«Ohne uns würde die Honigbiene aussterben», sagen die Imker. Dabei wird leicht verkannt: 30 Millionen Jahre haben die Bienen, ursprünglich wilde Waldtiere, ohne Imker sehr gut gelebt. Seit 30 Jahren machen Varroa-Milben den Honigbienen den Garaus. Im letzten Winter sind in der Schweiz 14,7 Prozent der Völker gestorben; es waren auch schon 50 Prozent.

Kastrierte Bienenvölker

Die heute hauptsächlich verbreitete, am Honigertrag orientierte Imkerei ist alles andere als natürlich. Die meisten Imker halten ihre Bienen in viel zu grossen Bienenkisten und die Völker reihen sie dicht aneinander – beides fördert die Übertragung von Varroa und Krankheiten. Imker unterdrücken den Schwarmtrieb, den natürlichen Drang des Volkes, sich durch Teilung zu vermehren; sie verhindern das Ausschwärmen, weil sie keinen Honigverlust dulden; vernichten den grössten Teil der Drohnenzellen, weil sie glauben, dass die Männchen – ausser ein paar Auserwählte – Nichtsnutze, ja Schmarotzer sind, welche die Varroa-Milben verschleppen.

«Das Ausbrechen der Drohnenzellen und Verhindern des Schwärmens kommt einer Kastration gleich», kritisiert Gerhard Fasolin die gängige Praxis. Der Organisator des 5. Schafisheimer Bienen-Symposiums vom vergangenen Sonntag meint weiter: «Für den honiggeilen Imker bedeutet jeder Schwarm Verlust. Dabei ist Schwärmen das Beste, was dem Volk passieren kann.»

Der Schwarm ist die natürliche Vermehrung der Honigbiene. Jeden Sommer, wenn es im Stock voll wird, teilt sich der Staat. Die alte Königin fliegt mit einem Teil der Bienen weg und baut an einem neuen Ort eine neue Wohnung. Den alten Bau überlässt sie der jungen, unerfahrenen Königin. Dieser natürliche Vorgang wird von den meisten Imkern unterdrückt, weil er nicht wirtschaftlich ist.

Dabei spielt das Schwärmen eine Schlüsselrolle für die Gesundheit der Bienen, ist Fasolin überzeugt. Er beschäftigt sich seit 35 Jahren mit artgerechter Bienenhaltung. «Naturbau und Schwarmköniginnen stärken die Bienen im Kampf gegen die Varroa-Milben», fasst er seine Beobachtungen zusammen. Aber auch Schwarmimker Fasolin muss seine Bienen mit Oxalsäure behandeln, um die Varroa im Griff zu haben.

Die Bienen schwärmen lassen – dazu rät auch Thomas D. Seeley, einer der weltweit renommiertesten Bienenforscher und Starredner am Symposium. «Bienen, die schwärmen sind stabiler», sagt Seeley, Professor für Neurobiologie und Verhalten an der Cornell Universität in Ithaca, New York. Seit 1977 studiert er wild lebende europäische Honigbienen im Arnot Forest, nahe seiner Heimat. Seit 1993 sind auch diese Bienen von Varroa befallen. «Es ist zu einer starken genetischen Selektion gekommen. Den Bienen, die überlebt haben, geht es heute gut. In ihrem natürlichen Umfeld werden sie selber fertig mit den Milben», berichtet Seeley.

Keine Bienen-Wolkenkratzer

Laut Seeley spielen für das Wohl der Bienen viele Faktoren eine Rolle. So sind im Arnot Forest die einzelnen Völker mindestens 850 Meter voneinander entfernt. Es kommt deshalb nur selten zum Verfliegen und Ausrauben und damit zum Verschleppen von Varroa-Milben. Schon zehn Meter Abstand würden laut Seeley die Ansteckungsgefahr drastisch senken. Da in der Schweiz die Imkerei fast ausschliesslich als Hobby betrieben wird, müsste dies vielenorts machbar sein.

Wilde Honigbienen, so Seeley weiter, leben in kleinen Höhlen. «Bienenkästen sind im Vergleich dazu Wolkenkratzer.» In kleinen Bauten würden sich die Varroa-Milben deutlich weniger vermehren, zudem schwärmten die Bienen öfter, was wiederum den Varroa-Druck mindere. Ein weiterer wichtiger Faktor sind laut Seeley die Drohnen: «Das wilde Bienenvolk hat mehrere hundert bis tausend Drohnen. Das sichert den genetischen Erfolg.» Imker vernichten den grössten Teil der von ihnen als nutzlos angesehenen Drohnen.

Natürlich ist die Situation in der Schweiz eine völlig andere als im urwaldähnlichen Arnot Forest. Trotzdem scheint etwas mehr Laisser-faire angebracht. Davon ist zumindest der österreichische Berufs-Bioimker Hans Rindberger überzeugt. Die bis vor kurzem noch gängige Praxis der prophylaktischen Varroa-Behandlung nennt er ein «Varroa-Zuchtprogramm». Die Medikamentenschwemme habe die Varroa-Milbe stark gemacht. Gleichzeitig hätten die Imker die Bienen durch übermässige Pflegemassnahmen degeneriert.

«Die beste Betreuung ist es, die Bienen in Ruhe zu lassen.» Völlig unbehandelte Völker seien wichtig für die Anpassungsfähigkeit der Bienen an aktuelle Bedingungen. Fünf bis zehn Prozent seiner Völker überlässt der Bio-Imker deshalb dem Schicksal. «Sie dürfen bauen, wo und wie sie wollen. Und sie dürfen auch an Varroa sterben.»

In Imkerkreisen hingegen gilt die konsequente Varroa-Bekämpfung als oberstes Gebot. Unbehandelte Völker sind Seuchenherde, so die gängige Meinung.

«Ohne Behandlung sterben die Völker innert zwei bis drei Jahren», erklärt Peter Neumann, Professor für Bienengesundheit an der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern. Das sei auch der Grund, weshalb es in der Schweiz keine stabilen, wild lebenden Populationen gibt.

Befreit die Bienen! Oder nicht?

Den Schlüssel für die Bienengesundheit sieht Neumann in der natürlichen Selektion der Bienen. Es mache bei der heutigen Situation jedoch keinen Sinn, Bienen auszuwildern, so wie es der Verein free the bees fordert. «Das funktioniert in Norwegen ganz gut, da ist der nächste Imker fünf Kilometer entfernt. Aber bei unserer hohen Bienendichte ist das Verwildern schwierig.» In der Schweiz gibt es zirka 18 000 Imker, die 180 000 Völker bewirtschaften.

Wer die Bienen retten will, wird also nicht Imker, es gibt schon genug. Bienenretter unterstützen die biologische Landwirtschaft und sorgen im Garten und auf dem Balkon für eine lange Blütenpracht. Das hilft auch den Wildbienen und anderen Insekten und damit der ganzen Artenvielfalt.