Familieninterview

«Ich könnte heute nicht mehr Lehrer sein»

Im Sandwich: az-Redaktor Thomas Wehrli mit seinen beiden Onkeln, René (links) und Heinz Picard. Das Gespräch in der guten Stube von Heinz war angeregt und führte beide in die eigene Kindheit zurück.

Im Sandwich: az-Redaktor Thomas Wehrli mit seinen beiden Onkeln, René (links) und Heinz Picard. Das Gespräch in der guten Stube von Heinz war angeregt und führte beide in die eigene Kindheit zurück.

Sie sind Brüder und haben ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen: Heinz Picard wurde Bezirksschullehrer, René Schauspieler, Sänger – und Postauto-Chauffeur. Ein Gespräch über die Fahrt durch das Leben, das Älterwerden und das Danach.

René, nun hast du die Chance, all das loszuwerden, was du schon immer über Heinz sagen wolltest.

René: Da muss ich dich enttäuschen. Ich habe immer alles sofort gesagt – sonst hätte ich es wieder vergessen.

Heinz: Als Brüder muss man auch nicht viel reden. Es war so, wie es war. 

Ist dem so? Stimmen die Erinnerungen überein?

René: Heinz beschreibt in seinen Büchern viele Begebenheiten von früher. Ich habe sie genauso in Erinnerung.

Wie war eure Kindheit?

Heinz: Eine strenge Zucht mit klaren Regeln. Wir durften beispielsweise am Mittagstisch nicht reden. Vater brauchte Ruhe und wollte die Mittagsnachrichten am Radio hören. Das kann einen ein Leben lang verfolgen. Plötzlich stellt sich in späteren Situationen am Esstisch das Schweigen wieder ein. Ohne dass eine äussere Ursache vorliegt.

René: Das Leben war noch sehr bäuerlich. Das gefiel mir aber, denn mich faszinierten Pferde seit frühester Kindheit. Mit 10 Jahren kutschierte ich schon und half bei der Heuernte.

Heinz: Wir hatten lange Zeit auch Hasen. Mutter schaute für sie, Vater schlachtete sie. Eines Abends sagte er unvermittelt: Fertig, das ist der letzte Hase, den ich getötet habe; ich kann das nicht mehr. Diese Offenheit hätte ich ihm nicht zugetraut, denn sonst markierte er immer den Starken. So wie es damals die Gesellschaft erwartete: Der Mann ist stark, von dem kann man alles erwarten.

Wie war euer Vater?

René: Er war als Vater nicht wirklich präsent. Wir haben nicht viel mit ihm gesprochen. Für ihn war das Dachziegelwerk das grosse Ding. Die Backsteine waren seine Welt. In dieser ging er auf. Er tüftelte so lange, bis er eine Lehmmischung gefunden hatte, mit der man Hochhäuser bauen konnte.

Heinz: Er hat nie Ferien gemacht, hat immer gesagt: Wer Ferien macht, ist ein fauler Mensch. Einmal haben sie ihn fast zu Ferien genötigt. Er liess sich überreden, packte das Köfferchen, reiste ins Tessin – und rief am Abend an: Das halte er nicht aus, er komme am nächsten Tag nach Hause.

In drei Tagen ist Weihnachten. Wie war das für euch als Kinder?

René: Durchzogen, denn unser Vater mochte die Festtage nicht. Ich freute mich vor allem, dass Vater an den Festtagen jeweils eine Blechkiste mit Laurent-Zigaretten kaufte. Wir stibitzten ihm daraus und rauchten die Zigaretten draussen. Wenn er seine Ruhe wollte, gab er uns auch mal eine …

Heinz: Dein Vater Dölf kam mit seinen Eltern jeweils an Silvester zu Besuch. Er rauchte, was das Zeug hielt. Ich dachte mir zuerst, das sei sicher gesund, wenn er es so ausgiebig macht.

René: Damals zelebrierte man das Rauchen noch, von Krebs war kaum die Rede. Man hielt die Zigaretten extra so, dass die Finger gelb wurden. Jeder sollte sehen: Ich rauche.

Ich habe selber fast 20 Jahre lang geraucht. Ich wollte schon lange aufhören, doch schob ich es immer wieder raus. Dann hatte ich das Glück, einen Lungenkollaps zu haben – und war rauchfrei.

Heinz (lacht): Du Glücklicher.

Wie habt Ihr es geschafft?

Heinz: Irgendwann hatte ich das Gefühl, das ist doch Selbstmord in Raten. Ich sagte: Schluss – und kaute von da an lange Zeit unablässig Kaugummi. Das kam anderen in den falschen Hals. Einmal sagte mir eine Bekannte, das habe sie noch nie gesehen, einen Mann in Würde, der dermassen «chätscht».

René: Bei mir war es schwieriger. Als ich 10 Jahre alt war, wollten mir die Eltern das Rauchen austreiben – und brachten mir das Inhalieren bei. Ich war sofort süchtig. Das ging so weit, dass ich der einzige Fussball-Junior im Aargau war, der während der Pause raus durfte, um eine zu rauchen. Nur so stand ich die zweite Hälfte durch.

Das tönt nach: Hochgradig süchtig.

René: Das war ich. Ich rauchte über Jahrzehnte bis zu 120 Zigaretten pro Tag. Das ging so lange gut, wie ich Sport trieb. Dann ging es bergab. Ich konnte nicht mehr singen, hatte keinen Schnauf mehr. Das war schlimm, denn ich war beruflich als Sänger, Musiker und Schauspieler engagiert. Mit 50 schaffte ich dann den Ausstieg – dank Traditioneller Chinesischer Medizin.

Ihr beide habt eine künstlerische Ader. Liegt das in der Familie?

René: Schon. Beide Elternteile waren theaterverrückt, spielten auch selber mit. Unsere Mutter liebte zudem die Fasnacht.

Heinz: Vater schrieb in Wald ZH, wo er seine Lunge kurierte, sogar ein Büchlein. Davon erfuhren wir allerdings erst, als er gestorben war.

René: Es ist schon verrückt: Als ich es las, lernte ich Vater von einer völlig anderen Seite kennen. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Leider konnten wir nicht mehr mit ihm darüber sprechen.

Heinz: Es ist für alles zu spät, wenn man es erst nach dem Tod erfährt. Da bleiben Fragen offen.

Die Frage bleibt: Weshalb wurdest du, René, Künstler und du, Heinz, Lehrer?

René: Meine Eltern liebten Operetten. Da sie Angst hatten, mich alleine zu Hause zu lassen, nahmen sie mich mit. So sah ich bereits als kleiner Knirps alle berühmten Operetten. Ich summte die Melodien jeweils am nächsten Tag auf dem Reitseil nach. Das hat mich geprägt und später tauchte ich selber in diese Welt ein.

Heinz: Mir gefiel das Theater auch, sehr sogar. Doch ich hätte nie den Mut gehabt, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Schon weil Mutter mir einbläute: Du musst die Matura machen, sonst wird nichts aus dir. Mit Kunst kann man nicht überleben.

René: Das tönte bei mir nicht anders. Solange ich die Schauspielerei hobbymässig betrieb, fand sie es gut. Als ich ihr sagte, ich würde sie zum Beruf machen, war es vorbei. Sie sagte von da an, wenn sie jemand fragte: Ich weiss nicht, was René beruflich macht. Sie hat es nie akzeptiert.

Weil es die Gesellschaft nicht akzeptierte?

René: Das hatte sicher einen Einfluss. Damals sagte noch der Pfarrer, was Sache ist.

Heinz: Die Seelsorger redeten bei dem mit, ‹was sich gehört›. Sie machten zum Beispiel klar, wie kurz die Turnröcke der Frauen sein durften, wenn es um die Anschaffung solcher Kleidungsstücke ging. Heute muss man darüber lachen, damals war es bitterer Ernst.

Was war für euch Religion?

Heinz: Der Katechismus. Was in ihm steht, hatte absolute Gültigkeit. Daran durfte man nicht zweifeln.

René: Etwas zu hinterfragen, war verboten. Das war eine schwere Sünde. Und es musste einem immer etwas schlecht gehen, damit es einem nachher gut geht.

Heinz: Man musste sich den Himmel ja verdienen. Als Kind machte mir das Angst. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind, als Angst vor der ewigen Verdammnis zu haben.

Du warst nicht nur Künstler, sondern auch Postauto-Chauffeur. Eine eigenwillige Kombination.

René: Finde ich nicht. Ich war immer ein angefressener Autofahrer und fuhr grosse Amerikaner-Schlitten. Die nächste Grösse waren dann eben Lastwagen und Busse. Postauto fuhr ich, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Als Künstler kommt man nur über die Runden, wenn man sich entweder einschleimt oder für unmögliche Gagen spielt. Für beides war ich nicht zu haben.

Kürzlich hatte ein Postauto-Chauffeur einen Herzvorfall am Steuer. Als Chauffeur trägt man eine grosse Verantwortung. Wie bist du damit umgegangen?

René: Du fährst vorsichtig, ganz klar, aber du kannst die Gefahr nicht ständig vor Augen haben. Sonst hörst du schnell wieder auf.

Wenn ich in «deinem» Postauto jeweils nach Aarau fuhr, hatte ich den Eindruck: Du zelebrierst das Fahren.

René: Das war so, das Postauto war meine Bühne. Ich habe mich immer geweigert, die Stimme ab Band die Haltestellen ansagen zu lassen. Das war mein Auftritt. Ich genoss es – und die Kunden ebenso.

Du fuhrst bis 70. Hast du gerne aufgehört?

René: Mit 70 muss jeder aufhören. Schwer fiel es mir aber nicht sonderlich, denn auch bei den Chauffeuren wird heute nicht mehr gross auf die Qualität geachtet. Es geht nur noch um Menge und Tempo.

Deine Bühne, Heinz, war die Schule. Du warst an der Bezirksschule mein Deutsch- und Französischlehrer. Möchtest du heute noch Lehrer sein?

Heinz: Ich war 30 Jahre lang Lehrer und war es gerne. Doch diese Bühne, wie du es nennst, hat sich seither stark verändert. (Überlegt.) Nein, ich könnte heute nicht mehr Lehrer sein. Es braucht Leute, die im Saft sind, die wissen, was gerade in der Musik läuft, die Kinder etwa im Alter ihrer Schüler haben.

Ich erlebte dich – wie fast alle Lehrer – als Respektsperson. Das ist heute oft nicht mehr so.

Heinz: Die Autorität war sicher zu hoch gesetzt. Es ist gut, dass eine Korrektur kam. Aber heute ist man ins andere Extrem gerutscht: Viele Lehrer führen sich als Onkel oder Tante der Kinder auf. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

René: Viele Lehrer leiden auch an massiver Selbstüberschätzung.

Weshalb?

René: Weil sie zwangsläufig immer mehr als ihre Schüler wissen. Als Künstler arbeite ich nicht gerne mit Lehrern zusammen. Sie wissen immer alles besser, haben immer recht. Und weisst du, was das Beste ist?

Nein.

René: Viele können selber nicht mehr richtig Deutsch. Was sie den Schülern mitgeben, ist ein Verbrechen. Das erlebte ich bei meinen beiden Kindern.

Du ärgerst dich gerade hörbar. War das auch mit ein Grund, dass du in die Politik eingestiegen bist?

René: Ja, es ärgerte mich, dass just so viele Kandidaten für den Gemeinderat aufgestellt waren, wie es Sitze hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich gewählt werde. Ich war gleichzeitig in Verhandlung mit Oldenburg wegen eines Engagements. (Zuckt die Schultern.) Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich nahm die Wahl an und sagte Oldenburg ab.

Wolltest du nie in die Politik?

(Das Handy von René klingelt, er nimmt ab, spricht kurz.)

Heinz: Immer diese Telefonanrufe! Jetzt habe ich die Frage vergessen.

Die Frage war: Wolltest du nie in die Politik?

Heinz: Ah, ja. Nein, das Bedürfnis hielt sich in engsten Grenzen. Das «Soll» als Familie haben wir trotzdem erfüllt: Meine Frau Ruth war Gemeinderätin. Sie kam ins Gremium, als René zurücktrat.

Wie war deine Bilanz?

René: Es waren spannende und lehrreiche 12 Jahre. Ich konnte einiges bewegen. Ich sass Professor Oskar Kuhn so lange auf, bis er seinen Assistenten schickte, um die Fricker Funde zu bewerten. Er stellte fest: Es sind Knochen eines Plateosaurus. Ein Sensationsfund! Von da an war der Hype perfekt. Erinnerst du dich noch an das kleine Knochenstück, das Vater einmal aus dem Dachziegelwerk nach Hause brachte?

Heinz: Sehr gut. Er sagte: Das stammt von einem Saurier. Aber wehe, wenn ihr etwas sagt. Die Ziegelei muss Lehm abbauen, das ist wichtiger. Ich habe das Knochenstück mal gesucht, aber nicht mehr gefunden. Es ist wohl zu Staub zerfallen.

Was bedeutet das Brudersein heute?

René: Die Distanz wird kleiner.

Heinz: Zwei Parallelen werden in der Unendlichkeit eins. Die sieben Jahre Altersunterschied sind wie weggeblasen.

Das Älterwerden rückt auch bei mir näher. Wie geht Ihr damit um? Habt Ihr einen Tipp für mich?

Heinz: Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in Gelassenheit zu üben. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Man weiss: Es ist die letzte Station. Manchmal beobachte ich an mir, dass ich durch eine Buchhandlung gehe und mich frage: Soll ich das noch kaufen? Dann ärgere ich mich, denn man sollte so tun, als lebe man ewig. Sonst baut man an Lebensqualität ab. Unsere Eltern hatten es da einfacher: Die Religion gab ihnen Halt. Unserer Mutter konnte es noch so schlecht gehen, sie sagte immer: Mein Lohn kommt.

René: Ich glaube an die Seelenwanderung. Nur so lässt sich erklären, warum ein Kind stirbt. Es war schon ein- oder mehrmals da, hat sein Lebenssoll erfüllt und kommt ins Nirwana oder wie man das nennen will. Das ist ein Trost. Ob es stimmt, weiss ich nicht; ich werde es dereinst sehen.

Weitere Familieninterviews finden Sie hier unter der Rubrik Leben.

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