Es gibt ihn ja immer, diesen einen Moment. Der alles rausschlägt, alles überragt, für alles entschädigt. Auf der Wanderung rund um den nicaraguanischen Vulkan Cerro Negro kommt er an Tag zwei. In der Ferne erblicken wir den See, der sich im Krater des nahegelegenen Vulkans Asososca eingenistet hat. Er wirkt wie eine Fata Morgana, sind wir doch gezeichnet vom Staub, von der Hitze des Tages, von der Kälte der Nacht. Wir nähern uns, eilen auf den letzten Metern auf den See zu. Es gibt nur wenige Situationen, in denen man sich die Kleider noch lieber vom Leib reisst.

Dass sich das kühle Wasser so erlösend anfühlt, ist den vorangehenden 36 Stunden geschuldet. In aller Früh treffen wir uns in den Büroräumlichkeiten des Touranbieters, die gleichzeitig Gemeinschaftsküche, Treffpunkt und Schlafgelegenheit sind. In einer Nische kriecht einer aus dem Schlafsack, eine andere brüht sich einen Kaffee. Wer hier arbeitet (und dafür Infrastruktur der Organisation benützen darf), kommt aus den USA oder aus Europa. So wie wir, die Gruppe von zehn jungen Touristen. Es sind klassische Backpacker, unter die sich auch mal ein wohlstandssatter Aussteiger mischt. Wir alle wollen in den nächsten zwei Tagen Spass mit Anstrengung verbinden. Auf das Gebiet des Cerro Negro umgemünzt heisst das: Vulkanboarden und Wandern.

Vulkan-Boarding: Der neue Trend in Nicaragua

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Wer sich in León befindet, kommt kaum um das Angebot herum. In den historischen Bauten gibt es zwar so viel zu entdecken wie höchstens in der anderen Kolonialstadt Granada. Dennoch: Man wird an jeder Ecke auf das «einmalige Erlebnis» der Fahrt über das Vulkangestein hingewiesen. Als passionierter Snowboarder kann man kaum widerstehen – und merkt bald, dass das eine herzlich wenig mit dem anderen zu tun hat.

Wir schultern die Ausrüstung für die nächsten Tage und unser «Board». In Tat und Wahrheit ist es bloss eine schmale Betonschalungsplatte, an die ein Seil und zwei Querverstrebungen gebastelt wurden. Fürs Gesäss, nicht für die Füsse.

Das Geländefahrzeug fährt die steilen Kurven des derzeit inaktiven Vulkans hoch und setzt uns etwa zweihundert Höhenmeter unter dem Gipfel ab. Mächtig und pechschwarz steht er vor uns, der Cerro Negro mit seinen 728 Metern Höhe. Den Rest absolvieren zu Fuss, was dank der Vorfreude mühelos geht. Oben angekommen, fassen wir unseren Schutzanzug, einen einfachen Overall aus dickem Stoff. Wir sehen nun aus wie Guantanamo-Häftlinge, nur in Blau und Grün.

Der unvermeidliche Sturz

Maria, die draufgängerische Kanadierin, macht den Anfang. Sie teilt uns mit, dass sie oft snowboarde. Doch das hilft ihr sitzend wenig. Die Unterlage ist auch kein kompakter Schnee, sondern tischtennisballgrosses Vulkangestein. Maria setzt die Schutzbrille auf, macht die Go-Pro-Kamera auf ihrer Stirn an und fährt los. Wir johlen hinterher und bewundern sie dafür, dass sie die Füsse aufs Brett stellt, statt sie zum Bremsen zu benutzen. Doch nach wenigen Sekunden wird klar: Lange kann das nicht gut gehen. Sie wird immer schneller, und als sie endlich die Füsse vom Brett nimmt, ist es zu spät. Maria fällt herunter, überschlägt sich und kommt erst Meter weiter unten zum Stillstand.

Uns stockt der Atem, schliesslich ist der Schutzanzug nur ein Stück Stoff. Doch eine Kanadierin kennt keinen Schmerz, sie gibt uns per Handzeichen zu verstehen, dass alles okay ist, und fährt den Rest im Schritttempo hinunter.

Für uns oben ist klar: Beweisen müssen wir uns nicht mehr. Einer nach dem anderen setzt sich auf sein Brett und fährt hinunter – mal gemächlich, mal flott, aber ohne Unfall. Es fühlt sich ein bisschen an wie Schlitteln auf einer Buckelpiste. Nur mit Staub statt Schnee im Gesicht. Unten angekommen, sehen wir aus wie Minenarbeiter.

© maps4news.com

Nicht nur die Maulesel schleppen

Die kurze Gesichtsdusche bringt nicht viel, bald schon ersetzt Schweiss den Russ auf der Stirn. Wir sind mitten auf einer mehrstündigen Wanderung auf den «El Hoyo», «das Loch», wie der Vulkan wegen seines eindrücklichen Kraters genannt wird. Weil wir das bewaldete Gebiet irgendwann hinter uns lassen, schultern wir neben den Koch- und Übernachtungsutensilien bald auch noch Feuerholz. Die Zelte tragen glücklicherweise Maulesel den Berg hoch. Die letzte der rund fünf Stunden zehrt an den Kräften.

Doch das, was folgt, entschädigt für alle Strapazen. Der Platz, an dem wir unsere Zelte aufschlagen, liegt so schön, dass man die vielen Vulkane am Horizont kaum zählen kann. Für den Sonnenuntergang steigen wir auf den Gipfel und können nur noch eines: schweigen.
Als wir unsere Worte wiederfinden, ist es praktisch Nacht. Mit dem letzten Tageslicht steigen wir zu unserem Camp hinunter, wo der französische Tourguide das Abendessen vorbereitet hat. Es ist einfach, aber nach einem Wandertag schmeckt alles wie im Gourmettempel. Mit Räubergeschichten schlafen wir in unseren Zelten ein.

Der Morgen beginnt dort, wo der Abend aufgehört hat: am Lagerfeuer. Nur dass die Muskeln schmerzen und die Teilnehmer ihre Redseligkeit noch nicht wiedergefunden haben. Dafür ist die Sicht klarer, das Panorama noch eindrücklicher als am Vortag. Nach einem Teller Porridge brechen wir auf. Der Rucksack ist ohne Holz und Proviant deutlich leichter. Zudem geht es bergab.

Wer weise ist, wandert bereits in den Badehosen, schliesslich steht das Highlight noch bevor. Endlich, der See. Gefühlte Stunden verweilen wir im Wasser des Kratersees. Dass der Reiseleiter am Strand Tacos zubereitet, macht das Glück perfekt. Gesättigt, erfüllt und erschöpft gehen wir die letzte Stunde bis zur Haltestelle, wo uns ein öffentlicher Bus zurück nach León bringt. Am Busbahnhof fragen wir – drei begeisterte Fussballfreunde – nach dem Resultat des Champions-League-Krachers, der in diesen Minuten zu Ende ging. Ein Spiel, das man nicht habe verpassen dürfen, schwärmen zwei Jungs. Normalerweise würde uns das ärgern. Heute nicht.