Schon als Kind wusste Marni Panas, dass sie irgendwie anders ist. «Ich habe mich nie als Junge gefühlt, habe nirgendwo richtig reingepasst und habe lange mein wahres Ich versteckt.» Damals trug Panas noch den Vornamen Marcel und lebte in einem kleinen Dorf in den weiten Prärien Kanadas.

Heute ist Panas eine schlanke Mittvierzigerin und wohnt in der Grossstadt Edmonton. Vor drei Jahren hat sie ihren männlichen Geburtsnamen abgelegt und lebt seitdem offiziell als Frau, mit jenem Geschlecht also, mit dem sie sich identifiziert. Vor ein paar Wochen hat sie das auch chirurgisch nachvollzogen. Für Panas war das Coming-out als Transgender ein steiniger Weg. «Ich habe mein Leben neu sortieren müssen und habe dabei viel aufs Spiel gesetzt: meine Familie, meinen Job, meine Freunde.» Heute ist Panas mit sich im Reinen und führt ein selbstbestimmtes Leben. Geholfen hat ihr die liberale Grundhaltung vieler Kanadier, denn beim Schutz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Menschen, Intersexuellen und Personen, die sich auf kein Geschlecht festlegen wollen, gehört das Land von Premierminister Justin Trudeau weltweit zu den Vorreitern.

Trudeau steht für ein umfassendes Verständnis von Geschlechterrollen: Sein Kabinett besteht zur Hälfte aus Frauen, der Text der kanadischen Nationalhymne wurde unter ihm geschlechtsneutral verändert. Vor gut einem Jahr wurde auf seine Initiative hin ein Gesetz zum Schutz und zur Gleichberechtigung von Transgender-Personen beschlossen. Seitdem darf niemand mehr von der Regierung wegen seiner geschlechtlichen Identität oder seinem Geschlechtsausdruck benachteiligt werden. Hass gegenüber Transgender-Personen ist illegal. Verbrechen, die auf Hass beruhen, werden hart bestraft.

Das Gesetz gilt für alle Bundesbehörden und für Unternehmen, die von der Bundesregierung reguliert werden, etwa für Banken. Konkret führt es dazu, dass immer mehr Einrichtungen geschlechterneutrale Toiletten einführen. Transgender-Beamte haben einen einklagbaren Anspruch auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz. Gefängnisse müssen Strafgefangene gemäss ihrer Geschlechtsidentität unterbringen.

Geschlecht X

Das Gesetz strahlt auf Behörden aus: Kanadische Reisepässe erhalten neuerdings als Option das Geschlecht X. Auf der elektronischen Einreisegenehmigung für Kanada, die Besucher aus dem Ausland beantragen müssen, kann man neben «männlich» und «weiblich» auch «sonstiges» ankreuzen. Bei der nächsten anstehenden Volkszählung im Jahr 2021 können Kanadier ein drittes Geschlecht wählen.

«Kanada sendet ein Signal der Inklusion, in Zeiten, wo Donald Trump in den USA genau das Gegenteil verkörpert», meint Kristopher Wells, Gender-Experte der McEwan-Universität in Edmonton. Die Tatsache, dass sich Trudeau dem Thema widmet, sei wichtig. «Das entfaltet Ausstrahlungswirkung auf Unternehmen und Verbände, die von den Gesetzen bislang nicht erfasst werden.»

Nicht alle Kanadier finden das gut. Kritik gibt es vor allem in kirchlichen und konservativen Kreisen. Für Schlagzeilen sorgte der Universitätsprofessor Jordan Peterson, der sich öffentlichkeitswirksam weigerte, seine Studenten mit gender-neutralen Pronomen anzusprechen. Auch im konservativer geprägten Senat in Ottawa gab es lange Bedenken gegen das neue Gleichstellungsgesetz. Doch der Einfluss der Kritiker schwindet. Befürchtungen, es könne zu einer Art Kulturkampf kommen, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Eineinhalb Jahre nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes verzeichnen Beobachter keinen signifikanten Anstieg von Gerichtsprozessen. Nach einer Umfrage befürworten 8 von 10 Kanadiern die Gleichstellung von Transgender-Personen, 7 von 10 befürworten eine Gesellschaft mit fliessenden Geschlechterrollen, 6 von 10 sind für die neuen Reisepässe.