Albanische Alpen

Im Kosovo lässt sich auch Ski fahren, im Fall

Seit 2008 unabhängig, steht der Zwergstaat an einem Tiefpunkt: Massenarbeitslosigkeit führte zu einer Massenauswanderung. Ein Besuch im Westen des Landes, im Länderdreieck mit Albanien und Montenegro.

Traktor» nennt er seinen VW Golf I. «Damit komme ich überall hin», sagt Mirsat Nimonaj. Fast überall hin. Denn in den Bergen vor seiner Haustür in der Kleinstadt Deçan im westlichsten Zipfel Kosovos gibt es derzeit kein Durchkommen. Meterhoch liegt dort der Schnee und der unbefestigte Weg verdient die Bezeichnung Strasse nicht.

So steuert der 56-jährige Vater dreier Kinder seinen Wagen stattdessen durch die 25 Kilometer lange, eindrückliche Rugova-Schlucht in Richtung Montenegro. Die Strasse ist gut und führt von der nahen Stadt Peja einem Wildbach folgend ins Prokletije-Gebirge, was so viel bedeutet wie das verwunschene Gebirge. Man nennt es auch die Albanischen Alpen.

Diese bilden das Dreiländereck zwischen dem Kosovo, Albanien und Montenegro. Im Tal angelangt, zweigt Nimonaj ins seitliche Bogë-Tal ab. Bald tauchen kleine Holzhäuschen auf. Alpen-Chic im Kosovo. Zwar ist es weniger hoch hier, doch mit über 2600 Metern liegt der zweithöchste Berg des Bergzuges mit dem Namen Gjeravica immerhin auf kosovarischem Staatsgebiet. Er ist der höchste Berg Kosovos und unweit von Nimonajs Heimatstadt Deçan. Hier aber, in Bogë zuhinterst im Rugova-Tal, steht ein Skilift. Bogë ist das zweite Skigebiet neben dem grösseren Brezovica im Süden des Landes, wo nun eine französische Gesellschaft Millionen in die maroden Anlagen stecken will.

Der Schnee ist nass, ein paar Jugendliche versuchen sich im Schlitteln und Skifahren am Zielhang. Vereinzelte Skifahrer lassen sich vom Second-Hand-Bügellift hochschieben. Meine Begleiter, Nimonaj und seine Kollegen, der 26-jährige Wirtschaftsförderer aus der Region und dessen Freund und Übersetzer, ziehen ein Glas Tee in der Bar nebenan vor. Sie gehört zum kleinen Resort, das auch Ski vermietet.

Karte von den «albanischen Alpen»

Karte von den «albanischen Alpen»

Blutrache und Gastfreundschaft

Also nichts wie hin. Im kleinen Mietlokal stinkt es nach nassen Skischuhen. Mangels Alternative stürze ich mich in Jeans in die Schuhe und schnappe mir für fünf Euro ein Paar alte Carving-Ski.

Seit der Ankunft in Pristina am Vortag ist es das erste Mal, dass ich mich von meinem Gastgeber löse. Dieser ist von der Stadtverwaltung Deçan angestellt und soll dafür sorgen, dass sich die Region touristisch entwickelt. Die legendäre albanische Gastfreundschaft lebt er vor, wie kein anderer: «Als Gast wirst du zum Familienmitglied. Die Familie beschützt dich vor allem», hat er mir erklärt. Und sie bezahlt auch für alles. Als Gast darfst Du nicht einmal den leckeren Espresso an der Bartheke berappen. Die Gastfreundschaft ist so tief in der Gesellschaft verwurzelt wie der Kanun, der althergebrachte Verhaltenskodex, der in gewissen Situationen sogar die Blutrache rechtfertigt.

Selbstlose Gastfreundschaft, gepaart mit einer schönen Landschaft und fruchtbaren Böden für Landwirtschaft – gute Voraussetzungen für Tourismusentwicklung. Eigentlich.

Am Skilift in Bogë stehen zwei Skilehrer und kassieren die Euros für die Lifttickets ein. Sie tragen Snowboard-Boots und Skilehrerkleidung. Was draufsteht, scheint hier niemanden zu stören. «Schneesportschule Savognin» lese ich und wundere mich. Englisch oder eine andere Fremdsprache können die beiden nicht. Doch für 3 Euro lassen sie mich 3-mal den Lift benutzen.

Ein Pistenfahrzeug hat seine Spur hochgezogen und eine ziemlich steile Piste in den nassen Schnee gezeichnet. Zwei Schneetöfffahrer jagen den Berg hoch. Ihr Motorenlärm mischt sich unter denjenigen des Dieselmotors, der den Lift antreibt. Denn Strom ist hier in der westlichsten Ecke des Kosovos ein unsicheres Geschäft. Kein Haus, das nicht über ein Notstromaggregat verfügt.

Ist man oben auf 1600 Metern über Meer angekommen, herrscht Idylle pur. Der Blick schweift über unberührte Berglandschaften, bewaldete Hügel und richtige Schneeberge. Das Gelände hat alpinen Charakter. Die Piste ist weich und griffig. Sie schlängelt sich durch den Wald talwärts. Da und dort steht ein Holzhaus. Es sind Ferienhäuser der Bauart, wie man sie auch etwa in den französischen Alpen vorfindet. Am Wochenende sei es hier voll von Albanern. Albanien liegt nah. Dort ist das Skifahren weiter verbreitet als im Kosovo.

GoPro Hero2 - SKIING BOGE

GoPro-Video: Skifahren in Bogë.

Der lange Schatten des Kriegs

Am Abend sind wir wieder zurück in Deçan. Die Region hat ganz andere Voraussetzungen als die Region um Peja, das mit einer guten Strasse mit dem kleine Skiort Bogë verbunden ist. Auch Mirsat Nimonaj sehnt eine gute Strasse ins Gebirge herbei, das sich am Stadtrand von Deçan erhebt. Hier aber liegt der Hund begraben: Zwar hat der Bürgermeister von Deçan in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Strassen gebaut. Doch das Strassenprojekt in die Berge ist blockiert.

Der Grund liegt in einem serbisch-orthodoxen Kloster, an dem die Strasse dereinst vorbeiführen soll. Die orthodoxen Mönche blockieren das Projekt. Nimonaj vermutet den serbischen Staat dahinter. «Die Mönche werden doch bloss instrumentalisiert. Serbien will nicht, dass es im Kosovo zu Entwicklung kommt», sagt er. Der Sinn dahinter: Scheitert das unabhängige Kosovo, so kann Serbien sagen: «Seht her, wir haben es ja gesagt, dass es nicht funktioniert.» Serbien anerkennt seine ehemalige Provinz Kosovo bis heute nicht als eigenständigen Staat.

Ich gehe zum Kloster hin, will mit den Mönchen sprechen. Es wird bewacht von Soldaten der internationalen Schutztruppe Kfor. Sie werden misstrauisch, als ich mich als Journalist oute. Ein slowenischer Kfor-Soldat fragt im Kloster nach. Doch die Mönche verweisen auf die offiziellen Öffnungszeiten und weisen mich ab. Mirsat Nimonaj regt sich auf: «Siehst du, seit dem Krieg riegelt sich dieses Kloster ab und schützt sich mit internationalen Truppen. Als wären wir eine Gefahr. Vor dem Krieg haben wir Albaner mehr Freizeit in den schönen Anlagen dieses orthodoxen Klosters verbracht als in der Moschee.» Nimonaj ist sich sicher: Ohne Kfor ginge der Krieg von neuem los. «Aber nicht wegen der Albaner. Der serbische Staat würde Kosovo erneut besetzen.»

Kosovo – aus welcher Warte man auf das Land schaut: ein gescheiterter Staat oder ein Land im Aufbau. So, wie Nimonaj sein aus den Fugen geratenes Leben neu aufgebaut hat nach dem Krieg. Davor hatte er alles, was er brauchte. War Finanzchef einer grossen Holzmöbelfabrik in Pristina. Bis 1998 der Krieg ausbrach: Der Fluchtentscheid fiel innert Stunden. Hals über Kopf setzte Nimonaj seinen damals 7-jährigen Sohn Shpetim ans Steuer. «Wir bringen unseren Söhnen im Kindesalter das Autofahren bei, damit wir Männer uns im Notfall dem Widerstand anschliessen können und die Familie trotzdem in Sicherheit gebracht werden kann», sagt Nimonaj.
Shpetim fuhr die Familie nach Albanien in Sicherheit. Viel einpacken konnten sie nicht, als serbische Freischärler und Paramilitärs im Nachbardorf zu Vertreiben, Vergewaltigen, Plündern und Brandschatzen begannen. Nimonaj selber schloss sich mit seinem älteren Bruder der kosovarischen Widerstandsbewegung UÇK an. «Wir waren in kleinen Guerilla-Gruppen organisiert und versuchten so, den Feind punktuell zu schwächen.»

Ein halbes Jahr verbrachte Mirsat mit seinem Bruder auf offenem Feld, in den Wäldern und in den Bergen. Dann gerieten sie in Kriegsgefangenschaft. Wurden von Serben misshandelt. Der ältere Bruder starb später an den Folgen dieser Kriegswunden.

Als der Krieg vorüber war, kehrte die Familie zurück. Doch das Haus war geplündert und niedergebrannt worden. Das alte Jugoslawien war ebenso Geschichte wie Nimonajs Kaderstellung in der Möbelfabrik. Sein monatlicher Lohn liegt heute bei 500 Euro. Und das ist ein hoher Lohn. Davon baute er Stock um Stock am neuen Haus, finanzierte Shpetim und der jüngeren Tochter Mimosa das Studieren. Auch der 16-jährige Sohn Shlierim soll dereinst studieren. Seine zweite, die ältere, Tochter ist vor zwei Jahren im Alter von 19 an Leukämie gestorben.

Ihre Bilder zieren eine Wand des Wohnzimmers, in dem wir am Abend sitzen. Mimosa schenkt immer und immer wieder Fruchtsaft nach. Ihre Mutter Shqipei kocht. Am TV läuft Shaqiri für Inter Mailand dem Ball hinterher. Shaqiri, Xhaka, Behrami – für die Kosovaren sind die Schweizer Fussballer kosovarischer Abstammung die wahren Nationalhelden. Denn Kosovo hat keine eigene Nationalmannschaft. Die Fussballverbände Fifa und Uefa anerkennen die Unabhängigkeit Kosovos genauso wenig wie Facebook ein solches Land zur Auswahl hätte. Wer dort angibt, in Bogë zum Skifahren gewesen zu sein, hat nur zur Auswahl: Bogë, Serbien.

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