US-Präsidentschaftswahl

Hillary Clinton wäre die erste Frau – warum trotzdem keiner jubelt

Wer so auf der Bühne steht, kann keine Ikone werden. Aber genügt es nicht, wenn Hillary Clinton es als erste Frau ins höchste Amt schafft? Wahlkampfauftritt in einer Universität in Ohio am Montag. Reuters

Wer so auf der Bühne steht, kann keine Ikone werden. Aber genügt es nicht, wenn Hillary Clinton es als erste Frau ins höchste Amt schafft? Wahlkampfauftritt in einer Universität in Ohio am Montag. Reuters

Fast geht es vergessen: Vielleicht übernimmt in den USA eine Frau das mächtigste Amt der Welt. Von der Beliebtheit eines Popstars ist sie jedoch meilenweit entfernt.

Übrigens: Hillary Clinton ist eine Frau. Nach 227 Jahren Männer-Herrschaft in den USA könnte bald eine Frau der mächtigste Mensch der Welt sein. Stattdessen wählen die Amerikaner, falls Hillary Clinton in knapp einer Woche gewinnt, das kleinere von zwei Übeln. Nicht die erste Frau in der Geschichte ihres Landes.

So macht es den Anschein. Denn bei dieser Wahl stehen die Menschen nicht auf der Strasse und rufen «yes, we can» und meinen damit, dass das Land kurz davor ist, einen Schritt nach vorn zu machen: dass ein historischer Moment ansteht in der Geschichte der Ungleichheit zwischen weissen und schwarzen Amerikanern. Clinton zaubert den Frauen kein hoffnungsvolles Lächeln ins Gesicht, es ist diesmal keine Magie bis hierher über den Atlantik zu spüren.

Hat Hillary Clinton eine Straftat begangen, als sie E-Mails unverschlüsselt verschickte? Ist sie gesundheitlich zu schwach für das grosse Amt? Ist sie zu verbissen? Das sind die Fragen, welche im Vorfeld der möglichen Wahl zur ersten Präsidentin Amerikas die Welt bewegen. Nicht die Frage, ob ihre Wahl ein historischer Moment ist in der Geschichte der Gleichberechtigung.

Die erste Frau ist kein Popstar

Kein historischer Moment? «Doch», findet Nationalrätin Anita Fetz, «für meine Generation wäre das ein Meilenstein.» Fetz, eine Frauenrechtlerin der alten Garde, hat den Werdegang von Clinton seit den Neunzigerjahren verfolgt und findet: «Sie ist eine hochpolitische Frau, ich bewundere ihre Hartnäckigkeit.» So wie die Presse Hillary Clinton seither verfolgt habe, sei es eine Sensation, dass sie überhaupt überlebt habe, geschweige denn, dass sie in
den Wahlkampf gestiegen sei. «Natürlich hätte es bessere Kandidatinnen gegeben», findet Fetz, «aber die waren halt nicht mehrheitsfähig.»

In den Vorwahlen war die Freude grösser:

Aber ist es Clintons Schuld, dass die potenziell erste US-Präsidentin nicht die halbe Welt in Ekstase versetzt, wie das Obama vor acht Jahren gelungen ist? Die Frau ist kein Pop-Star. Sie inspiriert nicht. Sie ist keine Ikone, nicht jung. Nicht wie Michelle Obama. Aber Michelle ist First-Lady, nicht Kandidatin und sie ist nicht durchs politische Stahlbad einer Zeit, in der man Frauen viel weniger zutraute als heute, gegangen.

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Vielleicht bleibt deshalb die Euphorie aus. Wer in den Neunzigern als Frau politisiert hat, kann 2016 nicht entspannt am Rednerpult stehen. Das weiss in der Schweiz vielleicht niemand besser als Christiane Brunner, deren Nichtwahl in den Bundesrat 1993 zehntausend Frauen zur Demonstration auf den Bundesplatz bewegt hat. Christiane Brunner hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und gibt eigentlich keine Interviews mehr. Doch die Tatsache, dass die möglicherweise erste Frau als US-Präsidentin so wenig thematisiert wird, veranlasste sie, doch zurückzurufen. «Ich hätte früher nicht gedacht, dass jemals eine Frau die Präsidentin von Amerika werden könnte», sagt sie, «dass das jetzt möglich ist, ist wichtig. Man redet zu wenig davon.» Es sei etwas anderes, wenn in Europa Frauen zum Staatsoberhaupt gewählt würden. «Die Wahl Hillary Clintons hätte Einfluss auf das Vorbild der Frauen auf der ganzen Welt.»

Clinton hat denselben Jahrgang wie Brunner. Dass Clinton immer noch kämpfen mag, bewundert Christiane Brunner. «Ja, wahrscheinlich haben die Politikerinnen unserer Generation eine dickere Haut bekommen, als sie die heutigen Jungen haben», sagt sie auf die Frage, ob ihre Generation härter sei.

Junge sind einen Schritt weiter

Wenn sie wollen, können die jungen Frauen von heute an die Macht. Zumindest in Europa, zumindest meistens. Headhunter Martin Müller von der Zürcher Firma Boyden sagt: «Ich stelle bei den Arbeitgebern keine Vorbehalte Frauen gegenüber mehr fest. Im Gegenteil werden Frauen oft bewusst gesucht, weil hinlänglich bekannt ist, dass Teams mit einer gewissen Durchmischung besser arbeiten.»

Vielleicht geraten besonders die Jungen deshalb jetzt nicht ins Träumen, wo eine Frau die Mächtigste der Welt werden könnte. Aber wenn es dann tatsächlich so weit ist, helfe das, dass Politik, Macht und Chefrollen nicht mehr primär mit Männern verbunden würden, sagt Maya Graf, Co-Präsidentin von alliance F und Basler Nationalrätin der Grünen.

«Für junge Frauen ist es wahrscheinlich nicht mehr ganz so ausserordentlich», sagt Fabienne Amlinger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Uni Bern. Sie sieht darin ein Risiko: «Die Gesellschaft könnte nach Clintons Wahl das Gefühl bekommen: ‹Alles ist gemacht, alles ist gut.› Dabei sinkt der Frauenanteil in der Politik wieder. Die politische Macht entlang der Geschlechter ist nach wie vor sehr ungleich verteilt.» Amlinger erinnert an die 2010 gross gefeierte weibliche Mehrheit im Bundesrat, die dann 15 Monate dauerte. Heute sind es noch zwei Frauen im Bundesrat.

Es seien Meilensteine, findet Amlinger, aber weil solche Ereignisse nicht immer nachhaltig seien, «sind sie kein Grund zu feiern». Mit Obama habe die schwarze Bevölkerung endlich einen Vertreter im höchsten Amt gehabt. «Aber Frauen sollten noch besser vertreten sein, sie sind keine Minderheit.»

Amlinger stört ausserdem, dass Hillary Clinton vorgeworfen wird, sie sei zu wenig emotional und zu machtorientiert. «Einem Mann würde so was nie vorgeworfen.» Es hiess jedoch inzwischen auch schon, Frauen würden besser führen, ganzheitlicher denken, seien weniger machtorientiert, kommunikativer und so weiter. Dass Frauen generell die besseren Leaderinnen sind, ist nicht belegt. Gute Chefs vereinen männliche und weibliche Eigenschaften. Headhunter Müller sagt: «Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die führen, werden immer kleiner.»

Vielleicht erwartet auch deshalb keine und keiner Wunder von einer Frau an der Spitze Amerikas. Da waren die Obama-Anhänger naiver.

Im Fokus ist Trump

Ein anderer wichtiger Grund, warum Hillarys Weiblichkeit bisher kaum ein Thema war, ist Donald Trump. Der unmögliche Gegenkandidat, über den stattdessen so viel geschrieben wird. Und er, gerade er, könnte ermöglichen, dass Hillary Clinton, falls sie gewinnt, dereinst wirkungsvoller regieren kann als Obama. Wenn nämlich die Republikaner im Kongress die Mehrheit verlieren als Folge des Image-Schadens, den Trump angerichtet hat.

Der schwarze Basketballkönig Earvin Johnson hat am Tag von Obamas Wahl geweint. Und 125 000 Anhänger haben ekstatisch gejubelt, als Obama die Siegesrede hielt. Das wird bei Clinton wohl nicht geschehen. Vielleicht halten nur die Frauen von Christiane Brunners Generation einen Moment inne. Aber es ist möglich, dass die Euphorie noch kommt. Wenn Hillary dereinst abtritt und man Bilanz zieht.

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