Gregory (5) formt seine Hände wie ein Boxer zu Fäusten, trippelt erst und dreht dann wild ein paar Runden in der Halle, dort, wo sich sonst die Erwachsenen zu Pilates oder Bodyattack quälen. Doch als Solène (4) und ihr Bruder Leo (2) den Anweisungen von Trainerin Julia Glauser lauschen, ist er sofort dabei. Er hüpft und tanzt vergnügt zur Musik mit. Bewegung ist hier alles. Schliesslich heisst das Fitness-Programm «Born to Move», das hier für Kinder ab 2 Jahren angeboten wird.

Kinder im Fitnesscenter? Soll der Fitnesswahn nun auch sie anstecken? «Nein, wir stellen vielmehr fest, dass sich die Kinder heute viel zu wenig bewegen», erklärt Instruktorin Julia Glauser. Seit knapp einem halben Jahr bietet das Fitnesscenter im Bernaqua in Bern als eines der ersten in der Schweiz «Born to Move» an. Bei diesem Programm von Les Mills, dem neuseeländischen Fitnessausbildungsinstitut, sollen die Kinder neue, spielerische Bewegungen altersgerecht und mit sportwissenschaftlichem Hintergrund ausprobieren und ihre Koordination, Kraft und Ausdauer trainieren können. Als eine andere Form des MuKi-Turnens oder als Fortsetzung des Babyschwimmens, sieht es Glauser. «Aber ohne die Eltern.»

Jedes fünfte Kind ist übergewichtig

Während in den USA das Geschäft mit Kinderfitnessprogrammen so schnell wächst wie kein anderes, ist der ganz grosse Run auf das neue Angebot hierzulande noch ausgeblieben. Kinder und Fitnesscenter – diese Kombination ist neu. Ist es aber überhaupt nötig, dass Kinder von 2 bis 16 Jahren bereits ins Fitnesscenter müssen? Oder steht da vielmehr der kommerzielle Gedanke dahinter? Schliesslich kostet ein 10er-Abo von «Born to Move» mindestens 320 Franken. Ein paar Stunden im Wald herumtoben hingegen gibt es gratis und franko. «Die Bewegungsarmut unserer Jugend ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit», sagt allerdings Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener bei der Pro Juventute.

Noch vor zwei Generationen war es völlig normal, dass man sich zwischen Hunger und Essen auch mal bewegte, dass Kinder auf Bäumen herumkletterten und sie nicht wie heute oft üblich in die Schule gefahren werden. «Heute geht das leider immer mehr verloren, weil viele Kinder nicht mehr vorgelebt bekommen, dass man sich regelmässig bewegen muss», sagt Urs Kiener. Auch Bestrebungen mit freiwilligem Schulsport, Vereinssport oder Open Sundays, wo Turnhallen für polysportive Aktivitäten geöffnet werden, greifen offensichtlich zu wenig, wie die neuesten Statistiken beweisen: In der Schweiz ist jedes fünfte Kind übergewichtig.

Noch gefährlicher als Übergewicht sei in der Tat zu wenig Bewegung, schreibt auch der Arzt Urs Eiholzer im Buch «Kraft für Kids – Kinder brauchen Bewegung». Dass nun Fitnesscenter den Nachwuchs im Visier haben, findet deshalb Psychologe Kiener grundsätzlich eine gute Sache. «Alle Anstrengungen, die die Bewegung unserer Kinder fördern, sind wichtig.» Der Sportunterricht in der Schule alleine biete zu wenig Bewegung, weil die Kinder den grössten Teil ihrer Freizeit im Kinderzimmer vor dem Computer oder dem Fernseher verbringen. «Kinder sollten mindestens eine halbe Stunde pro Tag Sport treiben.» Möglichst vielfältig, weil das nicht nur Einfluss auf ihren Herzkreislauf und die Gewichtskontrolle, sondern auch auf ihr psychosoziales Wohlbefinden habe.

Genügend Aussenraum

Genügend Bewegung ist auch für Marco Hüttenmoser von der Fachstelle «Kind und Umwelt» in Muri der Schlüssel für eine gute Entwicklung. «Aber nicht mithilfe von Fitnessprogrammen!» Eine gesunde motorische Entwicklung habe wesentlich mit genügend Aussenraum zu tun. Doch dieser werde für Kinder immer eingeschränkter. Seit 1970 ist dieser auf einen Neuntel zurückgegangen. «Kinder müssen Räume haben, die sie selbstständig erreichen können, dann sind sie von sich aus hoch motiviert, stundenlang draussen zu spielen.» Dort lernen sie ganz automatisch, all das, was sonst mit Förder- und Fitnessprogrammen erreicht werden soll.

Als wichtigste Ursache für den immer stärker grassierenden Bewegungsmangel bezeichnet Hüttenmoser die heutige «verhäuslichte» Kindheit. Der Lebensraum der Kinder werde immer mehr von aussen nach innen verlagert. «Der Grund: Die Aussenräume sind von Motorfahrzeugen verstellt und die Eltern haben heute ein zum Teil durchaus berechtigtes Sicherheitsbedürfnis und eine grosse Ängstlichkeit.» Verdichtetes Bauen sieht er als eine wirksame Möglichkeit, den Aktionsradius der Kinder wieder zu vergrössern. Einfamilienhaus-Siedlungen hingegen seien schlecht für die Entwicklung der Kinder, weil sie keine gemeinsamen Räume mit anderen Kindern zur Verfügung haben.

Inzwischen sind die Kinder im Bernaqua auf Schatzsuche. Sie springen mit Julia Glauser über Stock und Stein, kriechen durch den dichten Dschungel und müssen vor den wilden Tieren fliehen – sodass sie ganz ausser Atem kommen. Nur Kaspar (5) schaut etwas skeptisch drein und meint: «Ich will lieber draussen spielen.»

Auf die vielen Vorteile von Sport und Bewegung für den Menschen muss ich hier nicht nochmals eingehen, das ist allseits bekannt und dafür gibt es genügend wissenschaftliche Beweise. Aber die Frage, ob Fitnesstraining auch für Kinder schon geeignet ist, ist berechtigt. Denn die Kombination Kinder und Fitness ist in der Schweiz noch unbekannt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ein Training in Studios auch für Kinder geeignet ist. Wer regelmässig Sport treibt, und fit sein möchte, setzt sich mit Ernährung auseinander. Dies führt dazu, dass sportliche Menschen oft auch viel bewusster essen. Die Gewöhnung an die Bewegung kann daher nicht früh genug passieren. Denn es ist längst bekannt, dass ein frühes Einsteigen die Freude an der Bewegung fördert und ein lebenslanges Sporttreiben unterstützt. Ein weiterer Vorteil ist die extrem gute Aufnahme- und Lernfähigkeit im Kindesalter. Denn je älter man ist, desto schwieriger ist es, Neues zu lernen. An den koordinativen Fähigkeiten kann also bereits im Kindesalter gearbeitet werden. Entgegen dem Volksglauben hat auch Krafttraining (natürlich ohne zusätzliche Gewichte!) eine äusserst positive Wirkung auf das Wachstum. Macht man es richtig, wird dadurch zusätzliche Knochensubstanz aufgebaut und die Knochendichte und der Mineralgehalt im Knochen werden erhöht. Werden Fitnesskurse von Experten geleitet, können Eltern davon ausgehen, dass die richtigen Übungen für die Kinder angeboten werden. Auch sollte man die soziale Ebene solcher Fitnesstrainings nicht vergessen. Werden die Kurse in Gruppen durchgeführt, kommen die Kinder früh in Kontakt mit Altersgenossen. Dabei lernen sie ganz nebenbei, sich richtig zu verhalten, wie man teilt und sich gegenseitig unterstützt. Und wie man zusammen in der Gruppe richtig viel Spass haben kann. Meiner Meinung nach bieten die angebotenen Fitnesstrainings also viel Positives für die Kinder. Es ist mir aber wichtig zu erwähnen, dass das freie Spielen draussen im Park dadurch nicht ersetzt wird. Es gilt, diese Angebote als Ergänzung zu nutzen, um so die körperliche Entwicklung ihres Kindes optimal zu unterstützen.

Pro: «Fitnesstraining ist bereits für Kinder geeignet»

Auf die vielen Vorteile von Sport und Bewegung für den Menschen muss ich hier nicht nochmals eingehen, das ist allseits bekannt und dafür gibt es genügend wissenschaftliche Beweise. Aber die Frage, ob Fitnesstraining auch für Kinder schon geeignet ist, ist berechtigt. Denn die Kombination Kinder und Fitness ist in der Schweiz noch unbekannt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ein Training in Studios auch für Kinder geeignet ist. Wer regelmässig Sport treibt, und fit sein möchte, setzt sich mit Ernährung auseinander. Dies führt dazu, dass sportliche Menschen oft auch viel bewusster essen. Die Gewöhnung an die Bewegung kann daher nicht früh genug passieren. Denn es ist längst bekannt, dass ein frühes Einsteigen die Freude an der Bewegung fördert und ein lebenslanges Sporttreiben unterstützt. Ein weiterer Vorteil ist die extrem gute Aufnahme- und Lernfähigkeit im Kindesalter. Denn je älter man ist, desto schwieriger ist es, Neues zu lernen. An den koordinativen Fähigkeiten kann also bereits im Kindesalter gearbeitet werden. Entgegen dem Volksglauben hat auch Krafttraining (natürlich ohne zusätzliche Gewichte!) eine äusserst positive Wirkung auf das Wachstum. Macht man es richtig, wird dadurch zusätzliche Knochensubstanz aufgebaut und die Knochendichte und der Mineralgehalt im Knochen werden erhöht. Werden Fitnesskurse von Experten geleitet, können Eltern davon ausgehen, dass die richtigen Übungen für die Kinder angeboten werden. Auch sollte man die soziale Ebene solcher Fitnesstrainings nicht vergessen. Werden die Kurse in Gruppen durchgeführt, kommen die Kinder früh in Kontakt mit Altersgenossen. Dabei lernen sie ganz nebenbei, sich richtig zu verhalten, wie man teilt und sich gegenseitig unterstützt. Und wie man zusammen in der Gruppe richtig viel Spass haben kann. Meiner Meinung nach bieten die angebotenen Fitnesstrainings also viel Positives für die Kinder. Es ist mir aber wichtig zu erwähnen, dass das freie Spielen draussen im Park dadurch nicht ersetzt wird. Es gilt, diese Angebote als Ergänzung zu nutzen, um so die körperliche Entwicklung ihres Kindes optimal zu unterstützen.

Wir sind zu dick, bewegen uns zu wenig und leben zu ungesund. Beobachten wir diesen schlechten Lebensstil bereits bei Kindern, sind wir umso schockierter. Wir bemitleiden das kleine Pummelmädchen im Schwimmbad und schütteln den Kopf über die Buben, die lethargisch vor der Glotze sitzen oder am Computer gamen. Wir müssen etwas ändern; am besten setzen wir früh an – ganz nach der Weisheit «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr». Aber zweijährige Knirpse sollen ins Fitnessstudio? Das Programm aus Bern heisst auch noch «Born to Move» – also kaum auf der Welt schon in die Muckibude? Das ist wirklich übertrieben. Kaum hat die Fitnessindustrie die Erwachsenenwelt in den Fitnesswahn getrieben – wir rennen ja alle in die stickigen Studios, weil wir es so weit kommen lassen haben –, holt sie sich jetzt noch die Kleinen. Und die Grossen sollen 320 Franken bezahlen. Nein, nicht fürs Jahr, für zehn Mal Hänschen ins «Born to Move» schicken, der nur an seinen Freund auf dem neuen Fussballplatz denkt. Mit Kumpels kicken, draussen Fangen spielen, Mitglied eines Vereins sein, sich im Schulsport mehr beteiligen – das alles kostet fast nichts. Ich hoffe wirklich, dass sich dieser Trend – er kommt natürlich aus den USA, wie könnte es auch anders sein – hier bei uns nicht durchsetzt. Appell an die Eltern: Schickt eure Kinder raus. Im Sommer mit den Nachbarkindern Räuber und Poli zu spielen und dann nudelfertig ins Bett sinken, gehört zu jeder Kindheitserinnerung. Fahrt eure Kiddies nicht ständig in die Schule – lasst sie laufen oder radeln. Begeistert sie für einen Sport. Und vor allem: Lebt ihnen vor, dass man sich regelmässig bewegen muss. Zurück zum kleinen Pummelmädchen aus dem Schwimmbad: Erblicken wir die Eltern, wissen wir meist, warum die Kleine so jung schon so rund ist. Ich stelle es mir sehr heuchlerisch vor, wenn Eltern, die selber übergewichtig und dick sind, ihre Kinder ins Fitnessstudio schleppen, sie bei der Instruktorin lassen, während sie eine Glace schlecken gehen. Und Eltern, die selber viel Sport machen und sich gesund ernähren, wissen ja, wie es geht. Für die ist das Angebot, das in Amerika super läuft, auch nichts. Es ist eben nicht alles gut, was aus Übersee kommt.

Contra: «Eltern, schickt eure Kinder lieber raus in die Natur»

Wir sind zu dick, bewegen uns zu wenig und leben zu ungesund. Beobachten wir diesen schlechten Lebensstil bereits bei Kindern, sind wir umso schockierter. Wir bemitleiden das kleine Pummelmädchen im Schwimmbad und schütteln den Kopf über die Buben, die lethargisch vor der Glotze sitzen oder am Computer gamen. Wir müssen etwas ändern; am besten setzen wir früh an – ganz nach der Weisheit «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr». Aber zweijährige Knirpse sollen ins Fitnessstudio? Das Programm aus Bern heisst auch noch «Born to Move» – also kaum auf der Welt schon in die Muckibude? Das ist wirklich übertrieben. Kaum hat die Fitnessindustrie die Erwachsenenwelt in den Fitnesswahn getrieben – wir rennen ja alle in die stickigen Studios, weil wir es so weit kommen lassen haben –, holt sie sich jetzt noch die Kleinen. Und die Grossen sollen 320 Franken bezahlen. Nein, nicht fürs Jahr, für zehn Mal Hänschen ins «Born to Move» schicken, der nur an seinen Freund auf dem neuen Fussballplatz denkt. Mit Kumpels kicken, draussen Fangen spielen, Mitglied eines Vereins sein, sich im Schulsport mehr beteiligen – das alles kostet fast nichts. Ich hoffe wirklich, dass sich dieser Trend – er kommt natürlich aus den USA, wie könnte es auch anders sein – hier bei uns nicht durchsetzt. Appell an die Eltern: Schickt eure Kinder raus. Im Sommer mit den Nachbarkindern Räuber und Poli zu spielen und dann nudelfertig ins Bett sinken, gehört zu jeder Kindheitserinnerung. Fahrt eure Kiddies nicht ständig in die Schule – lasst sie laufen oder radeln. Begeistert sie für einen Sport. Und vor allem: Lebt ihnen vor, dass man sich regelmässig bewegen muss. Zurück zum kleinen Pummelmädchen aus dem Schwimmbad: Erblicken wir die Eltern, wissen wir meist, warum die Kleine so jung schon so rund ist. Ich stelle es mir sehr heuchlerisch vor, wenn Eltern, die selber übergewichtig und dick sind, ihre Kinder ins Fitnessstudio schleppen, sie bei der Instruktorin lassen, während sie eine Glace schlecken gehen. Und Eltern, die selber viel Sport machen und sich gesund ernähren, wissen ja, wie es geht. Für die ist das Angebot, das in Amerika super läuft, auch nichts. Es ist eben nicht alles gut, was aus Übersee kommt.