Wir sehen die Bilder jeden Tag. Ob wir den Fernseher anmachen, ein Magazin aufschlagen, im Internet surfen oder nur auf der Strasse unterwegs sind. Musikvideos mit kaum bekleideten, lasziv tanzenden Frauen, Zeitschriftencover mit sich räkelnden Bikini-Models und Werbeanzeigen mit muskelbepackten Männerleibern.

Nackte Körper sind unsere ständigen Begleiter und längst zur gesellschaftlichen Normalität, ja zu einem rund um die Uhr verfügbaren Konsumgut geworden. Wem diese sexuellen Reize aus dem Alltag noch nicht genug sind, findet im Internet frei zugängliche Pornografie im Überfluss. Auch in alltäglichen Gesprächen vieler Teenager ist das Thema Sex längst nichts Privates mehr.

Enthaltsamkeit als neuer Trend

Dennoch hat sich das Sexualverhalten junger Menschen seit den 1980er-Jahren kaum gewandelt, wie verschiedene in der Schweiz durchgeführte Erhebungen zeigen. Will heissen: Trotz mehr sexueller Reize in unserer Gesellschaft steigen Jugendliche nicht früher oder öfter miteinander ins Bett.

Ganz im Gegenteil: Immer mehr Teenager und junge Erwachsene wollen sich ihr erstes Mal für die Gemeinschaft der Ehe aufheben, wie die Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum bemerkt. «In letzter Zeit betreue ich vermehrt Paare, die aus dem Sex wieder etwas Besonderes und Persönliches machen und damit bis zur Schliessung der Ehe gewartet haben», erklärt die Expertin, die seit 13 Jahren Paare und Einzelpersonen in ihrer Praxis in Brugg betreut. Sie sieht in diesem Phänomen eine gesellschaftliche Gegenbewegung zur Sexualität als Konsumgut.

Gruppierungen, welche die sexuelle Enthaltsamkeit propagieren, finden regen Zulauf. Ihren Ursprung haben sie in den USA der 1990er-Jahre. Bei feierlichen Zeremonien, den «purity balls» für Mädchen und den «manhood ceremonies» für Knaben, geloben die Jugendlichen gegenüber Gott, ihren Eltern und sich selbst, bis zur Ehe keusch zu leben. Als Symbol für dieses Versprechen gibt es den «purity ring», den die Träger an ihrem Hochzeitstag als Geschenk der eigenen Reinheit ihrem Ehepartner übergeben. Die prominentesten Träger dieses Rings sind die Popsternchen Miley Cyrus und Justin Bieber. Diese haben das Reinheitssymbol aber schnell wieder abgelegt und machen heute Schlagzeilen mit obszönen Bühnenshows oder Bordellbesuchen.

Doch andere junge Menschen nehmen das Gelübde durchaus ernst. Nicht immer nur aus moralischen oder religiösen Gründen. Viele junge Menschen haben auch Angst vor einer Enttäuschung in der Beziehung. Auch Seraina Messmer hat sich der sexuellen Enthaltsamkeit verschrieben. Die 24-Jährige ist Mitglied der Jugendbewegung Young & Precious. Die internationale Vereinigung entstand 2011 und ist auch in der Schweiz aktiv. Ihr erklärtes Ziel ist es, junge Menschen dazu zu ermutigen, sich persönlich und in der Gesellschaft für moralische Werte einzusetzen und sich darin gegenseitig zu unterstützen – ungeachtet, welcher Religion jemand angehört. «Wir wollen gemeinsame Werte über Glaubensgrenzen hinaus schaffen. Jeder ist willkommen», versichert Messmer.

Auch über die Art der sexuellen Enthaltsamkeit macht die Organisation keine Vorschriften. «Jedes Mitglied kann selber entscheiden, was ihm hilft, seine Ziele zu erreichen.» Für Seraina Messmer gehört dazu sogar der Verzicht auf Rendezvous und auf Alkohol. Auch einen Freund hat sie derzeit bewusst nicht und würde in einer Beziehung mit dem ersten Mal definitiv bis zur Eheschliessung warten. Denn für Messmer ist klar: «Durch Sex werden zwei Seelen sehr stark zusammengeschweisst. Bricht eine junge Beziehung auseinander, nachdem man miteinander geschlafen hat, hinterlässt das grosse seelische Wunden.»

Doch ist es denn nicht völlig normal für junge Menschen, ihre Sexualität bereits vor der Ehe zu erforschen und auszuleben? «Man hat diesen Eindruck durchaus, wenn man sich unsere Gesellschaft ansieht», sagt die 24-Jährige und fügt an: «Sex ist sicherlich etwas Wunderschönes. Und genau darum sollte es ein Freudenfest zweier Menschen sein, die sich zuvor ewige Liebe und Treue versprochen haben.»

Auch auf die Frage, ob es nicht wichtig sei, mit dem zukünftigen Ehepartner bereits vor der Hochzeit sexuelle Erfahrungen zu sammeln, entgegnet das «Young & Precious»-Mitglied: «Dass die Sexualität nach der Heirat nicht stimmen könnte, halten wir für unwahrscheinlich. Wenn sich ein Pärchen gefunden hat, das sich ein Leben lang treu sein und sich lieben will, wird es später sicher auch mit dem Sex klappen.»

Hoher Erwartungsdruck

Skeptischer betrachtet Gabriela Kirschbaum das aufkommende Phänomen der sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe. «Ich respektiere den Wunsch junger Menschen, aus dem Sex wieder etwas Besonderes und Persönlicheres zu machen», sagt die Sexualtherapeutin, macht aber gleichzeitig auch auf die Herausforderungen und Gefahren einer keuschen Beziehung aufmerksam. «Es kann sehr schwierig werden, der wachsenden Lust Grenzen zu setzen. Wird sie nicht befriedigt, wächst auch die sexuelle Fantasie und damit die Erwartungen an den ersten Sex.» Dies könne zu hohem psychischen Druck und Stresssymptomen wie erhöhter muskulärer Anspannung führen, so die Sexualtherapeutin weiter. «Für ein sexuelles Funktionieren des Körpers beim ersten Mal ist das natürlich alles andere als förderlich.»

Überhaupt hält Gabriela Kirschbaum den Unterbruch des sexuellen Lernens, also das Entdecken der eigenen Sexualität, für wenig sinnvoll. «Neben dem Geschlechtsverkehr hat auch die Selbstbefriedigung in den moralischen Vorstellungen von keusch lebenden Menschen oft keinen Platz. Dabei wäre gerade auch diese wichtig, um sich und seine Sexualität kennen zu lernen.»

Um der wachsenden Übersexualisierung bei jungen Menschen zu begegnen, hält die Sexualtherapeutin eine intensivere Aufklärung im Schulunterricht für die geeignetere Massnahme: «Neben den anatomischen Aspekten der Sexualität sollte vor allem auch der Austausch zwischen Mädchen und Knaben über verschiedene Themen wie sexuelles Lernen oder Wünsche für das erste Mal gezielt gefördert werden.»