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Interview mit Klimaforscher: «Wir haben in einer Illusion der Unverwundbarkeit gelebt»

Mit den Corona-Hilfsmilliarden könnten fossile Energien gestützt werden. Im Bild Kühltürme des deutschen Kohlekraftwerks Boxberg (Archiv)

Mit den Corona-Hilfsmilliarden könnten fossile Energien gestützt werden. Im Bild Kühltürme des deutschen Kohlekraftwerks Boxberg (Archiv)

Weniger Verkehr, weniger Emissionen, das Klima atmet gerade etwas auf. Klimaforscher Stefan Rahmstorf befürchtet allerdings, dass die Krise langfristig dem Klimaschutz nicht helfen wird.

Teile der industriellen Welt stehen still. Es wird viel weniger geflogen, die Menschen müssen Ostern zuhause verbringen, ihre Autos bleiben in den Garagen. Hat die Corona-Krise einen positiven Effekt auf das Klima?

Stefan Rahmstorf: Ich befürchte das Gegenteil. Beim Klimaschutz kommt es darauf an, die Emissionen auf Null zu senken. Das ist die einzige Möglichkeit für ein stabiles Klima. Eine vorübergehende Delle in den Emissionen, wie nun in der Corona-Krise, bringt letztlich nichts. Ich befürchte, dass die Transformation hin zu einem nachhaltigen Energiesystem, die wir dringend brauchen, jetzt von der internationalen Prioritätenliste erstmal verschwindet. Dabei dürfen wir wirklich keine Zeit mehr verlieren.

Sie meinen, dass die Milliarden, die die Staaten zur Abfederung der Corona-Krise in ihre Wirtschaft investieren, nun für den Klimaschutz fehlen werden?

Ich habe die Befürchtung, dass mit diesen Milliarden, die Sie ansprechen, auch die alten, fossilen Industrien, denen ohnehin nicht die Zukunft gehört, länger künstlich am Leben gehalten werden. Dabei wäre es von enormer Bedeutung, diese Wirtschaftshilfen am europäischen „Green Deal“ zu orientieren (Anmerkung: Der „Europäische Grüne Deal“ der EU-Kommission will Europa bis 2050 klimaneutral machen. Dafür sollen etwa Regionen wie das Kohlerevier in der Lausitz oder in Polen, die heute noch sehr CO2-intensiv produzieren, mit europäischen Geldern zu „sauberen“ Regionen umgestaltet werden. Dafür soll ein Fonds im Volumen von 100 Milliarden Euro gebildet werden).

Nichtsdestotrotz bekommt man als Laie die Vorstellung, das Klima würde sich gerade erholen. Rom ist den Smog los, an der Adria-Küste werden Delphine gesichtet. Die gesellschaftlichen Einschränkungen durch die Corona-Krise könnten einen Weg aus der drohenden Klimakatastrophe weisen?

Es ist richtig, dass die momentanen Einschränkungen einen Einfluss auf die Luftverschmutzung haben. Das sieht man auch in Satellitenbildern, die über Wuhan oder Norditalien gemacht wurden. Es gibt Anzeichen, dass sich die Wasserqualität in den Kanälen von Venedig stark verbessert hat. Diese Effekte könnten die Menschen vielleicht aufwecken und ihnen zeigen, wie viel schöner die Welt sein könnte, wenn man nicht so viel Schadstoffe in Luft tund Wasser entlässt.

Die Corona-Krise könnte die Welt also wachrütteln?

Gerade die westlichen Industrienationen haben bislang eine Illusion der Unverwundbarkeit gelebt und nicht genügend Krisenvorsorge getroffen. Warnungen vor solchen Pandemien gab es schon lange. Es war klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis so eine Krise, wie wir sie nun erleben, eintrifft. Jetzt erkennen wir, dass wir zu wenige Reserven, gerade im Gesundheitswesen, haben. Ich hoffe, dass wir aus dieser Krise lernen und erkennen, dass wir eben nicht unverwundbar sind und wir sehr darauf achten müssen, unsere Lebensgrundlage, die Natur und das Klima zu schützen, damit die moderne, globale Gesellschaft weiter funktionieren kann.

Vielleicht wird sich unsere Art zu leben verändern? Der Business-Trip Frankfurt-London könnte entfallen, weil sich nun zeigt, dass man auch per Video miteinander konferieren kann.

Ich hoffe, dass sich unsere Art zu leben, zum Positiven ändern wird. Ein Beispiel hierfür ist tatsächlich die Fliegerei. Viele Menschen sehen nun, dass man für eine Konferenz von 60 Minuten nicht morgens von Frankfurt nach London und abends wieder zurückfliegen muss. Die Technik ist ja schon so weit, dass wir dank Internet nicht überall persönlich hinreisen müssen. Wir müssen auch von diesem Hyperkonsum Abschied nehmen, der unser Leben in den Industrienationen prägt. Wir sollten auch die neoliberale Wirtschaftsideologie hinter uns lassen, die den Einfluss des Staates möglichst minimieren möchte. In der Corona-Krise sehen wir doch deutlich: Natürlich brauchen wir den Staat. Wir sind darauf angewiesen als Gemeinwesen, dass der Staat handlungsfähig ist.

Pol-Parteien könnten von den wirtschaftlichen Verwerfungen profitieren, in Deutschland etwa die AfD. Deren Chef Jörg Meuthen äusserte die Hoffnung, die Corona-Krise würde endlich die Klimabewegung wegspülen. Besorgen Sie solche Szenarien?

Absolut. Krisenzeiten sind anfällig für Populisten. Ich beobachte jetzt, wie dieselben Menschen, die diese wissenschaftlich unhaltbaren Klimaskeptiker-Thesen in der Öffentlichkeit vertreten, jetzt auch davon reden, die Corona-Pandemie sei ein Schwindel. Das sind Menschen, welche die wissenschaftlichen Fakten nicht anerkennen wollen, wenn diese ihnen nicht gefallen. Wissenschaft ist kein Wunschkonzert, wo man sich den Impfstoff gerne nimmt, aber die unbequemen Wahrheiten nicht einsehen möchte.

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