Manchmal ist es das Drüsensekret des Bibers, das einen die grossen Sinnfragen stellen lässt. Die Fragen nach der Zukunft des Landes, der Bildung, der Jugend und am drängendsten die Frage: Haben wir eigentlich alle einen Knall?

Die Fragerei kam so: Mein Töchterchen muss Fremdwörter lernen – 800 Stück. Für eine Deutschprüfung. Fremdwörter, unter denen «Drüsensekret des Bibers: Castoreum» noch zu den gebräuchlichsten zählt. Die Schule, die sie besucht, ist eine normale, meine Tochter ist normal. Und jetzt kommt das Schlimme: Sie findet es normal, solches Zeug zu büffeln. Stundenlang; bis abends um 22 Uhr. Karbunkel: viele Furunkel, Skiff: nordisches Ein-Mann-Ruderboot, Zopilot: Rabengeier.

Keine Klage, kein Jammern dringt aus dem Kinderzimmer. Nix. Vokabelkärtchen raus, aufschreiben, lernen, wiedergeben. Eine von den vier Prüfungen dieser Woche abgehakt. Ich meine – was zum Teufel lernt ein Kind durch so etwas? Was ist das beabsichtigte Bildungsziel? Belastbarkeit und Duldungsstarre? Was für ein Mensch soll das pädagogische Ergebnis sein?

Ich weiss es: der Streber.

Dieser Verdacht kam erstmals auf, als meine Tochter ein Büchlein aus der Schule mit nach Hause brachte: das Kontaktheft. Auf Seite 2 war ein Mädchen gemalt, an dem exakt aufgezeichnet war, bis wohin im Unterricht ein Rock oder Shorts zu gehen haben: bis über den Oberschenkel. Was zu bedecken ist und das auch im Sportunterricht: Schultern, Bauch. Was nicht rausgucken darf: Unterwäsche. Nein, es handelte sich nicht um eine Fibel der Koranschule oder ein Give-away für Kloster-Novizinnen, sondern um Schweizer Sek-Sittsamkeit.

Sorgfalt und Geodreieck

Wenig später kam das Kontaktheft ab und an mit Kommentaren zurück: «A. hat ihr Geodreieck vergessen» stand dann drin. Oder «A. hat die Aufgaben nicht mit Sorgfalt erledigt». Bitte unterschreiben. Das Töchterchen ist stets am Boden zerstört: Diese Schande! Wie schrecklich so ein Tadel! Wie schrecklich so ein Petz-Heft, denkt die Mutter.

Das Ganze ist jetzt ein paar Jahre her. Geodreiecke vergisst meine Tochter nicht mehr. Ihre Hausaufgaben sehen schön aus, alle Striche sind mit Lineal gezogen. Und neulich hat sie zu mir gesagt: «Das T-Shirt kann ich unmöglich anziehen, es hat Knitter.» Dann hat sie eine glatte Bluse genommen und aus ihrem Thek ein Röhrchen mit Tabletten geholt: Berocca. «Zur Konzentration.» Der Sohn meiner Physiotherapeutin schüttet Strath in sich hinein. Nichts gegen Lineal, glatte Bluse, Bildungswille und Vitamine – damit ich nicht falsch verstanden werde. Das ist toll – aber in der Häufung: erschreckend.

Was passiert da mit unseren Kindern? Läuft nicht gründlich etwas schief, wenn ein Teenager auf die Frage: «Was machst du am Wochenende?» einen ansieht, als habe man ihm ein Piece Schwarzer Afghane angeboten, und nachsichtig antwortet: «Lernen». Wenn Achtjährige im Garten auf dem Handy gemeinsam «Clever Math – mit Monstern rechnen» spielen und dabei so wohlerzogen auf der Bank sitzen, dass ein Chorknabe dagegen wirkte wie Keith Richards in seiner besonders harten Phase.

Ist das gewollt? Denn eigentlich machen sich Eltern doch dauernd Sorgen um ihre Kinder: Ob der Sonnenschutz hoch genug ist, das Holzspielzeug splitterfrei, die Milch ohne Laktose und darum, ob Orffsche Klangstäbe in ausreichender Zahl im Kindergarten vorhanden sind? Um alles. Nur darum, ob unsere Kinder blutleere Streber werden, darum sorgt sich niemand. Oder sind Bienenfleiss und Artigkeit inzwischen der neue Rock ’n’ Roll?

Das dürfen wir doch nicht!

Die flächendeckende Zurüstung zum Erziehungsziel Streber geht früh los. Vermutlich schon in der Spielgruppe, wenn Dreijährige sich gegenseitig bespitzeln, wer das falsche Znüni mitbringt: «Igitt, fette Wurst», «Schoggi-Riegel? Das dürfen wir doch nicht!» Sicher aber beginnt das Programm mit den Kinderbüchern. Denn darin darf mittlerweile keine pummelige Biene Maja mehr summen, sondern nur noch eine gesund verschlankte. Auch Pumuckl wurde auf Diät gesetzt. Und am allerbesten verkaufen sich ohnehin Bücher von Connie mit der Schleife im Haar und all jene, in denen nur Ödes passiert, aber die Kinder etwas lernen: Verkehrsregeln, Strom sparen, Gemüsesorten, bis zehn zählen ...

Ach, wo ist er hin, Astrid Lindgrens egomaner, verfressener – und wunderbar lustiger Karlsson vom Dach? Wahrscheinlich inzwischen zensiert. Vielleicht steht «lustig» auf dem Index. «Frech» steht aber ganz bestimmt drauf. Vergangenes Jahr hat die Tochter einer Freundin zu einer Klassenkameradin gesagt, sie sei fett. Die Folge: eine Anzeige, zwei Anwälte. Genug Zeit, um bis zum Erwachsensein auch geistig zu reifen, ist heutzutage für ein Kinderleben offenbar nicht mehr vorgesehen. Mal bescheuert zu sein, ist strafbar geworden. Jetzt könnte man sagen: Ist doch prima! Je braver die Kinder werden, je gehorsamer und je mehr sie sich mit Lernen beschäftigen, desto besser nicht nur für die Nerven der Erwachsenen, sondern auch für die Zukunft der Leistungsgesellschaft. Könnte man sagen. Wenn es denn stimmen würde. Tut es aber nicht.

67 Prozent aller Schweizer Eltern schicken ihr Kind zusätzlich zu einer bezahlten Nachhilfe. 800'000 Schweizer Mädchen und Jungen pendeln täglich zur Schule. Im Schnitt dauert ein Weg 30 Minuten. Viele von ihnen sind deutlich länger unterwegs.

Christiano Ronaldo hat zumindest kapiert (oder sein Coach), dass Leistung ohne Erholung nicht zu haben ist. Er soll angeblich täglich fünf Nickerchen machen. Was Ronaldos Beinen recht ist, sollte Kinderhirnen billig sein. Ohne Leerlauf, um Erlerntes sacken zu lassen, zu verarbeiten und sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, wird das mit der Bildung nichts.

Mangelware Fantasie

Die Nasa hat inzwischen massive Nachwuchsprobleme, so Walter Scott, ehemaliger Astronaut, in einem Essay, und zwar nicht, weil die jungen Menschen zu wenig wüssten, sondern weil sie zu wenig Fantasie hätten. Zu wenig Kreativität mitbringen, um neue Wege zu denken; zu wenig Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und frech auf vermeintlich eherne Gesetze zu pfeifen.

Kreativität aber braucht Musse. Die heutigen Jungen und Mädchen haben jedoch pro Woche satte 12 Stunden weniger Freizeit als noch vor 20 Jahren, hat der amerikanische Entwicklungspsychologe David Elkins herausgefunden. Das ist doch krank! Und macht krank.

Zehn Prozent der Kinder und 24 Prozent der Jugendlichen leiden inzwischen unter Spannungskopfschmerz. Stressabbau durch Sport? Fehlanzeige. Seit zehn Jahren sinkt die Zahl der Kinder ab 11 Jahren kontinuierlich, die einen der rund 20 000 Schweizer Sportvereine besuchen. Ab 15 sieht man sie dann wieder im Gym, wie sie pflichtbewusst nach Gebrauch die Geräte desinfizieren und diszipliniert daran arbeiten, ihren Körper zu perfektionieren. Den Trainingserfolg misst die Puls-Uhr, den Durst löscht Kokoswasser.

Manchmal muss ich an Thomas K. aus meiner Schulzeit denken, ein ganz besonders fieses Exemplar von Klassenkamerad: Föhnfrisur, Köfferchen mit Zahlenschloss, Abba-Fan, stets alle Hausaufgaben, stets unwillig, sie abschreiben zu lassen und manchmal richtete er unserem Lehrer Grüsse an dessen Gattin aus. Kurz: Nicht mal beim 25-jährigen Maturanden-Treffen wollte jemand neben ihm sitzen. Ganz klar, der Mann wurde einfach in der falschen Zeit geboren. Heute wäre er als Shawn Mendes Look-a-like ein Mädchenschwarm und Vorbild, die Galionsfigur all derer, die in kleinen Karos denken.

Nur – wollen wir wirklich eine Gesellschaft voller kleiner Karos? Voller Fleiss, Vernunft und Gehorsam in XXL? Mut, Widerspruchsgeist, Humor und Fantasie dagegen in XS? Eine «Generation gartenzwergesk»? Ist es nicht eher so, dass das Rad ein sehr fauler Mensch erfunden haben muss? Einer, der keinen Bock mehr aufs Laufen und Schleppen hatte. Dafür aber eine gute Idee?

Tja, nur wie steuert man als Eltern dagegen? Den Satz von Erich Kästner «Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln» auf die Kinderbettwäsche drucken lassen? Dozieren, dass das Wort «Schule» aus dem Griechischen stammt und eigentlich «freie Zeit» bedeutet? Oder die Kinder einfach mal in Ruhe lassen, sich (heimlich) freuen, wenn sie sich lautstark wehren und ansonsten darauf vertrauen, dass sie ihren Weg schon machen werden. Notfalls eben hyperkorrekt, fleissig und artig. Ist ja ihr Leben.

Und wenn sie denn, wie meine Tochter, einen Eierschneider «voll fancy» finden und davon träumen, später auch einen ihr Eigen nennen zu dürfen – na, dann ist das halt so. Irgendwas gegen die grassierende Bravheit anordnen geht ja sowieso nicht: Die Kinder täten es doch glatt.

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