten

Um das Einkommen der Bauern zu mehren, will Callebaut ihnen in erster Linie helfen, die Produktivität zu steigern. Auch wegen altersschwachen Bäumen ist der Ertrag pro Hektar miserabel. Die Rechnung ist einfach: mehr Ertrag, mehr Einkommen. Doch Hütz-Adams warnt: "Letztes Jahr ist die Produktion um zehn Prozent gestiegen und der Preis um 30 Prozent gesunken." In einem aktuellen Bericht stellt er infrage, "wer den höheren Arbeitsaufwand der Produktivitätssteigerung abfängt – Stichwort Kinderarbeit – und ob die Erlöse die höheren Produktionskosten decken". Prins sagt, man wolle den Bauern auch helfen, andere Pflanzen anzubauen, etwa Mais.

Auch andere grosse Firmen wollen den Bauern mit eigenen Initiativen helfen, die Produktivität zu steigern. Nestlé trainierte 2016 im Rahmen seines Cocoa Plans laut eigenen Angaben 57'000 Bauern in besseren landwirtschaftlichen Praktiken. Hütz-Adams ist skeptisch. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Bauern oft über das nötige Wissen verfügen. "Sie sagen: 'Ich weiss, was zu tun ist, aber ich kann es mir nicht leisten'."

Anspruchsvoll, langsam und sensibel

Wäre Kakao ein Mensch, man beschriebe ihn als anspruchsvoll, langsam und sensibel. Er wächst nur in feucht-tropischen Gebieten um den Äquator, hat gerne warm, aber nicht sonnig: Optimal wächst er im Schatten anderer Bäume. Erst nach drei bis fünf Jahren wird er erntereif. Wer früher ernten will, pflanzt Kakao an die Sonne. Die Bäume altern dann aber schneller und büssen an Leistung ein.

Hütz-Adams bedauert, dass viele grosse Unternehmen ihre eigenen Initiativen lanciert haben, ihre Erkenntnisse untereinander aber nicht austauschen. Dadurch gehe viel Wissen verloren. Kann man den Versprechen der Unternehmen überhaupt trauen? "Keine Ahnung", sagt der Experte. Einige Unternehmen liessen sich durchaus in die Karten blicken. Er habe aber auch schon gehört, dass Studien nicht veröffentlicht wurden, wenn die Ergebnisse ein schlechtes Licht auf den Auftraggeber geworfen hätten.

Prins ist überzeugt, ein höherer Preis alleine helfe den Kakaobauern nicht aus der Misere: "Wir hatten mehr oder weniger die gleichen Herausforderungen, als der Preis höher war." Auch Hütz-Adams hält den Preis nicht als alleinheilendes Mittel. Ein grosses Problem sei, dass für Kakao massive Waldflächen gerodet wurden. Die US-Organisation Mighty Earth schreibt in einem Bericht, 40 Prozent des ivorischen Kakaos komme von geschützten Flächen. Hütz-Adams ist überzeugt: "Der Kakao-Überschuss wäre weg, wenn Unternehmen nicht Kakao von geschützten Flächen kaufen würden." So könnte der Weltmarktpreis wieder steigen und die Bauern nachhaltig Kakao anbauen.

Der Kakao-Experte freut sich, dass Unternehmen heute immerhin anerkennen, dass sie verantwortlich sind für das, was am Anfang ihrer Lieferkette passiert. Noch 2010 habe der Tenor gelautet: Wir sind nicht verantwortlich für Kinderarbeit und Umweltschutz, weil wir den Kakao nicht direkt den Bauern abkaufen. Er fordert aber, dass die grossen Firmen mehr Mittel in ihre Initiativen stecken: "Wenn die Branche in einem Jahr wegen des eingebrochenen Weltmarktpreises 4,5 Milliarden Dollar spart, ist der dreistellige Millionenbetrag wenig, den sie in Projekte investiert."

Nestlé hat 2016 gemäss einer Sprecherin 30 Millionen Franken in seinen Cocoa Plan investiert. In diesem Jahr verkaufte Nestlé Süsswaren im Wert von 8,7 Milliarden Franken. 0,3 Prozent flossen in den Cocoa Plan. Als wollte man mit einer Wasserpistole einen Grossbrand löschen.

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