Es passierte auf meiner allerersten Rennvelo-Passfahrt. Just, als mich am Oberalp ein Wohnmobil überholte, glaubte ein ungeduldiger Lieferwagenfahrer, das Wohnmobil auch noch überholen zu müssen. Drei nebeneinander sind einer zu viel. Was schlimm hätte ausgehen können, endete mit einem abgerissenen Seitenspiegel (beim Wohnmobil) und einem gewaltigen Schrecken (bei mir).

Solch brenzlige Szenen spielen sich auf Schweizer Passstrassen an jedem Schönwettertag ab. Dann sind sie alle unterwegs: Töfffahrer, Cabrio-Ausflügler, Tuning-Rowdies, Gümmeler. Letztere, von den anderen gerne als «Lenkstangengöiferi» bezeichnet, sind naturgegeben die Langsamsten. Sie müssen überholt werden, derweil sich ihre eh schon brennenden Lungen mit Abgasen füllen. Kein Velofahrer, der sich nicht schon gewünscht hätte, die Strasse für sich allein zu haben. Ohne Lärm, Gestank und der Angst, vom nächsten Auto über die Leitplanke geschubst zu werden.

Bislang musste man dafür ins Ausland reisen. In Italien waren im vergangenen Sommer 32 Pässe zeitweise für den motorisierten Verkehr gesperrt; in Frankreich gab es 57 autofreie Tage – drei davon auf dem legendären Galibier. Und in der Schweiz? Einmal im Jahr ist der Albula im Rahmen des «slowUp» dem Langsamverkehr vorbehalten, alle zwei Jahre der Klausen- und der Pragelpass. Beide auf Initiative des Vereins FreiPass. Dieser versucht seit bald 14 Jahren, einen Schweizer Pass pro Wochenende den Velofahrern zu überlassen. Präsident Simon Bischof ist überzeugt, dass solche Events «positive Auswirkungen auf die jeweilige Tourismusregion» haben können: «Schauen Sie mal, was jeweils in Frankreich und Italien abgeht, wo die Leute zu Tausenden kommen. Wenn es sich nicht lohnen würde, gäbe es diese Events dort längst nicht mehr.»

Ansturm nach Tour de France

Immerhin: Zum «slowUp Albula» kommen jeweils um die 5000 Personen, zum «FreiPass Klausen Pragel» knapp 4000. Bisher schien es allerdings, als kämpfe der Verein FreiPass gegen Windmühlen. Aber jetzt tut sich was. Letztes Jahr sagte Verkehrsministerin Doris Leuthard an einer Infoveranstaltung: «Ich befürworte Velo-Tage auf Passstrassen. Jedes Wochenende sollte ein Pass für die Velofahrer reserviert werden.» Ganz so weit ist es noch nicht, aber nun hat sich Schweiz Tourismus eingeschaltet und die Event-Reihe «Ride the Alps» ins Leben gerufen. Die Idee ist die gleiche: Ein Pass ist einen Tag lang für den motorisierten Verkehr gesperrt.

Heinz Keller von Schweiz Tourismus sagt, immer mehr Gäste würden das Landschaftserlebnis in der Schweiz auf zwei Rädern suchen. «Wir beobachten, dass das Segment der ‹Gümmeler› markant zunimmt.» Und nachdem die Tour de France 2016 eine Bergankunft auf dem Col de la Gueulaz, bei der Staumauer des Lac d’Emosson (VS), einlegte, «gab es eine Riesenwelle von Touristen-Anfragen aus ganz Europa.»

Die spektakuläre Strecke mit Blick auf den Mont Blanc wird denn auch als Teil von «Ride the Alps» befahren. Die einzelnen Events werden von lokalen Tourismusorganisationen umgesetzt, mal ganz simpel und gratis, mal mit kostenpflichtiger Zeitmessung oder als Charity-Event. Pech: Die erste Passfahrt auf dem Lukmanier fiel ins Wasser – respektive in den Schnee. Anfang Mai, als die Velofahrer hätten losdüsen sollen, lagen auf der Passhöhe viereinhalb Meter davon. Und auch diesen Samstag, am zweiten Anlass auf dem Susten, kommt der Schnee in die Quere: Befahrbar ist nur die Berner Seite des Passes (ab Innertkirchen), die Urner Seite ist aufgrund der grossen Schneemengen noch nicht geräumt.

Noch Luft nach oben

Neun weitere «Ride the Alps»-Events sind geplant. Ein kleiner Wermutstropfen: Es fehlen viele grosse Pässe mit internationaler Ausstrahlung. Furka, Grimsel und Nufenen beispielsweise. Das ist auch «FreiPass»-Präsident Bischof aufgefallen. Wenn es nach ihm ginge, wären Pässe mit rein touristischer Bedeutung wie Furka und Flüela, die per Autoverlad umgangen werden können, öfter für Velos reserviert. Er begrüsst das Engagement von Schweiz Tourismus, sieht aber Luft nach oben: «Das diesjährige Programm von ‹Ride the Alps› ist ein Anfang. Es muss in den nächsten Jahren aber deutlich an Attraktivität gewinnen, sonst gerät die Schweiz gegenüber der ausländischen Konkurrenz noch mehr ins Hintertreffen.»

«Ride the Alps» ist übrigens nicht nur etwas für Rennvelofahrer. Wer nicht (mehr) so fit ist, nimmt das E-Bike. «Einfach lautlos muss es sein», sagt Bischof. Insbesondere für Familien seien autofreie Pass-Tage ein Gewinn. «Schon Achtjährige können selbstständig einen Pass bewältigen, wenn man ihnen Zeit lässt. Aber welche Familie würde das an einem normalen Tag mit all dem Verkehr wagen?» Bischof ist überzeugt, dass es sich lohnt, auch auf Familien zu setzen: «Die Kinder von heute sind die Gäste von morgen.»