Geschlecht

Immer mehr Transmenschen lassen sich in der Schweiz operieren – Zentrum geplant

Eine Transfrau und ehemalige Patientin des Unispitals Zürich nach der Geschlechtsangleichung...

Eine Transfrau und ehemalige Patientin des Unispitals Zürich nach der Geschlechtsangleichung...

Die Stadt Zürich will sogar ein Zentrum schaffen, damit Frauen «komplett Frau» und Männer «richtig Mann» sein können.

Nennen wir ihn Selina. Er war Teenager, als er mit seinen Eltern in die Sprechstunde von Dagmar Pauli in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Uniklinik Zürich kam. «Breitbeinig und mit fast schon machohaftem Verhalten sass er da», erinnert sich die Chefärztin. Doch die Eltern hatten Fotos aus seiner Kindheit mitgebracht, auf denen Selina Röcklein trug, um zu «beweisen», dass ihr Kind ein Mädchen sei. Die Eltern forderten, die Ärztin sollte Selinas Wunsch, als Mann zu leben, «wegmachen». Sie hatten versucht, Selina zu verheiraten, aber er weigerte sich.

«Der Junge hatte viel zu kämpfen», sagt Dagmar Pauli, «aber am Ende sagte der Vater: ‹Ich bin stolz auf meinen Sohn›. Das war ein Meilenstein.» Er konnte am Universitätsspital Zürich eine Hormonbehandlung beginnen, liess sich die Brüste entfernen und die inneren weiblichen Organe. Einen Penis will er sich andernorts konstruieren lassen, da dies in Zürich nicht gemacht wird.

Patienten wie diesen Jungen hat das Unispital Zürich immer mehr. Im Jahr 2014 liessen sich dort zehn Patienten ihr Geschlecht angleichen (vom Mann zur Frau). Letztes Jahr waren es über 20 Transfrauen, die den Penis zur Vagina umformen liessen. Noch häufiger gewünscht werden Brustvergrösserungen, manchmal auch die Verweiblichung des Gesichtes und Körpers.

Fachärzte arbeiten zusammen

Nun will das Unispital Zürich im Laufe des nächsten Jahres ein eigenes Zentrum schaffen und dabei möglicherweise mit dem Unispital Basel zusammenarbeiten, welches neben dem Spital in Lausanne ebenfalls viel Erfahrung in der Geschlechtsangleichung hat. «Mehr als zwei solcher Zentren macht in der Schweiz keinen Sinn», findet Pietro Giovanoli, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie in Zürich.

So sollen die verschiedenen beteiligten Kliniken noch enger zusammenarbeiten. Denn bei Geschlechtsangleichungen sind nicht nur Chirurgen gefragt, sondern auch Urologen, Gynäkologen, Psychiater, Endokrinologen oder Dermatologen.

Die Schweiz holt in dieser Disziplin auf: Früher reisten Transmenschen für eine Geschlechtsangleichung oft ins Ausland, zum Beispiel nach Thailand, wo sich auch Oberarzt Richard Fakin weitergebildet hat. Laut Fakin liegt die Komplikationsrate am Unispital heute bei unter 3 Prozent. Früher schreckten die Folgen der Operation die Leute ab. Eine 60-jährige Transfrau sagt: «Ich habe Kolleginnen mit künstlichem Harnausgang und anderen Problemen.

Sie hatten die Operation in der Schweiz machen lassen, weil die Krankenkassen nur OPs in der Schweiz bezahlen.» Die Frau entschied sich deshalb gegen einen Eingriff, auch wenn sie sagt: «Manchmal hat man morgens vor dem Spiegel schon Gelüste. Natürlich gibt es schönere Frauen, aber ich habe Angst, dass ich dann nicht mehr mich selber wäre.» Auch ihre Stimme ist tief geblieben, hingegen hat sie sich die Barthaare entfernen lassen, kleidet sich feminin und hat das Glück, feingliedrige Hände zu haben. «Aber ob OP oder nicht – das muss jeder für sich entscheiden», sagt sie. Sie wollte sich nach dem Outing nicht mehr Zwängen unterordnen und nichts machen, nur damit das Gegenüber nicht irritiert ist.

Der Abstieg nach dem Outing

Die Transfrau hatte ihr Outing, als sie in einer Stadtverwaltung im Aargau arbeitete, heute übt sie ihren Beruf in der Ostschweiz aus. Karrieremässig musste sie absteigen – etwas, was Transfrauen nach dem Outing oft erleben – Transmänner steigen hingegen nicht selten auf. «Mit weiblichem Aussehen wird einem in Männerberufen weniger zugetraut», stellte sie fest, wenn wieder eine Kaderposition frei war. «Dabei hat sich doch in meinem Kopf nichts verändert.»

So ist die Geschlechtsangleichung nie nur eine körperliche Herausforderung. Beim eingangs erwähnten Jugendlichen war nicht erst die Operation eine Erlösung, sondern bereits, dass er von den Eltern ernst genommen wurde. Psychologin Dagmar Pauli sagt: «Wir sagen den Jugendlichen, dass sich mit der Operation nicht alle Probleme von selbst auflösen. Die Transmenschen müssen auch die beruflichen und sozialen Baustellen bearbeiten. Aber oft ist es so, dass die Operation den Betroffenen die Energie gibt, auch diese anzupacken.»

Freundin und Job

Heute gehe es dem jungen Mann gut, sagt Dagmar Pauli, «er hat eine Anstellung und eine Freundin». Pauli hat schon über hundert Jugendliche begleitet. Rund 90 Prozent wünschen eine Geschlechtsangleichung. Dass jemand, der sich operieren liess, dies bereute, hat sie noch nie erlebt. Eine holländische Studie kam zum Schluss, dass weniger als ein Prozent die Geschlechtsangleichung bereuen.

Eine andere Zahl ist schockierend: Bei Trans-Jugendlichen sind 70 Prozent suizidgefährdet oder führen sich Verletzungen zu. Faktoren, welche die Jugendlichen davor schützen, sind laut Pauli: Unterstützung im Umfeld, keine erlebte Transphobie, offizielle Dokumente mit der neuen Identität – und die medizinische Geschlechtsangleichung.

Da handeln die Ärzte am Unispital Zürich auch mal vor dem 18. Lebensjahr, das eigentlich als frühester Start für solche Eingriffe gilt. «Einem 16-Jährigen, der schon jahrelang Hormone nimmt und als Frau lebt, verweigern wir die Brustentfernung nicht», sagt Pauli. Denn während sich die sexuelle Orientierung meist erst in der Pubertät festigt, ist die Geschlechtsidentität bei 5-Jährigen meist schon entwickelt. Auch eine hormonelle Pubertätsblockade wird bei Transmädchen gemacht: So bekommen sie den Stimmbruch nicht.

Oberarzt Richard Fakin sagt: «Ich mag dieses Fachgebiet nicht nur wegen der komplexen Chirurgie, sondern auch, weil die Patienten oft einen starken Charakter haben. Sie mussten viel kämpfen und es ist schön zu sehen, wie glücklicher sie nach der OP oft sind.»

Am 8. Juni findet am Universitätsspital Zürich ein öffentliches internationales Symposium zur Geschlechtsangleichung statt.

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