Wenn im Februar der dritte Teil der Verfilmung von «Fifty Shades of Grey» in die Kinos kommt, wird er wohl wie die ersten beiden Teile sofort die Spitze der Kinocharts erobern. Vor wenigen Jahrzehnten wäre der Sadomaso-Erotikfilm nur in schmuddeligen Sexkinos und zu später Stunde am Fernsehen gezeigt worden, inzwischen ist Sex salonfähig. Und dies sogar samt fesseln und prügeln, wie es sich das Publikum der 50-Shades-Filme ansieht.

Die Botschaft, die punkto Sex vermittelt wird: Alles ist möglich, Hauptsache, es macht Spass. Klingt einfach, macht aber Schwierigkeiten. Gerade weil es so viele Möglichkeiten gibt, die als normal oder zumindest tolerierbar gelten, sind auch die Ansprüche an das eigene Sexualleben und das Bedürfnis nach Orientierung gestiegen. «Der Bedarf an Beratung hat zugenommen», sagt Esther Schütz, Leiterin des Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapie (ISP) in Uster.

Unter ihrer Ägide schliessen in den kommenden Wochen 17 Studierende ihre Masterarbeit in Sexualwissenschaften ab. Es sind die Ersten, die in der Schweiz den Titel «Master of Arts Sexologie» erlangen. Daneben gibt es nur einen «Master of Advanced Studies Sexuelle Gesundheit» an der Hochschule Luzern sowie Diplomlehrgänge.

Der Master in Sexologie ist eine berufsbegleitende Weiterbildung, zugelassen wird nur, wer über Erfahrung in einem sozialen, therapeutischen, medizinischen oder didaktischen Beruf verfügt. Daniela Scherrer zum Beispiel ist Sekundarlehrerin und hat in dieser Funktion bereits Sexualunterricht erteilt.

In der Ausbildung zur Lehrerin sei Sexualpädagogik ein Thema am Rand gewesen, Lehrmittel gebe es kaum. Deshalb entschied sie sich 2014, das Masterstudium in Uster zu beginnen. Ihr Ziel ist es, selbstständige Beraterin zu werden. «Wenn ich als externe Person in die Schulen gehe, können die Schülerinnen und Schüler anders auf mich zukommen, als wenn ich Lehrperson bin und sie auch benote», sagt sie.

Historische Trendwende

Scherrer will sich aber nicht auf das Beraten von Kindern und Jugendlichen beschränken. So hat sie kürzlich mit einer Mitstudentin im Auftrag der Mütter-/Väterberatung im aargauischen Muri einen Infoabend zu frühkindlicher Sexualität durchgeführt. Dabei lieferten die beiden nicht nur Antworten, sondern stellten im Namen der Kinder auch Fragen: «Wie lange wird ein Penis?».

Anfangs diskutierten die anwesenden Eltern noch etwas verkrampft, welche Antworten sie ihren Kindern geben könnten. Doch rasch löste sich die Stimmung, und bald waren es die Sexologinnen, die mit Fragen gelöchert wurden. «Meine dreijährige Tochter klettert auf den Stuhl und stimuliert sich mit der Stuhlkante. Ist das normal?», kam die Frage aus dem Publikum.

«Das gehört zum Entdecken des Körpers», antwortete Daniela Scherrer. «Das machen viele Mädchen. Kinder wiederholen angenehme Dinge immer wieder – denken Sie an das «namal!», wenn etwas Spass macht. Falls es Sie sehr irritiert: Lenken Sie die Kleine mit einer anderen schönen Tätigkeit ab.»

Im Publikum sitzen rund 40 Mütter und exakt 2 Väter. Dasselbe Geschlechterverhältnis findet sich im Masterstudiengang: Im Abschlussjahrgang findet sich ein einziger Mann. Damit hat sich der historische Trend umgekehrt, bei dem sich – zumindest öffentlich – nur Männer mit Sexualität auseinandersetzten. Mit zum Teil haarsträubenden Folgen, besonders im kirchlichen Umfeld des Mittelalters.

Der später heiliggesprochene Philosoph Thomas von Aquin zum Beispiel führte das Entstehen der Frau auf eine Schwäche des Samens zurück. Er meinte auch, verstanden zu haben, dass die Frau ihre Lust weniger unter Kontrolle habe als der Mann, und lieferte dazu gleich eine Erklärung: Es hänge mit dem höheren Wassergehalt im Körper der Frau zusammen.

Über Jahrhunderte galten alle sexuellen Praktiken, die nicht der Fortpflanzung dienten, als unnatürlich, und die Auseinandersetzung der Gelehrten mit der Sexualität konzentrierte sich darauf, diese Ansichten zu stützen. Selbstbefriedigung führe zu Schwindsucht, Wahnsinn und Impotenz, warnte der Schweizer Arzt Auguste Tissot 1760 in seinem «Versuch von denen Krankheiten, welche aus der Selbstbefleckung entstehen». Er wurde in fünf Sprachen übersetzt.

Schweizer haben Nachholbedarf

Ernsthaft erforscht wird die Sexualität erst seit Ende des 19. Jahrhunderts (siehe Box am Ende des Artikels). Inzwischen wissen wir, dass Onanie nicht zu Impotenz führt, doch der Nachholbedarf im Vergleich zu anderen Disziplinen ist gross. «Die Sexualität der Erwachsenen in der Schweiz ist nicht erforscht», sagt Stefanie Spahni, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISP arbeitet und sich zudem als Oberassistentin am Institut für Psychologie der Universität Bern mit Sexualität befasst. «Es gibt zwar viel Forschung zu sexuellen Störungen, aber zu funktionierender Sexualität, sei es beim Paar oder bei der Masturbation, existieren sehr wenige Studien.»

Die Etablierung der Sexologie auf Masterniveau trägt dazu bei, nach und nach einige Wissenslücken zu schliessen. Institutsleiterin Esther Schütz erwartet, dass die Sexualwissenschaften durch den Masterstudiengang auch etwas bekannter werden – und sich dadurch mehr Leute trauen, eine Therapie aufzusuchen.

Nötig wäre es, argumentiert sie. Das zeige sich in der hohen Scheidungsrate, die zum Teil darauf zurückgehe, dass Paare in der Beziehung über den Sex stolperten, obwohl es in der Liebe gut laufen würde.