Forschungserfolg

Hoffnung für Arthritis-Patienten: Neues Medikament verspricht Heilung für steife Finger

Wenn die Finger krumm bleiben: Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunerkrankung, die zu irreversiblen Schäden an den Gelenken führen kann.

Wenn die Finger krumm bleiben: Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunerkrankung, die zu irreversiblen Schäden an den Gelenken führen kann.

Schweizer Forschungserfolg: Ein neuartiges Medikament lindert das Leiden von Arthritis-Patienten. Eine internationale Vergleichsstudie unter Leitung der Rheumaforschung am Kantonsspital St.Gallen zeigt die Überlegenheit eines Wirkstoffs gegenüber einer biologischen Alternative.

Die Finger sind steif am Morgen, die Gelenke geschwollen. Die Frau bringt es nicht fertig, das Konfitüreglas zu öffnen, sie leidet an rheumatoider Arthritis. «Bei Arthritis denken viele an eine Alterskrankheit, doch dem ist nicht so. Es trifft junge und alte Menschen», sagt Andrea Rubbert-Roth. Die leitende Ärztin an der Klinik für Rheumatologie am Kantonsspital St.Gallen hat soeben eine Arthritis-Studie im renommierten «New England Journal of Medicine» publiziert. Die Rheuma-Forscherin hat zusammen mit ihrem Team in einer internationalen Vergleichsstudie die Heilungserfolge eines neuartigen Arthritis-Medikaments beweisen können.

Eine gute Nachricht für die 85000 Menschen, die alleine in der Schweiz an rheumatoider Arthritis leiden, die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. Gelenkschmerzen sind die Frühsymptome dieser Krankheit. Typischerweise erkranken die kleinen Gelenke – Finger, Zehen – zuerst. Aber es kann auch die grossen Gelenke wie das Knie betreffen.

Erkrankung beginnt nicht in den Gelenken

Neben Gelenkschmerzen und Steifigkeit ist die Schwellung der Gelenke ein typisches Merkmal der Erkrankung «Oft frage ich die Studenten, wo beginnt denn die Arthritis? Die sagen dann in dem Gelenk, oder in diesem... Doch das ist falsch», sagt Andrea Rubbert-Roth. Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunantwort, bei der Antikörper entwickelt werden gegen körpereigene Strukturen. Das beginnt nicht in den Gelenken, sondern entweder in der Lunge, im Darmtrakt oder in der Mundhöhle. Erst in einem zweiten Schritt der Erkrankung betrifft die Entzündung auch die Gelenke. Ist sie mal dort, ist der autoimmune Prozess dafür schon abgelaufen. Und die Schäden an Knorpel, Knochen und Gelenken irreversibel. Deshalb sei die frühe Diagnose entscheidend. Die Rheuma-Forscherin sagt:

Dafür gibt es eine Standardtherapie, ein Medikament namens Methodrexat, von dem viele Patienten seit 30 Jahren profitieren. «Aber es gibt viele Patienten, die damit alleine keine ausreichende Unterdrückung ihrer Krankheit erreichen», sagt Rubbert-Roth. Unterdrücken bedeutet, dass die Patienten weniger oder idealerweise gar keine Schmerzen mehr haben und die Schwellung zurückgeht. Mit alternativen Methoden ist das gemäss der Rheumatologin nicht zu erreichen. Weil das Standardmedikament bei vielen nicht reicht, gibt es Zusatztherapien. Zum einen biologische Medikamente. Zum anderen sogenannte Januskinase-Inhibitoren. Diese JAK-Hemmer sind entzündungshemmende Wirkstoffe, die aktuell in der Rheumatologie auf dem Vormarsch sind und auch gegen Psoriasisarthritis, eine Arthritis bei Schuppenflechte, eingesetzt werden. Die Mediziner erwarten zudem auch eine Erweiterung auf andere Krankheiten.

In der internationalen Studie «Select Choice» mit 600 Arthritis-Patienten wurde der Effekt eines von drei bis heute zugelassenen JAK-Inhibitors untersucht. Bis anhin gab es keine solche Vergleichsstudie zwischen JAK-Hemmern und einem Vergleichsmedikament.

Deutliche Überlegenheit gezeigt

«Nach zwölf Wochen Behandlung hat man gesehen, dass die JAK-Tablette Upadacitinib dem herkömmlichen Medikament deutlich überlegen war, was die Effektivität angeht, also die Unterdrückung der Krankheit», sagt die Leiterin der Studie. Einem Drittel der Patienten half der JAK-Hemmer, nur 13 Prozent das Biologikum.

Neben der nun belegt guten Wirkung dieser Hemmer zeigte die Studie auch, dass mit dem Medikament etwas mehr Nebenwirkungen sind. «Das ist ein bisschen der Preis für eine höhere Chance auf Beschwerdefreiheit», sagt Rubbert-Roth, die vor drei Jahren von der Universität Köln an die Klinik für Rheumatologie in St.Gallen gewechselt hat. Mögliche Nebenwirkungen bei allen Arthritis-Medikamenten sind Infektionen, weil das Immunsystem unterdrückt wird.

70 Prozent sind auf Zusatzmedikament angewiesen

Ziel der Arthritis-Therapie ist es, die Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen. Wer am Morgen das Konfitüreglas öffnen kann, geht problemlos zur Arbeit. Wer den Deckel nicht mehr aufbringt, wird sich auch schwer im Beruf tun wie auch im eigenen Haushalt. Mit dem kostengünstigen Standardmedikament Methodrexat erhalten nur 30 Prozent der Arthritis-Patienten diese Funktionsfähigkeit wieder. Die anderen sind auf ein Zusatzmedikament angewiesen.

Die Therapie mit JAK-Hemmern, die täglich in Tablettenform eingenommen werden, kostet pro Jahr etwa 15000 bis 20000 Franken. JAK-Hemmer wären auch als Einzeltherapie einsetzbar. Die internationalen Empfehlungen bevorzugen bis jetzt noch eine Kombination mit dem Standard-Medikament.

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Autor

Bruno Knellwolf

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