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Im Fast-Weltmeister-Land – Kroatiens wunderschöne Küsten und die Spuren des Krieges

Die kroatische Küste gehört zu den schönsten des Mittelmeeres. Das wird nun zum Problem. Im Sommer werden sogar Balkone an Touristen vermietet.

Martin wundert sich nicht mehr über abenteuerlustige Touristen, die ihre Mietwagen in der Bucht von Kupari parkieren und, bewaffnet mit Kameras und Selfie-Sticks in die kaputtgebombten Hotelanlagen hinter dem Kiefernwäldchen ausschwärmen. Der braungebrannte Pensionär steht mit verschränkten Armen am Strand und grüsst die Besucher mit einer jener fremdsprachigen Floskeln, die er in all den Jahren aufgeschnappt hat. Seit der kroatische Unabhängigkeitskrieg vorbei ist, kommt er jeden Morgen hierhin, schwimmt eine Runde im Meer und schaut hoch, zu den Hotels aus der Vorkriegszeit, die sich wie riesige Betonskelette in den salzigen Wind stemmen. Sie erinnern ihn an seine eigene Zeit in jenem blutigen Konflikt, in dem er als Soldat kämpfte, bis sie ihm eines Tages das linke Bein zerschossen haben. Es sei gut, dass die Gästehäuser von damals noch nicht verschwunden sind, sagt Martin. «Dann geht der Krieg vielleicht nicht so schnell vergessen.»

Bomben statt Touristen

Die Zeit scheint stillzustehen in der Bucht an der Südspitze Kroatiens. Alles sieht noch genauso aus wie auf den Ansichtskarten der 60er-Jahre – nur eben übersät von den brutalen Spuren des Krieges. Die Hotelruinen, der leere Strandkiosk und der überwucherte Weg zum «Grand Hotel Kupari» stammen aus einer Zeit, als Kroatien noch jugoslawische Teilrepublik war und die Offiziere der Volksarmee mit ihren Familien hierhin in die Ferien fuhren. Ein ausländischer Investor möchte seit langem alles abreissen und die Bucht in ein Luxusresort verwandeln. Doch der Stillstand hält an. «Kroatische Bürokratie», sagt Martin und blickt dankbar hinauf zum Himmel.

Paradiesisch schön ist es hier, wenn man die Narben des Krieges ausblendet; so paradiesisch schön, wie die kroatische Küste immer war. Das wussten die österreichischen Adligen, die sich im 19. Jahrhundert an den Stränden sonnten. Das wussten die europäischen Touristen, die bis in die 1980er-Jahre zur Erholung hierher kamen. Und das wussten die Kroaten, die sich als jugoslawische Republik zusehends darüber ärgerten, dass sie den Grossteil ihrer Tourismus-Gewinne nach Belgrad abliefern mussten. Manche Kroaten sagen, ihr Land hätte am 25. Juni 1991 nur deshalb seine Unabhängigkeit ausgerufen, weil man die Devisen nicht länger mit den verarmten Schwesterrepubliken teilen wollte.

Dann, 1992, fielen die Bomben. Der Krieg liess die summende Tourismus-Maschinerie im Balkan-Paradies mit einem Schlag verstummen. Seit den Nullerjahren summt sie wieder; manchenorts so laut, dass es den Kroaten selber Kopfschmerzen bereitet.

In der Weltkulturerbe-Altstadt Dubrovnik, zum Beispiel. Wer zum ersten Mal im Abendlicht auf der Stadtmauer um die alten Quartiere spaziert, traut seinen Augen kaum. Dubrovnik scheint wie ein Traum aus Terracotta-Dächern und alten Gemäuern, durchzogen von einem Gassengewirr, in dem das touristische Highlife tobt wie eh und je. Beim Wiederaufbau der Stadt hat man tunlichst darauf geachtet, dass möglichst nichts mehr an den Krieg und an die Bomben erinnert.

Eine einzige Infotafel liess die Stadtverwaltung hinter dem Ploče-Tor am Eingang zur Altstadt errichten. Ansonsten ist nur noch die kleine Galerie «War Photo Limited», in der der neuseeländische Fotograf Wade Goddard seine Bilder aus den Kriegsjahren ausstellt. Sie liegt versteckt an einer der schmalen Gassen, die sich wie Fischgräte von der Fussgängerzone «Stradun» abspreizen.

Doch wer will den Kroaten den paranoiden Umgang mit ihrer eigenen Vergangenheit verübeln? Mit Krieg lassen sich die Massen schliesslich kaum locken. Es sei denn, die Kriege werden von attraktiven Schauspielern in fernen Fantasie-Welten geführt, wie jene in der amerikanischen Hit-Serie «Game of Thrones». Viele der martialischen Szenen haben die Filmemacher in Dubrovnik gedreht. Die Besucherzahlen sind seit der Ausstrahlung der ersten Staffel vor sieben Jahren in die Höhe geschnellt. 1,1 Millionen Touristen (darunter auffällig viele in «Game of Thrones»-T-Shirts) zwängten sich im vergangenen Jahr durch das 28'000-Seelen-Städtchen Dubrovnik.

Invasion der Kreuzfahrtschiffe

Mato Frankovic, der junge Bürgermeister der Stadt, sprach an der Tourismusmesse in Berlin Anfang Jahr zum Thema «overtourism». Dem «Übertourismus» Herr werden, damit die Kroaten ob der fotografierenden Massen nicht die Geduld verlieren und die Touristen sich nicht auf den Füssen herumstehen: Das ist die Herausforderung, die der junge Adriastaat meistern muss.

Frankovic selber hat eben erst eine neue Massnahme zur Drosselung der Touristenzahl in seiner City eingeführt. Es darf nur noch ein Kreuzfahrtschiff aufs Mal im Hafen von Dubrovnik ankern, nicht mehr sieben wie früher.

Doch nicht überall ist die paradiesische Küstenregion Kroatiens so überfüllt wie in Dubrovnik – wo man nur noch im Uhrzeigersinn über die Stadtmauer laufen darf, damit man die Flanierhydraulik nicht stört – oder wie in der römischen Stadt Split, wo im Sommer sogar Balkone als Schlafgelegenheit an Touristen vermietet werden. An der wilden Südküste der Insel Brač, westlich des hübschen Winzerdorfs Farska, zum Beispiel, hat man die türkis Buchten fast für sich allein.

Die Abgeschiedenheit der Gegend zog im 16. Jahrhundert schon die Mönche des glagolitischen Ordens an, die hier im Blaca-Tal ein kleines Eremitenkloster in die steile Felswand bauten und über Jahrhunderte Olivenbäume, Reben und Bienenstöcke bewirtschafteten.

Heute liegen die Olivenhaine brach. Der letzte Mönch, Pater Robert Milicevic, ist 1963 gestorben. Übrig geblieben ist nur Zoran, der Mittfünfziger mit Augen blauer noch als der Himmel über dem Küstental. Er führt die Besucher durch die Klosterräume, in denen der umtriebige letzte Pater fernab der in Rom sitzenden katholischen Kontrollinstanzen ein untugendhaftes Leben lebte.

Marias Ausschnitt

Milicevic forschte lieber, als zu beten, entdeckte mit seinem Fernrohr zwei Kometen und las eifrig die neuesten astronomischen Erkenntnisse des amerikanischen «Naval Observatory». Ihre Publikationen schickt die US-Behörde bis heute einmal jährlich ins Blaca-Kloster. «Wer die Rechnung bezahlt, weiss ich nicht», sagt Zoran. «Ich jedenfalls nicht.» Nebenher führte Milicevic eine kleine Schule. Zorans Mutter war eine seiner letzten Schülerinnen. «Als Schulgeld musste jedes Kind pro Tag ein Scheit Holz mitbringen für die Heizung im Kloster», erzählt Zoran und führt durch das Freizeitzimmer des letzten Mönchs von Blaca.

Ein Flügel steht hier, haufenweise Bücher, leere Weinflaschen. «Er war lebensfreudig», sagt Zoran und lächelt. Nur einen Genuss habe er sich nicht gegönnt: Frauen. «Die gab es hier nicht, nie.» Milicevic blieb nur der Blick in den auffällig tiefen Ausschnitt Maria Magdalenas, die ihm von einem Bild an der Wand seiner Kammer herab allabendlich zulächelte.

Auch die Halbinsel Peljesac, die sich wie ein krummer Finger ins Adriatische Meer hinausreckt, ist von der touristischen Invasion verschont geblieben. Ganz am Anfang der Halbinsel steht noch die alte Befestigungsmauer, mit der die Republik Ragusa (von 1358 bis 1808 umfasste sie das Gebiet um Dubrovnik) ihre Salzfelder vor Eindringlingen verteidigt hatte. «Eines müsst ihr wissen», sagt die alte Kroatin, die im Ticketstand auf der Mauer sitzt: «Die Mauer hat uns nicht nur vor Dieben geschützt, sie hat uns auch die Muslime vom Leib gehalten. Sie haben es nie bis hierher geschafft.» Die alte Mauer von Ston, die Osmanen-Blockade: Sie stiftet Identität im erzkatholischen Kroatien bis in die Gegenwart.

Heute scheint die Mauer eine gegenteilige Wirkung zu entfalten. Statt den Kroaten Eindringlinge vom Hals zu halten, hält sie die Touristen auf dem Festland zurück. So zumindest kommt es einem vor, wenn man die Mauer hinter sich lässt und über die kurvige Strasse bis an die Spitze von Peljesac fährt. Einsam ist die Gegend hier um den mächtigen Felsen Sveti Ilija, wunderbar ruhig ist die Bucht des Dorfes Loviste. 3000 Sonnenstunden pro Jahr, glasklares Meerwasser, Fischerboote: Zum Glück wissen die Massen in Dubrovnik noch nichts davon.

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