Familieninterview

«Ich habe keine Angst vor dem Scheitern»

Katia und Thomas Röthlin in ihrer Küche in Baden-Dättwil, wo künftig auch die eine oder andere Sitzung stattfinden wird.

Katia und Thomas Röthlin in ihrer Küche in Baden-Dättwil, wo künftig auch die eine oder andere Sitzung stattfinden wird.

Katia Röthlin lernte ihren Mann im Journalismus kennen, jetzt machen sich die beiden mit Kommunikationsdienstleistungen selbstständig. Für die zweifache Mutter geht damit der Wunsch nach mehr beruflicher Gleichberechtigung in Erfüllung.

Katia, als ausgebildete Journalistin weisst du, wie wichtig die erste Frage in einem Interview ist. Was hättest du an dieser Stelle erwartet?

Katia Röthlin: Darüber habe ich nicht nachgedacht. Ich finde es ohnehin etwas komisch, von meinem eigenen Mann interviewt zu werden.

Ich hätte dich zum Beispiel fragen können, ob du dich freust, dass ich sehr viel mehr zu Hause sein werde.

Ja, darüber freue ich mich. Ich habe mehr Freiheiten, muss zum Beispiel nicht ständig überlegen, wer auf unsere Kinder schaut. Und ich bin froh, dass du ein Gespür dafür bekommst, wie es ist, ständig daheim zu sein. Zudem ist es schön für die Kinder.

Wir machen uns selbstständig. Wovor hast du den grössten Respekt?

Nicht unbedingt davor, dass du in unseren eigenen vier Wänden arbeiten wirst. Unser Büro ist ja vorläufig im obersten Stock unseres Hauses. Eine Herausforderung wird sein, die Arbeit ausserhalb des Büros ruhen zu lassen.

Dafür bin ich daheim viel präsenter, das ist doch schön.

Du bist bereits seit deiner Kündigung öfter hier. Seit diesem Schritt fühle ich mich trotz der neuen Freiheiten manchmal wie jemand, dem man ins Gärtchen tritt: Du übernimmst Hausarbeiten, was mir das Gefühl gibt, es brauche mich dafür nicht mehr. Sobald wir einen strukturierten Wochenablauf haben mit Tagen, an denen du sozusagen arbeiten gehst, wird das sicher besser.

In welche Hausarbeiten lässt du dir am wenigsten gern dreinfunken?

Ich hatte zum Beispiel Mühe damit, dass du plötzlich angefangen hast, Brot zu backen. Es lässt sich aber verallgemeinern: Bisher war ich es, die zu Hause alles unter Kontrolle hatte – wann die Kinder was zu tun haben, wer wann zu Besuch kommt. Dann war es plötzlich umgekehrt: Ich bekam SMS von dir, wen du eingeladen hast. Unsere sozialen Kontakte zu pflegen, das war vorher meine Rolle.

Fühlst du dich bedroht?

Ich habe zwar gern die Kontrolle, aber bedroht fühle ich mich nicht. Es braucht einfach eine Umgewöhnung, wer wann wofür zuständig ist. Es ist wie damals, als die Kinder in unser Leben traten und ein Gefüge durcheinanderbrachten. Übrigens ist die jetzige Umstellung auch für die Kinder eine Herausforderung. Sie haben jetzt wechselnde Ansprechpartner, je nach dem, wer von uns gerade arbeitet.

Am einfachsten wäre wohl eine klare Rollenverteilung.

Die Kinder müssen sich daran gewöhnen, dass ihre Mutter nicht rund um die Uhr verfügbar ist. Wichtig ist, dass immer jemand für sie da ist – am liebsten mit regelmässigen Wechseln.

Ist es eine Genugtuung für dich, dass wir unser klassisches Rollenmodell aufgeben?

Ich habe mir das schon lange gewünscht, mehr Gleichberechtigung für unsere geschäftlichen Tätigkeiten. Als Partnerin fühlte ich mich immer gleichberechtigt, aber du warst lang der Ernährer und ich die Mutter – erst recht seit der Geburt unserer zweiten Tochter vor gut drei Jahren.

Bereust du es, dass du keine Karriere machen konntest?

Überhaupt nicht, ich wollte das nie. Und ich möchte niemals missen, was ich meinen Kindern geben konnte und was sie mir gaben. Deshalb habe ich eher Mitleid mit dir, dass du diese Nähe, diese Intensität der Auseinandersetzung bisher nicht hattest. Einfach zu Hause sein zu können und mich nicht um unseren Lebensunterhalt kümmern zu müssen, empfand ich als grosses Privileg. Das ist kein Widerspruch zu meinem Wunsch nach mehr beruflicher Gleichberechtigung, denn ich habe ja nebenbei immer gearbeitet.

Dein Teilzeitjob, die Kinder, der Haushalt und deine zahlreichen ehrenamtlichen Engagements: Wie hast du das bloss unter einen Hut gekriegt?

Das ist mir manchmal auch schleierhaft (lacht). Es gibt Momente, in denen entweder ich oder du oder die Kinder darunter litten – oder alle zusammen. Die Aktivitäten ausser Haus haben mich zeitweise aber auch über Wasser gehalten, mich intellektuell herausgefordert und befriedigt.

Du musstest ab und zu raus, weil dir sonst die Decke auf den Kopf gefallen wäre.

Genau. Ich merke jetzt, wie auch du realisierst, dass Familienarbeit nicht nur anstrengend ist, sondern einen an seine Grenzen bringen kann. Da spüre ich eine gewisse Genugtuung. Und eine Erleichterung darüber, dass du vielleicht mehr Verständnis dafür aufbringen kannst, wie es mir ergangen ist.

Mit unserem Jungunternehmen werden wir uns zumindest am Anfang finanziell einschränken müssen. Worauf kannst du am einfachsten verzichten?

In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass es uns finanziell gut geht. Wir konnten uns alles leisten, was wir wollten. Bei uns gibt es, glaube ich, viel Sparpotenzial. Wir können mit weniger auskommen, ohne dass es wahnsinnig wehtut. Ich kann auf teure Ferien verzichten, ich muss nicht unbedingt nach Lust und Laune Essen einkaufen, sondern kann das noch klarer planen. Ich muss ein Buch nicht kaufen, wenn ich es in der Bibliothek holen kann. Und mein Kleiderschrank ist voll. Hingegen lege ich Wert darauf, mit meiner Freundin regelmässig auswärts essen zu gehen. Und unsere Kinder sollen sich in ihren Hobbys nicht einschränken müssen: Die Klavierstunden und die Spielgruppe sollten drinliegen.

Wie weit bist du bereit, zu gehen, bis du das Abenteuer Jungunternehmerin abbrichst?

Wir arbeiten in einem Bereich, in dem wir schnell spüren werden, ob wir konkurrenzfähig sind. Ich schätze uns beide so ein, dass wir nicht ans Limit gehen werden. Wir würden wohl nie unsere gesamten Zweit- und Drittsäulengelder verpulvern, bevor wir aufhören. Wir wollen zwar, dass es klappt, und sind auch überzeugt, dass es klappen wird. Aber wenn es schiefgeht, dann wird
uns das nicht komplett aus der Bahn werfen.

Was meinst du, wer von uns beiden wird erfolgreicher sein?

Deine Ausbildung und deine berufliche Erfahrung werden dafür sorgen, dass du zumindest besser verdienst.

Wenn es dir viel besser läuft als mir, kannst du dir dann vorstellen, dass ich Vollzeit-Hausmann werde und du dich in die Arbeit stürzt?

Nein. Ich glaube nicht, dass du glücklich wärst als Hausmann. Ein wichtiger Grund für unsere Selbstständigkeit ist aus meiner Sicht ein besserer Ausgleich zwischen Arbeiten und Leben.

Und umgekehrt, du Hausfrau und ich wieder allein erwerbstätig?

Auch eine schwierige Vorstellung. Das Monetäre ist nicht das Alleinseligmachende. Wie gut es unserer Familie geht, hängt nicht in erster Linie vom Geld ab. Beide Szenarien entsprechen überhaupt nicht meiner Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Wir können zusammengezählt 120 bis maximal 140 Stellenprozente arbeiten, weil unsere Tochter im Vorschulalter kaum fremdbetreut ist. Du hast eine 40-Prozent-Anstellung. Wir müssen uns optimal aufstellen.

Diese Einschränkung fällt zumindest teilweise weg, wenn unsere Jüngere in den Kindergarten kommt. Wir müssen einfach anderthalb Jahre durchhalten.

Du hast schon vor mir mit dem Journalismus aufgehört. Kannst du dir vorstellen, je wieder in deinen alten Beruf einzusteigen?

Journalismus ist für mich immer noch ein Traumberuf. Man gelangt an Orte, wo man sonst nicht hinkäme, und man kann Leute befragen, die man sonst nicht kennen lernen würde. Gibt es etwas Grossartigeres, als eine tolle Geschichte zu erzählen? Ob ich das mit dem nötigen Tempo im heutigen Tagesjournalismus noch wollte, bezweifle ich allerdings.

Haben deine Kommunikationsdienstleistungen noch etwas mit Journalismus zu tun?

Klar. Bei meinen Angeboten Textbearbeitung und Protokollführung geht es um eine korrekte, verständliche, attraktive Sprache. Und beim dritten Standbein, dem Moderieren, muss man zuhören, anknüpfen, verdichten können – so wie bei einer guten Gesprächsführung in einem Interview.

Mit dem neuen Jahr starten wir unser Business. Bist du nervös?

Im Vorfeld sagten uns ganz viele Leute, wie mutig wir doch seien. Ich sehe mich aber nicht als Heldin. Die Idee lag in der Luft, die Zeit war reif, unser Plan ist gewachsen, wir sind parat. Ich habe keine Angst. Auch nicht vor dem Scheitern.

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