Kommentar

Hurra, die Grosseltern hüten wieder!

Acht Milliarden Franken – so viel ist die Betreuungsarbeit der Grosseltern gemäss einer Schätzung wert.

Acht Milliarden Franken – so viel ist die Betreuungsarbeit der Grosseltern gemäss einer Schätzung wert.

Grosse Entspannung an der Betreuungsfront: Nicht nur für die Eltern, auch für die Grosseltern ist eine lange Durststrecke vorbei. Auch Neugeborene werden jetzt geherzt.

Die Angst sei wohl irrational, aber plötzlich sei sie da gewesen, erzählte die eine Grossmutter der anderen während des Lockdowns: Nämlich dass die Eltern ihrer Enkel sich unterdessen gut anders organisiert hätten und sie gar nicht mehr brauchen würden.

Dass sie damit komplett falsch lag, hat die Frau am Mittwochnachmittag bestimmt gemerkt: Eltern verschickten lachende Smileys, Links zur Medienkonferenz des Bundes oder der Schlagzeile, dass Grosseltern ganz offiziell wieder Enkel hüten dürften. «Hast du gehört...!», riefen sich benachbarte Eltern erleichtert zu. Und abends wurden wieder Pläne geschmiedet: Für einen Abend zu zweit, einen Ausflug oder gar ein ganzes Wochenende ohne Kinder, man stelle sich vor.

Das wussten Eltern schon vor dem Lockdown: Grosseltern sind systemrelevant. Letzte Woche vermeldete das Bundesamt für Statistik, dass Grosseltern gleich oft die Kinder betreuen wie Kitas oder Horte. Und das meist gratis. Ihre Kinderbetreuungsleistung wird auf 160 Millionen Stunden und einen Wert von 8 Milliarden Franken geschätzt.

Die Grosseltern selbst merkten, dass die Enkel fehlten, vielleicht mehr, als sie sich das bewusst gewesen waren. Ein Anzeichen war, dass die Umarmungsbewilligung des Bundes für grosses Aufsehen sorgte. Die Schwiegermutter seufzt nun:

Beim Coiffeur war sie noch nicht und einkaufen auch kaum, das habe sie nicht gross vermisst. Aber sie habe gemerkt, dass sie auf den Kontakt mit der Familie nicht verzichten könne.

Da hätten die Anrufe per Skype nicht viel geholfen. Nach Pfingsten wird sie nun mit Maske im Zug anreisen und freut sich schon. Ihrer kleinen Enkelin ist es schwierig zu vermitteln, wann «bald» ist und warum «Dienstag» nicht heute sein kann. Kürzlich hatte sie eine Schnur in Stücke geschnippelt und protestiert, als der Vater aufräumen wollte: Diese Stücke wollte sie ihrer Grossmutter schicken. Und weil wir in dieser Situation das nicht absurd, sondern herzerwärmend fanden, wurde tatsächlich ein Couvert mit Schnipseln gefüllt und abgeschickt.

Die Grosseltern des Nachbars-Babys, das mitten im Lockdown zur Welt kam, haben endlich am Babyhaar geschnuppert, einmal ohne Maske. Die Coronazeit zeigte Eltern wie Grosseltern: Es geht noch um mehr als um 8 Milliarden Franken Kinderbetreuungsleistung.

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