Obwohl wir zusammen wohnen, haben wir uns in den letzten Wochen kaum gesehen (deswegen funktioniert wohl die Wohnerei mehr oder weniger gut). So muss das Interview im Auto stattfinden – auf der Fahrt von Zürich in unsere Heimat Liechtenstein verbringen wir endlich wieder einmal Zeit zusammen. Knappe 60 Minuten. Ausserdem können wir während der Autofahrt, falls es ein Streitgespräch wird, nicht handgreiflich werden. 

Du hattest auf Hawaii Sonne, Strand und Surfertypen. Jetzt lebst du in der Schweiz, wo es gerade kalt und grau ist. Was ist passiert?

Vanessa: Ich habe mich mit meinem Doktorvater nicht verstanden und das Doktorat abgebrochen. Dann bin ich zurückgekommen, um zu überlegen, was ich machen soll.

Und dann hast du dich entschieden, Lehrerin zu werden?

Ich hab einen Job gesucht, wo man viel Ferien hat (lacht). Nein, ehrlich: Meine Lehrer waren langweilig und scheisse. Da dachte ich, das kanns doch nicht sein, man kann den Unterricht doch auch besser machen.

Was ist der grösste Unterschied zwischen deinem Leben auf Hawaii und dem hier in Zürich?

Neben dem Wetter das Geld und der Luxus, den wir hier haben.

Apropos Geld: Als du deinen Doktor abgebrochen hast, bist du zuerst nach Liechtenstein auf die Bank. Warum?

Ich hatte die Schnauze voll und wollte nichts mehr mit Biologie zu tun haben. Und ich hatte gerade die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen.

Du bist dann doch zur Biologie zurückgekehrt – nicht als Forscherin, sondern als Lehrerin.

Ja, ich wollte geregelte Arbeitszeiten und nicht mehr von morgens bis Mitternacht im Labor stehen.

Aber in einem Pharmakonzern hättest du gut verdient.

Stimmt. Aber es geht ja auch um persönliche und moralische Werte.

Nach deinem Studium wolltest du auf Costa Rica Schildkröten retten. Was ist aus diesem Wunsch geworden?

(Überlegt, wiederholt die Frage, überlegt.) Ich wollte auch einmal Prinzessin werden. (Gelächter.)

Und jetzt fährst du mit dem Pendlerstrom nach Winterthur anstatt mit den Tauchern aufs Meer?

Richtig. Aber ich bin ja während meines Meeresbiologiestudiums auf Hawaii darauf gekommen, dass ich hochgradig seekrank bin. Deshalb habe ich relativ schnell auf die Aquafarming-Schiene gewechselt und habe Shrimps an Land gezüchtet.

Könntest du nicht Shrimps bei uns auf dem Balkon züchten?

Die brauchen ein bisschen mehr Platz. (Unser Balkon misst etwa vier Quadratmeter.)

Jetzt züchtest du keine Shrimps, sondern Laboranten. Deine jüngsten Schüler sind 17 Jahre alt. Warum sagst du ständig «mini Chind»?

Weil sie meine Kinder sind, meine «Schatzis». Aber manchmal nenne ich sie auch Fratzen.

Du bist eine junge, attraktive Lehrerin. Hast du auch schon Komplimente bekommen?

Ja, natürlich kommen da Pfiffe im Gang. (Gemeinsamer Lachanfall, ob der direkten, leicht überheblichen Antwort.) Wenn wir einen Ausflug machen oder eine Firma besichtigen, erkennen sie meist nicht, wer die Lehrerin ist (schampar stolz).

Uns kennen die meisten auch nicht auseinander. Wir sehen gleich aus, haben die gleiche Stimme, denken gleich und sagen oft das gleiche gleichzeitig. Was ist nicht gleich?

Du bist chaotisch und kannst kleine Dinge im Alltag nicht … Äh nein, ich kann ja auch kein Joghurt im Laden aussuchen.

Ich wollt grad sagen, du willst mir vorhalten, dass du dich besser entscheiden kannst?

Ja, nein, das kann ich auch nicht. Aber mit dir muss man beispielsweise noch den Koffer packen.

Pfff, ich wusste genau, dass das kommt.

Das stimmt. Bei dir sagt die ganze Familie immer noch, du seist die Kleine, dir müsse man helfen. Ich bin eh gespannt, was du fürs Wochenende wieder eingepackt hast.

Nur Blödsinn. Da fällt mir ein weiterer Blödsinn ein. Wir haben einen gemeinsamen Spleen, über den sich alle immer lustig ...

Servietten (schreit meine Schwester und unterbricht mich). Wir wollen nicht, dass unsere Gäste die Servietten benutzen. Sie sind nur Deko. Man fasst sie nicht an.

Aber es ist schon ein wenig schräg, dass wir sie einsammeln und wieder verwenden.

Nein, Servietten werden nicht benutzt, sollen sie doch ihre Ärmel nehmen. (Lachattacke – und das ausgerechnet auf der Überholspur.)

Du kannst besser Verantwortung übernehmen, bist pflichtbewusster. Du kannst sogar besser Kofferpacken. Was kann ich besser?

(Bis auf die Geräusche der Autobahn herrscht Stille. Die Stille dauert lange, zu lange ...) Du kannst besser Fantasie-Storys erzählen. Und besser entertainern. Du bist der Kasperli.

Ich liebe dich. Und manchmal hasse ich dich. Wie findest du mich?

Genau gleich.

Nur in der anderen Reihenfolge oder was?

Genau.

Warum hast du mir, als wir klein waren, erzählt, dass ich von den Affen abstamme und nur als Experiment in EURER Familie lebe?

Das habe ich nicht nur dir erzählt, sondern allen. (Lacht nicht, ich auch nicht.)

Warum stehen wir immer in Konkurrenz zueinander?

Das ist wahrscheinlich normal.

Und warum streiten wir so viel und vor allem so derb?

Weiss ich doch nicht. Sag du doch.

Ich frag aber dich. (Die Stimmung droht zu kippen). Weil wir so ähnlich sind. Weil wir niemand anderen besser kennen, verstehen wir es, uns im Nu auf die Palme zu bringen. Hinzu kommt unser Hang zum Drama und natürlich ein Esslöffel Sensibilität.

Hättest du gerne solche Kinder, wie wir es sind?

Ja sicher. Auf so schöne, tolle, wundervolle, intelligente Kinder ist wohl jeder stolz und glücklich.

Ich meinte jetzt eigentlich eher wieder die zwei Streithennen, die das Leben ihrer Eltern oft höllisch gemacht haben.

Nein, genau solche Kinder will ich.

Wer heiratet zuerst oder hat als Erstes Kinder?

Das weiss ich doch nicht. Wenn ich in die Zukunft schauen könnte, wäre ich bestimmt nicht Lehrerin.

Aber es ist schon klar, dass, wenn du heiratest, ich deine Trauzeugin bin und nicht deine beste Freundin Tina?

Ja, sicher. Du sagst doch ständig «Blut ist dicker als Wasser». Und das Theater, das du sonst machen würdest, will ich mir ersparen.

Morgen ist Weihnachten. Eigentlich die Zeit der Harmonie. Wie wird es bei uns?

Chaos. Alle sind gestresst, nervös und streiten. Aber wenn wir dann da sitzen, ist es wunderschön (lacht über ihre optimistischen Worte).

Also kein Streit?

Nein, Weihnachtslieder singen wir ja nicht mehr. Also kann sich niemand in die Haare kriegen, wie die zweite Strophe von «Stille Nacht, heilige Nacht» korrekt lautet.

Lass uns vereinbaren, dass es Morgen friedliche Weihnachten gibt. Ohne Streit. Ganz schön harmonisch. Okay?

Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann.

(Wir sind in Pfäffikon SZ, auf der linken Seite glitzert die Goldküste, auf der rechten ist es finster. In der Mittelkonsole leuchtet das Handy-Display. 23 Minuten, 22 Sekunden – ohne Streit. Ohne Handgreiflichkeiten.)

Weitere Familieninterviews finden Sie hier unter der Rubrik Leben.