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Immer wieder Wien: Die lebensfrohe Hauptstadt und ihr Charme der Gegensätze

In Wien trifft Moderne auf Historie: Das gläserne Haas-Haus am Stephansplatz.

In Wien trifft Moderne auf Historie: Das gläserne Haas-Haus am Stephansplatz.

Österreichs Hauptstadt ist zum neunten Mal in Folge die Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität. Wiener finden das nicht erstaunlich.

Wir sitzen mit Nikolaus Gräser, zuständig für den deutschsprachigen Markt bei Wien Tourismus, im «Schwarzen Kameel». Drinnen schönster Jugendstil, auf der Speiskarte «traditionelle Wiener Gerichte, neu interpretiert». Gräser empfiehlt Rostbraten vom Zander und Wiener Schnitzel. «Das machen sie hier wirklich schön souffliert», lobt er. Das meint, dass die Panade sich beim Backen etwas vom Fleisch abheben und so einem leicht aufgeblasenen Kissen gleichen soll.

Der Tourismus-Fachmann will keine persönliche Rangliste für das beste Schnitzel abgeben. Lieber spricht Gräser über das Städteranking, über den ersten Rang für Wien als Stadt mit der höchsten Lebensqualität – neun Mal in Folge. Hat der sprichwörtliche österreichische Charme das Resultat etwas aufgeblasen? Gräser lacht entspannt. «Das Ranking basiert auf Fakten: Wohnen, öV, Bildung, Kultur, Gesundheitsversorgung, wirtschaftliche Prosperität, politische Stabilität werden bewertet. Subjektive Einschätzungen machen nur wenige Prozent aus.»

Doch zuerst eine Weinempfehlung: «Ein Glas Weisswein? Ein gemischter Satz?» Das klingt in unseren Schweizer Ohren nicht gerade anmächelig. Doch Gräser erklärt: Es gebe auf Wiener Stadtgebiet 125 Winzer, die verschiedene Sorten anpflanzten, damit Frost und andere Wetterunbilden möglichst geringe Ausfälle anrichten. Am Schluss werden alle Trauben zusammen gemischt gekeltert, rund zwei Millionen Flaschen jährlich. Die alljährliche Verkostung, welchem Winzer der beste gemischte Satz gelungen sei, sei in Wien jeweils Stadtthema.

Ist auch der Tourismus Stadtthema? In Venedig und Barcelona etwa regt sich Widerstand gegen die Vereinnahmung der Städte durch immer mehr Touristen. Nicht so in Wien, sagt Gräser: «Wir machen regelmässig Umfragen: 96 Prozent der Wienerinnen und Wiener finden den Tourismus in ihrer Stadt gut.» In der Innenstadt, im 1. Bezirk, wimmelt es an diesem schönen Frühlingstag von Touristen. Kultur, Shopping, essen und flanieren: alles möglich. Hofburg, Steffl, Albertina, kleine Gässchen und Kaffeehäuser: alles da. Barock, Historismus, Jugendstil und zeitgenössische Architektur: Sie prägen miteinander das Stadtbild.

Am Graben sind primär die grossen internationalen Marken angesiedelt, doch rundum finden sich Wiener Traditionsläden und innovative österreichische Designer. Ob man Handtaschen, Damen- oder Herrenmode, Hüte oder Gläser sucht, das Angebot ist nicht nur auf Touristen ausgerichtet.

Unesco sieht rot

Der 1. Bezirk hat den Status eines Unesco-Weltkulturerbes. Noch. Im Februar hat die Kultur-Weltorganisation Wien auf die Rote Liste gesetzt, weil die Stadt ein Hochhaus-Projekt am Heumarkt bewilligt hat, das den berühmten Canaletto-Blick beeinträchtigen wird.

Den Blick also, wie ihn der italienische Maler um 1760 vom Oberen Belvedere gemalt hat, mit dem Stephansdom in der Mitte und der Karlskirche am linken Rand – damals im grünen Niemandsland des Rings. In der offiziellen Antwort bedauert Wien den Entscheid der Unesco, legt aber Selbstbewusstsein an den Tag: «Wien ist nach wie vor eine der schönsten und touristisch attraktivsten Städte der Welt – nicht zuletzt dadurch, weil die Stadt immer schon auf ihr historisches Erbe geachtet und es gepflegt und trotzdem modern weiterentwickelt hat. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.»

Tatsächlich, was wäre Wien ohne Veränderungen? Ohne den historischen Ring aus dem 19. Jahrhundert, ohne die Jugendstilbauten von Otto Wagner, ohne die Moderne eines Adolf Loos? Selbst Hans Holleins gläsernes Haas-Haus von 1990 beim Stephansdom und David Chipperfields zeitgenössisches Kaufhaus aus Naturstein an der Kärntnerstrasse bereichern das historische Stadtbild. Und wer über den Donaukanal oder zum Hauptbahnhof oder zur Wirtschaftsuniversität fährt, erlebt eine Tour durch die zeitgenössische Welt-Architektur.

Das Prinzip des Miteinanders und der Gegensätze prägt Wien: dichte Bebauung und viel Grün, guter öV und Velowege, Moderne und monarchische Gediegenheit, Oper und Clubs. Selbst eine Institution wie das «Sacher» übersetzt in seiner Dependance das Plüsch-Ambiente ins 21. Jahrhundert .

Ziel sei, sagt Nikolaus Gräser beim kleinen Braunen, 2019 auch zum 10. Mal das Mercer-Ranking zu gewinnen. Den zweiten Rang hält übrigens – auch seit Jahren – Zürich.

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