Was an jenem Donnerstagmorgen im Kanton Zürich geschah, bewegte die ganze Schweiz: Am Dorfrand von Oberglatt attackierten Anfang Dezember 2005 drei Pitbull-Terrier einen sechsjährigen Knaben, der gerade auf dem Weg in den Kindergarten war – und bissen ihn dabei zu Tode. Das Entsetzen über den Vorfall war gross, der gesetzgeberische Eifer ebenso. Der «Blick» startete eine Petition für ein Pitbull-Verbot und schärfere Massnahmen gegen Kampfhunde, 180'000 Unterschriften kamen zusammen.

So weit ging das Parlament zwar nicht, führte aber ein nationales Hundekurs-Obligatorium ein. Dieses trat im Jahr 2008 in Kraft, Hundehalter mussten danach einen sogenannten Sachkundenachweis absolvieren. Einzelne Kantone erliessen zudem eigene Regeln, die weiter gingen, teilweise sogar Rassenverbote beinhalteten.

Kantone entscheiden über Zwang

Heute ist alles wieder ganz anders. Das nationale Obligatorium hat das Parlament mittlerweile wieder abgeschafft, seit Anfang 2017 gilt es nicht mehr. Die Kantone können seither wieder selber entscheiden, ob sie solche Kurse vorschreiben wollen. Das macht heute jedoch nur eine Minderheit, etwa Thurgau und Zürich. Im Kanton Bern lehnte der Grosse Rat die Einführung von obligatorischen Kursen vor einigen Monaten ab.

Auch in Zürich könnte damit bald Schluss sein. Bisher mussten Halter mit einem grossen und massigen Hund zwei Kurse mit insgesamt vierzehn Lektionen besuchen. Der bürgerlich dominierte Kantonsrat hatte letztes Jahr die Abschaffung der Regelung beschlossen, doch dagegen wurde das Referendum ergriffen. Am 10. Februar stimmt die Bevölkerung darum über das Obligatorium ab. Die Argumentation der Gegner im kantonalen Parlament war ähnlich wie im nationalen: Die Kurse hätten ihr Ziel nicht erreicht, da die Zahl der Beissvorfälle trotz Kurszwang nicht zurückgegangen sei. Ein Blick in die Statistik des Kantons Zürich bestätigt diesen Befund. In den letzten Jahren hat die Zahl der Hundevorfälle tendenziell sogar eher leicht zugenommen, auch wenn es Schwankungen gab. Eine gesamtschweizerische Statistik erhebt der Bund seit 2010 nicht mehr. Eine Umfrage bei ausgewählten Kantonen zeigt jedoch überall ein ähnliches Bild: Die Fallzahlen nehmen zu, wenn auch nicht überall gleich stark. Meldepflichtig sind Bisse gegen Hunde und Tiere sowie übermässige Aggression und auffälliges Verhalten. In St. Gallen beispielsweise wurden im Jahr 2008 217 Fälle gemeldet, vergangenes Jahr waren es schon 392. Im Kanton Bern wurden 2010 799 Fälle gemeldet, im vergangenen Jahr waren es schon 1069. In Luzern stieg die Gesamtzahl der Fälle zwischen 2008 und 2018 moderat von 295 auf 313, wobei die Bissverletzungen bei Menschen stark zunahmen. Im Kanton Aargau stieg die Zahl der Fälle zwischen 2012 und 2017 leicht von 527 Fällen auf 542. Wobei der Kanton darauf hinweist, dass sich die Zahlen nur bedingt vergleichen liessen, weil seit dem Jahr 2016 eine andere Datenbank verwendet werde.

Experten sind besorgt

Hansueli Beer ist Präsident der schweizerischen kynologischen Gesellschaft. Er hält es für einen Fehler, dass das nationale Kurs-Obligatorium abgeschafft wurde. Und er ist besorgt darüber, dass der Kanton Zürich nun den gleichen Weg gehen könnte. Beer sagt: «Die Kurse sind wertvoll und müssen obligatorisch sein, insbesondere für Neuhalter.» Für ihn haben solche Kurse eine Art Schrankenfunktion: «Wer nicht bereit ist, eine Hundeausbildung zu absolvieren, sollte auch kein Tier haben», sagt Beer.

Den Anstieg in der Biss-Statistik lässt er als Argument gegen einen Kurszwang nicht gelten. Die Zahl der Fälle nehme zwar tatsächlich vielerorts zu, wie gravierend die Vorfälle seien, zeige die Statistik jedoch nicht. Beer nennt ein Beispiel: Wenn sich ein Halter beim Spielen mit dem Hund einen kleinen Kratzer hole und zum Arzt gehe, werde das registriert, sagt er. «Das bedeutet aber nicht, dass das ein böser Hund ist.» Ähnlich tönt es bei der Stiftung für das Tier im Recht, die sich in Zürich gegen die Abschaffung des Kurszwangs engagiert. «Die Teilnehmer lernen, wie sie mit ihrem Tier umgehen müssen», sagt Christine Künzli, die stellvertretende Geschäftsführerin.

Es gibt aber auch Kantone, die einen anderen Weg einschlagen. So sprach sich die Glarner Landsgemeinde vergangenes Jahr für die Einführung eines Kurszwangs für Neuhalter aus, und auch im Wallis wird darüber diskutiert. Beer wie Künzli würden trotzdem eigentlich ein nationales Hundegesetz befürworten. Im Moment ist das aber kein Thema. Die Todesbisse von Oberglatt liegen zu weit zurück.