Hiroshima

Heute vor 75 Jahren: Atombombe wurde gegen die Nazis gebaut – aber es traf die Japaner

Japan gedenkt der Opfer von Hiroshima.

Japan gedenkt der Opfer von Hiroshima.

Dass die Atombombe möglich war, wusste man 1939. Energie aus der Materie, das war ein attraktives Projekt, aber es schien in weiter Ferne zu liegen. Zu gross die technischen Schwierigkeiten. Die Angst, dass Hitler die Bombe zuerst haben könnte, beschleunigte die Dinge. Aber die Nazis kapitulierten am 8. Mai 1945, bevor der erste Test, am 16. Juli 1945, stattgefunden hatte.

Niels Bohr und John Archibald Wheller.

Niels Bohr und John Archibald Wheller.

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen, und Hitler löste den Zweiten Weltkrieg aus. Am gleichen Tag erschien in der Zeitschrift «Physical review» der Beitrag von Niels Bohr und John Archibald Wheeler «The Mechanism of Nuclear Fission». Bisher waren Kriege durch chemische Sprengstoffe geprägt gewesen. Bohr/Wheeler wiesen auf physikalische hin. Dafür sah man zwei Wege: Die Atomkerne schwerer Elemente zu spalten («fission») oder leichte Elemente zu verschmelzen («fusion»).

Otto Hahn (Mitte) und Fritz Strassmann (links) erklären an ihrem ehemaligen Arbeitstisch das Kernspaltungsexperiment.

Otto Hahn (Mitte) und Fritz Strassmann (links) erklären an ihrem ehemaligen Arbeitstisch das Kernspaltungsexperiment.

Der Fusionsprozess findet in Sternen (auch der Sonne) statt und fordert extrem hohe Temperaturen. Die Spaltung von Uran hingegen war Hahn und Strassmann bereits Ende 1938 gelungen. (Ungeladene) Neutronen spalten den (positiv geladenen) Kern und setzen Energie frei. Damit mehr Energie aus dem Prozess rauskommt, als reingesteckt wird, muss die Spaltung zusätzliche Neutronen freisetzen und eine Kettenreaktion in Gang setzen. Geschieht dies schnell, resultiert eine Bombe; wenn langsamer, ein Reaktor. All das war 1939 bekannt. Die Physiker beruhigten indes die Politik: zu aufwendig und nicht realisierbar. Bohr und Wheeler hatten gezeigt, dass das Uran-Isotop U235 spaltbar war, das aber im Natururan nur zu 0,7 Prozent vorkommt.

Otto Frisch und Rudolf Peierls.

Otto Frisch und Rudolf Peierls.

1940 kamen die deutschen Emigranten in England, Otto Frisch und Rudolf Peierls, zum Schluss: Um eine Explosion herbeizuführen, braucht es nur ein paar Kilogramm U235; die Separierung aus dem Natururan ist zwar teuer, aber technisch machbar, und fünf Kilogramm würden mehreren tausend Tonnen herkömmlichem Sprengstoff entsprechen. Und die Strahlung wäre noch lange nach dem Knall lebensgefährlich.

Die Bombe funktioniert, aber der Feind ist weg

Albert Einstein und Leo Szilard diskutieren den Brief an Präsident Roosevelt (nachgestellte Szene).

Albert Einstein und Leo Szilard diskutieren den Brief an Präsident Roosevelt (nachgestellte Szene).

Die Leiter des Manhattan-Projekts, Robert Oppenheimer (links) und General Leslie Groves am Ground Zero des Trinity-Tests.

Die Leiter des Manhattan-Projekts, Robert Oppenheimer (links) und General Leslie Groves am Ground Zero des Trinity-Tests.

Mittlerweile hatten der Ungar Leo Szilard und Albert Einstein lobbyiert. Die US-Regierung interessierte sich – vor dem Kriegseintritt – auch für Uran. Die Amerikaner übernahmen bald die Führung von den vom Bombenkrieg geplagten Briten. Das Manhattan-Projekt war schliesslich erfolgreich: Am 16. Juli 1945 explodierte eine Pu239-Bombe auf einem Testgelände in New Mexico.

Wenn jemand die Bombe hinkriegt, dann die Deutschen – so die einhellige Meinung bei den Alliierten. Am 8. Mai 1945 hatten die Nazis kapituliert. Viele Wissenschafter am Manhattan-Projekt, besonders die aus Europa emigrierten, hatten vor allem aus Angst mitgemacht, dass die Nazis die Bombe zuerst besitzen könnten. Jetzt sollte die Wirkung der neuen Waffe an den bereits kriegsmüden Japanern demonstriert werden. Es gab moralische Bedenken: Vorgeschlagen wurde, die Bombe irgendwo im Nowhere explodieren zu lassen. Die Politik liess sich aber nicht beeindrucken. Schliesslich stieg nur der Physiker Joseph Rotblat vorzeitig aus.

Militärisch war der Einsatz gegen Japan wohl sinnlos. Das Argument, man hätte damit 100 000 Menschenleben gerettet, wirkt fadenscheinig. Wichtiger war, die Sowjetunion, den neuen Widersacher, zu beeindrucken.

Werner Heisenberg und sein damaliger Assistent, Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahr 1934.

Werner Heisenberg und sein damaliger Assistent, Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahr 1934.

Wie weit waren die Deutschen? Anders als in den USA wurde die Atomforschung in NS-Deutschland wenig koordiniert betrieben. Die Historiker konzentrierten sich auf die Starphysiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker. Die hatten allerdings nicht viel zu Stande gebracht. War die SS erfolgreicher? Himmler redete im März 1945 von der Wunderwaffe, und es gibt Hinweise, dass in Thüringen eine Art Test stattgefunden hat. Sowjetische Agenten berichten von einer mächtigen Explosion und strahlengeschädigten Häftlingen. Aber ein Hiroshima- oder Nagasaki-Typ konnte es nicht gewesen sein, vielleicht ein Hybrid mit viel Sprengstoff und ein bisschen Spaltmaterial. Genügend U235 oder Pu239 zu produzieren, hatten die Deutschen nicht geschafft.

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