Schräges Wohnen

In dieser WG schlafen alle im selben Zimmer

Eigentlich ist es im Schlafzimmer absolut still – für den Fotografen musiziert die FuWo-WG aber für einmal im Bett.

Eigentlich ist es im Schlafzimmer absolut still – für den Fotografen musiziert die FuWo-WG aber für einmal im Bett.

Beim funktionalen Wohnen werden alle Räume geteilt – auch das Schlafzimmer, die Betten und die Duvets. Sharing für Fortgeschrittene sozusagen. Eine Nacht in der aussergewöhnlichsten WG der Schweiz.

Robin lässt die Hose runter und setzt sich auf die Klobrille. Am Waschbecken steht Yannik. Er putzt seine Zähne. Die Türe vom Badezimmer zum Flur ist offen. Dort macht sich Christine gerade bis auf die Unterhose blutt. Sie alle machen sich bettfertig. Als Gutenacht-Ritual umarmt man sich. Nacheinander schleichen sie in das dunkle Schlafzimmer. «Pssst», signalisieren sie dem Besuch, der etwas unsicher und aufgeregt hinterher geht. Schliesslich schlafen die anderen. Die anderen sind Kilian und Seraina. Die teilen sich eine Matratze auf dem Boden. Aber he, es gibt ja noch genug andere Betten. «Wer hat in unseren Bettchen geschlafen?», fragt hier in dieser Wohnung in Bern Bümpliz keiner. Jeder legt sich dahin, wo es noch ein Plätzchen gibt. Die Betten gehören allen.

Robin und Co. leben in einer funktionalen Wohnung. Eigentlich ist es eine normale WG. Ausser, dass dabei die Zimmer nicht nach Bewohner, sondern nach Funktion aufgeteilt werden. Küche, Bad, Büro, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Privatzimmer. Alles wird geteilt. Niemand hat ein eigenes Zimmer. Klar, was Sie jetzt denken. Aber da müssen Sie sich noch ein wenig gedulden. FuWo – wie man diese Wohnform nennt – ist etwa in Städten wie Berlin beliebt. Aber in einer Zeit, in der wir in fremden Autos durch die Gegend brausen und in fremden Wohnungen nächtigen, interessieren sich immer mehr für Wohn- und Lebensalternativen.

Küche, Schlafzimmer, «Naturschutzgebiet»: Kilian führt durch die funktionale WG in Bern-Bümpliz.

Küche, Schlafzimmer, «Naturschutzgebiet»: Kilian führt durch die funktionale WG in Bern-Bümpliz.

Der Platz war der Grund weshalb Robin eines Nachts auf die Idee kam mit seinen WG-Gspänli im selben Zimmer zu schlafen. Seine damalige Mitbewohnerin Lisa willigte sofort ein. Sie fand es nämlich ungerecht, dass sie und Robin so grosse Zimmer zur Verfügung hatten, während ihre anderen zwei Mitbewohner sich stets in ihre Mini-Räume zurückziehen mussten. Ausserdem muss wer in Wohngemeinschaften lebt, oft auf eine gemeinsame Stube verzichten. Ihrem neuen Mitbewohner hatten sie erst beim Einzugsgespräch vom ungewöhnlichen Konzept verraten. «Ich mag Dinge, die nicht normal sind. Und das ist wirklich nicht normal. Ich bin dabei», hatte Yannik gesagt. Heute lachen sie über seine tapfere Art sich in dieses doch ungewöhnliche Wagnis zu stürzen.

Kilian und Adrien träumten von einer FuWo. Sie schlugen es in ihren alten WG’s vor. Und ernteten seltsame Blicke und ein «Nein sicher nöd». Da kam die Annonce der Bümplizer-WG genau richtig. Beim Probewohnen hat es gleich gefunkt. «Als ich hier war, wusste ich gar nicht so recht, wer hier wohnt. Es waren so viele Leute hier. Das war toll», sagt Adrien. Besuch ist oft da. Platz zum Schlafen gibt es ja genug. Der harte Kern besteht aus vier Mitbewohnern, alle zwischen 21 und 26 Jahre alt. Vorübergehend ist Seraina noch dazu gekommen. Und Christine ist Dauergast. Sie ist Robins-Freundin. Ja, es gibt ein Paar in dieser WG. Wie Sie Spass haben? Klar, lieber Leser, Sie haben diesen 68er-Kommunen-Gedanken. Den hat jeder, wen er von dieser Wohnform hört. Geduld.

Einschlafen ohne Märchenstunde

Die Nachteulen tapsen also leise ins Schlafzimmer. Der Besuch, der immer noch an die zehn Zahnbürsten im Becher denkt, bekommt das Bett mit Gestell. Ganz schön seltsam mit vier anderen Menschen einzuschlafen, aber auch beruhigend das da wer ist. Es ist ruhig. Die Tram übertönt Schlafgeräusche. Adrien und sein Freund sind ins Privatzimmer abgebogen. Das Schlafzimmer ist wirklich nur zum schlafen da. Nicht wie im sonstigen WG-Leben, wo im selben Zimmer der TV läuft, sich Geschirr und Bücher stapeln. Es gibt abends auch keine Märchenstunde. «Das sind schöne Klischees», sagt Robin. «Aber wir haben ja alle einen anderen Rhythmus.»

Zwischen 6 und 16 Uhr stehen die FuWo-Bewohner auf. Stört das nicht? «Nein, wir sind alle sehr leise.» Und Snoozen beim Wecker tut niemand? Manchmal. Aber dann ruft Chrige: «Robin ghörsch dr Wecker nid? Robin? Schtang uf!» Das macht nichts, schliesslich ist Toleranz etwas vom wichtigsten bei dieser Lebensform. Neugierig, offen, reflektier fähig sollte man sein. Wenn einer spricht, hört der andere zu, lässt ihn ausreden und akzeptiert seine Meinung. In einer FuWo lernt man viel über das Lösen von Konflikten, die eigenen Bedürfnisse, über Kompromissbereitschaft und Kommunikation. Es gibt kein «Das gehört mir» oder «Das ist meins». «Die Einstellung zu Eigentum verändert sich, wenn man alles teilt», sagt Adrien. Seine Mutter aus Deutschland kommt bald zu Besuch. Alle Eltern finden es spannend, was ihre Kids sich ausgedacht haben. Yanniks Vater fragt stets: «Und geht es immer noch?» während seine Mutter ganz interessiert ist, was in der WG ihres Sohnes alles passiert.

Vom Lüften und Gleitgel

Natürlich gibt es auch in dieser WG Herausforderungen. Man zeige viel von sich, könne nichts verstecken. Wie auch, die meisten Kleider sind im Flur verstaut – dort zieht man sich an, aus und um. Ex-Mitbewohnerin Lisa schaltet sich ein: «Ich hatte eine Nostalgie-Box mit Dingen, die mir wichtig sind. Die habe ich versteckt.» Die anderen gucken überrascht und erwähnen die Gemeinschafts-Kiste mit den Kondomen und dem Gleitgel. Lisa, die nun mit ihrem Freund zusammen lebt, vermisst das Einschlafen mit vielen Leuten. Trotzdem wurde es ihr zu viel. Bei der Arbeit hatte sie eine stressige Zeit, sie zog sich zurück und hatte im doppelten Sinne keinen Raum dafür.

Den Bewohnern ist bewusst, dass man mehr Zeit investieren muss als in einer normalen WG. Deswegen sprechen sie Probleme direkt an, treffen sich alle zwei Wochen zum WG-Meeting. Das Schwierigste beim Zusammenleben? «Das Lüften!» Der Besuch schmunzelt, aber den Bümplizern ist ernst. Wenn so viele Leute in einem Raum schlafen, muss das Fenster offen sein. «Aber das Tram ist so laut!»

Schweiss, Speichel und Sperma

Wollt ihr noch lange so leben? «Warum nicht», schallt es im Chor. Robin und seine Freundin glauben, dass Kinder vielleicht der Grund sind, einmal nicht mehr so zu leben. Sie wollen schon gemeinschaftliches Wohnen vor, aber ein eigenes Zimmer müsste es geben. Die zwei ziehen im September nach Zürich, dort werden sie mit neuen Leuten funktional leben.

Noch einmal zurück zum Zurückziehen. Dafür ist das Privatzimmer da. Robin und Co. geben dem Raum mit zwei Bettdecken immer wieder neue Namen. Sturm und Drang, Bastelzimmer, Spielplatz. 

Diese Kleber auf dem Boden führen ins Liebeszimmer.

Diese Kleber auf dem Boden führen ins Liebeszimmer.

Natürlich schläft dort oft das Paar, und dennoch steht es jedem offen. «Man schreibt im WG-Chat, dass man heute Nacht gerne ins Privatzimmer möchte und der erste darf rein. Ganz einfach», erklärt Yannik. Da gibt es nie Probleme. Probleme darf man auch nicht mit Körperflüssigkeiten haben, spricht Christine ein Thema an. Schweiss, Speichel und Sperma. Jede Nacht eine andere Matratze, ein anderes Kissen, eine andere Decke. Wem welcher Bezug gehört, weiss hier längst keiner mehr.

Robin meint sie würden auch die Kriterien einer Kommune erfüllen. Das stimmt, denn Wikipedia sagt: «Kommunen sind Gemeinschaften, in denen auch Menschen verbindlich zusammenleben, die weder verwandt noch Sexualpartner sind.» Würden Sie sich untereinander vergnügen, würde das alles verkomplizieren. Sie haben es nicht vor. Ausgeschlossen ist in einer WG mit gemeinsamem Schlafzimmer aber nichts.

Autor

Alexandra Fitz

Alexandra Fitz

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