Es steht auf 4003 Metern Höhe auf halbem Weg zum Matterhorngipfel. Damit ist es das höchstgelegene Gebäude der Schweiz. Der kleine Unterschlupf hat schon Hunderten von Bergsteigern das Leben gerettet und ist trotzdem keine richtige Hütte. «Das Solvay-Biwak hat alles, was es für ein Biwak braucht, aber nichts, was an eine richtige SAC-Hütte erinnert», sagt der Bereichsleiter Hüttenbetrieb beim Schweizer Alpenclub SAC, Bruno Lüthi. Nichts zu trinken, nichts zu essen, keine Tische und keine Stühle – ausser vier Liegeplätzen sei im Solvay-Biwak rein gar nichts eingerichtet, daran habe sich in den letzten hundert Jahren nichts geändert. «Nicht nötig», sagt Lüthi, die spartanische Unterkunft sei auch nicht für gemütliche Stunden am Berg, sondern einzig und allein für den absoluten Notfall gebaut worden. Einen besonderen Stellenwert habe die kleine Holzhütte auf dem ausgesetzten Grat aber auch noch aus einem anderen Grund: «Es weiss kaum jemand, dass das Solvay-Biwak die einzige SAC-Unterkunft ist, die dem nationalen Zentralverband gehört», lüftet Bruno Lüthi das Geheimnis. Alle übrigen Hütten gehören einer SAC-Sektion. Diese besonderen Eigentumsverhältnisse seien auch der Grund dafür, dass der SAC Schweiz für die dieses Jahr anfallenden Sanierungskosten aufkommt. Das Solway-Biwak bekommt zum 100. Geburtstag ein neues Dach.

Solvay auch im Aargau ein Begriff

Dass die kleine Unterkunft am «Hore» den gleichen Namen trägt wie die in Bad Zurzach (Aargau) beheimatete Chemiefirma Solvay Schweiz AG, ist kein Zufall. Für den Namen des Biwaks verantwortlich zeichnet der belgische Chemiker Ernest Solvay. Er hatte 1863 mit seinem Bruder den Solvay-Konzern gegründet und eroberte dank seiner Sodafabrik mit Natriumcarbonat den Weltmarkt. 1922 schliesslich übernahm Solvay auch die schweizerische Sodafabrik in Zurzach, die acht Jahre vorher an der Aargauer Rheinseite gegründet wurde. Heute handelt Solvay-Chemie Schweiz im Aargau mit chemischen Erzeugnissen und betreibt am früheren Produktionsstandort den Solvay Industriepark als innovative Industrieplattform.

Von der Hörnlihütte bis zum Gipfel: Lampe für Lampe beginnt die Route der Matterhorn-Erstbesteiger zu leuchten.

Von der Hörnlihütte bis zum Gipfel: Lampe für Lampe beginnt die Route der Matterhorn-Erstbesteiger zu leuchten. (Archiv/Juli 2015)

Bereits 1915 wurde das Solvay-Biwak am Matterhorn fertig gebaut. Finanziert hatte das Werk der Industrielle Ernest Solvay. Er war bekannt für sein vielfältiges Engagement als Mäzen und wurde – auch wegen seiner Liebe zu den Bergen – angefragt, ob er eine Schutzhütte am Matterhorn finanzieren könnte. Ernest Solvay, der vom Matterhorn besonders fasziniert war, hatte schliesslich ein offenes Ohr und ermöglichte mit 20'000 Franken den Bau des Biwaks. Wegen schlechten Wetters konnte das «Hüttchen» aber erst zwei Jahre später – im August 1917 eingeweiht werden. Ernest Solvay durfte an den Eröffnungsfeierlichkeiten nicht teilnehmen. Es wurde ihm von der Besatzungsmacht verboten, aus dem besetzten Belgien auszureisen.

Im Notfall die letzte Hoffnung

Das Solvay-Biwak hat auch 100 Jahre nach der Eröffnung nichts an Bedeutung verloren, das bestätigt auch der Zermatter Berufsretter Bruno Jelk. Wie viele Alpinisten dem Biwak unterdessen ihr Leben verdanken, weiss auch der langjährige Zermatter Rettungschef Jelk nicht. Er weiss aber, dass es sehr viele sind. Meist bei Gewitterstürmen gegen Abend, dann, wenn man am Berg kaum mehr seine Hand vor den Augen sehe, geraten am Matterhorn regelmässig schlechtere Bergsteiger in Not.

Dankbar für die rettende Unterkunft seien aber nicht nur diese, sondern ebenfalls die Retter aus dem Tal. «Würden die Bergsteiger in solchen Situationen nicht im Solvay-Biwak Unterschlupf finden, hätten wir uns schon unzählige Male zu Fuss auf den Weg gemacht und uns so selber in Gefahr begeben», sagt Jelk. Dank des Biwaks könnten in Not Geratene per Funk instruiert und beim Warten angeleitet und beruhigt werden. Normalerweise könnten die in Not Geratenen dann später, bei gutem Flugwetter ohne Gefahr für die Retter per Heli ins Tal geflogen werden und die Rettungen per Helikopter ohne Probleme zeitlich verschoben werden. «Wir sind für jeden gefährlichen Einsatz dankbar, den wir nicht sofort machen und unter besseren Witterungsbedingungen etwas später ohne Gefahr für die Retter erfüllen können», sagt Jelk. Daran werde sich auch in Zukunft nichts ändern.

Dass das Biwak für die Bergsteiger am Matterhorn eine grosse Bedeutung hat, weiss man auch beim SAC. Deshalb sei man dem grosszügigen Spender der «kleinen Hütte mit grosser Wirkung» seit 100 Jahren ungebrochen dankbar. «Ohne Solvay-Biwak hätten sich viele Alpinisten ihren Traum von einer Matterhornbesteigung nicht erfüllen können oder diesen nicht überlebt», sagt Lüthi. Deshalb plane der SAC im August in Zermatt auch eine kleine Feier zum runden Biwak-Geburtstag. Dabei gehe es auch darum, dem Mäzen Ernest Solvay und seinen Nachkommen wieder einmal ein grosses Dankeschön auszusprechen.